Mitarbeiter des Radiosenders „Axumite“ in Nairobi. | Dawit Haileyesus

Radio für Tigray Nachrichten aus dem Wohnzimmer

Stand: 03.05.2021 00:15 Uhr

Wer in Äthiopien über die Krisenregion Tigray berichtet, lebt gefährlich. Daher haben geflohene Journalisten in Kenia einen Internet-Sender aufgebaut - auf Umwegen findet das Programm seine Hörer.

Von Bettina Rühl, ARD-Studio Nairobi

Woldegioris Teklay steht mit der Fernbedienung in der Hand vor einem großen Flachbildschirm und versucht, das Programm von "Axumite" zu laden. "Wenn das Internet nur nicht so langsam wäre", beklagt er sich, und erzählt weiter von den Sendungen, die sie für ihren Kanal im Internet produziert haben.

Woldegioris hat den Sender mit Kolleginnen und Kollegen gegründet, die genauso wie er vor dem Krieg und der Verfolgung in Äthiopien nach Kenia geflohen sind. Weil die Internetverbindung so langsam ist, dauert es etwas, bis ihr Kanal geladen ist. Dann startet das Programm, es geht um die Bedeutung von Musik und Kunst in einem Krieg - "wie sie helfen können, wenn man Grausamkeiten ausgesetzt ist. Und wie sie in der Nachkriegszeit genutzt werden können, um Traumata zu heilen". Ein wichtiges Thema, findet Woldegioris, weil die Menschen in Tigray gerade "furchtbare Erfahrungen" machten.

Einschüchterungen und Drohungen

Der 34-Jährige floh vor knapp vier Monaten aus der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba nach Nairobi. Bis zu seiner Flucht war er Direktor eines privaten Fernsehsenders. Immer wieder seien seine Kollegen und er eingeschüchtert und bedroht worden. Ein Moderator, der nicht einmal aus Tigray stammte, sei verhaftet worden - die Regierung habe es eben auf alle Medien abgesehen, sagt Woldegioris. Er sei sich sicher gewesen, dass man auch ihn früher oder später verhaftet hätte.

Der Grund für die Drohungen sei gewesen, dass in seinem Sender nicht nur die äthiopische Regierung zu Wort kam, sondern auch Menschen aus Tigray. Die Drohanrufe seien von Mitgliedern der Regierung gekommen, aber auch von anderen bewaffneten Gruppen.

Augenzeugen werden ermordet

Drei Monate später floh auch seine Kollegin Semhal Amare nach Nairobi. Sie hatte zunächst noch aus Tigray berichtet, und zwar aus dem umkämpften Gebiet. Dort hätten ihr ein älterer Bauer und zwei Jugendliche jeden Morgen von weiteren Übergriffen der Bewaffneten gegen Zivilisten erzählt.

"Eines Morgens", berichtet sie weiter, "kamen sie nicht. Wir suchten nach ihnen und fanden ihre Leichen. Es war furchtbar. Der Mann war sicher schon 70, die anderen noch Kinder - vielleicht zehn oder elf der eine, der andere etwa 19."

Semhal Amare | Dawit Haileyesus

Nach Berichten aus dem Kampfesgebiet in Tigray fand sie in Kenia Zuflucht: die Journalistin Semhal Amare Bild: Dawit Haileyesus

Improvisieren, berichten

Beim gemeinsamen Essen in der Wohnung in Nairobi kommen Semhal, Woldegiorgis und ihre Kollegen etwas zur Ruhe. Ein Bekannter hat die Miete für ein paar Monate bezahlt; wie es dann weiter geht, wissen sie nicht. Im Wohnzimmer haben sie ihr provisorisches Studio eingerichtet: Die Wände sind mit einem Teppich etwas schallisoliert, auf einem Tisch ist ein Mikrofon aufgebaut, an dem sie ihre Nachrichten lesen.

Eigentlich, überlegt Woldegiorgis, müsste man als Journalist ja vor Ort sein und aus erster Hand berichten - "aber dadurch würden wir im Moment unser Leben riskieren". Meistens greifen sie deshalb auf Quellen aus zweiter Hand zurück, aber manchmal rufen auch Kontaktpersonen an, sei es aus Tigray, aus Addis Abeba oder anderen Regionen - wenn das Telefon dort funktioniert, was in Tigray immer mal wieder nicht so ist.

Durch Kämpfe beschädigte Al-Nejashi-Moschee in Negash (Äthiopien) | AFP

Auch die Schäden an der alten Al-Nejashi-Moschee in Negash zeugen vom Ausmaß der Kämpfe in Negash. Bild: AFP

Mit Quellen aus zweiter Hand meint Woldegiorgis internationale Medien, die vor Ort waren oder Satellitenbilder aus der Konfliktregion auswerten konnten, oder Berichte von Menschenrechtsorganisationen und humanitären Helfern. Woldegioris, Semhal und die anderen übersetzen alles in die Sprache der Region, liefern lokalen Radiosendern zu.

So bekommen im umkämpften Tigray auch diejenigen Informationen, die kein Englisch können und kein Internet haben - weil sie vor den Kämpfen aus den Städten geflohen sind, oder weil die äthiopische Regierung das Netzwerk wieder einmal unterbrochen hat.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Mai 2021 um 03:22 Uhr.