Eine Frau erhält eine Impfung gegen Covid-19 in einem mobilen Impfzelt in Simbabwe. | AFP

Kaum Corona-Vakzine Afrika fordert Impfstoff-Gerechtigkeit

Stand: 06.09.2021 17:00 Uhr

Nur drei Prozent der Bevölkerung Afrikas sind voll immunisiert. Und noch immer gibt es viel zu wenig Impfstoff, trotz vieler Versprechungen. Die Länder fordern nun Impfstoff-Gerechtigkeit.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Heute stehen sie nicht vergebens vor dem Krankenhaus: Es gibt Impfstoff in Nairobi, Kenias Hauptstadt. Eine Spende von Moderna-Vakzinen aus den USA hat das ostafrikanische Land erreicht, auch AstraZeneca ist vorhanden. "Menschen verlieren ihre Liebsten, deshalb ist es wichtig, sich impfen zu lassen", sagt Pamela Lovega. Sie will auch ihre Nachbarn überreden, hierher zu kommen.

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Impfziel wird verfehlt

Doch selbstverständlich ist es hier nicht, dass es Möglichkeiten gibt, sich impfen zu lassen. Immer wieder in den vergangenen Monaten stand kein Impfstoff zur Verfügung. Dabei verlässt sich Kenia nicht nur auf die gemeinsamen Bemühungen des Kontinents, sondern versucht auch, bilateral Impfdosen zu organisieren.

Bis Ende September sollten wenigstens zehn Prozent der Bevölkerung Afrikas voll immunisiert sein, doch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss Abschied nehmen von diesem Ziel. "Wenn es so weiter geht, befürchte ich, werden 42 afrikanische Staaten dieses Ziel nicht erreichen - das wären fast 80 Prozent des Kontinents", erklärt Matshidiso Moeti, Regionaldirektorin der WHO.

Nur drei Prozent immunisiert

In Afrika sind derzeit, auf den ganzen Kontinent gesehen, weniger als drei Prozent der Bevölkerung voll immunisiert. In der EU sind es laut Kommission 70 Prozent der erwachsenen Bevölkerung. "Es ist eine Impfstoff-Apartheid", sagt Ahmed Kalebi, medizinischer Berater und Pathologe. Er spricht damit aus, was viele hier denken. "Es ist eine weltweite Diskriminierung, in der einige Länder alles haben. Dort sind bis zu 65 Prozent geimpft und sie haben genug Vorrat. Zwei bis dreimal mehr als sie Bevölkerung haben."

Afrika ist stark abhängig von Impfstoff-Spenden durch die sogenannte Covax-Initiative. Sie ist eine Einkaufsgemeinschaft, mit der Idee, dass reiche Länder für den Impfstoff der ärmeren mitzahlen. Es sollte von Anfang an gerechter verteilt werden. Covax hat laut der Afrikanischen Union zugesagt, bis September 2022 Impfstoff für 30 Prozent der Bevölkerung Afrikas zu liefern. Außerdem kauft die Afrikanische Union weitere 400 Millionen Dosen Johnson & Johnson für den Kontinent dazu. Selbst wenn alles geliefert wird, und alles so läuft, wie derzeit geplant, dann werden die Menschen auf dem Kontinent erst in einem Jahr so weit sein, wie heute Deutschland und andere reiche Länder.

EU spendet 200 Millionen Dosen

Die Europäische Union sagte jüngst 200 Millionen Dosen bis Dezember zu. "Wir sollten eine dramatische Veränderung in der Belieferung sehen", erklärt Strive Masiyiwa, Sondergesandter der Afrikanischen Union für Covid-19. "Ist es genug? Nein, das ist es nicht. Wir brauchen immer noch viel mehr Impfstoff." Und dann wird der erfolgreiche Geschäftsmann ganz deutlich: "Ich habe hoffentlich genug Druck in angemessenem Umfang auf Covax ausgeübt, und verlangt, dass sie ihre Zusagen erfüllen."

Die Reichen sollten direkt mit den Armen teilen, es hat nicht funktioniert. "Sie impfen eine dritte Dosis, während andere zu wenig haben", sagt Kalebi. "Das ist nicht gerecht, und das nicht nur aus moralischer und ethischer Perspektive. Wenn man es wissenschaftlich betrachtet, macht das auch keinen Sinn. In den Ländern, in denen nicht geimpft wird, besteht das Risiko, dass sich Varianten entwickeln. Das Virus kann sich dann wieder dorthin ausbreiten, wo schon immunisiert wurde. Dann war das alles sinn- und zwecklos."

Coronazahlen in Kenia

Kenia mit seinen etwa 53 Millionen Einwohnern hat seit Beginn der Pandemie 240.000 Infektionen mit dem Coronavirus und etwa 4700 Todesfälle registriert. Derzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei Neun. Auch wenn die Dunkelziffer hoch sein dürfte, ist die Situation in anderen Ländern Afrikas, wie etwa Nigeria, vergleichbar.

Im Vergleich dazu hat beispielsweise Italien mit rund 59 Millionen Einwohnern seit Beginn der Pandemie 4,5 Millionen Infektionen und 130.000 Todesfälle gezählt. Derzeit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 68.

(Quelle: Reuters Covid-19-Tracker, worldometers)

Impfstoffe verfallen oder können nicht verteilt werden

Trotz des hohen Bedarfs gibt es auch auf dem Kontinent ungenutzte Impfdosen, die nicht eingesetzt werden können oder die vernichtet werden. Dafür gibt es verschiedene Gründe. In einigen Fällen war das Verfallsdatum des gespendetem Impfstoffs schnell erreicht. Normalerweise ist AstraZeneca beispielsweise rund ein halbes Jahr im Kühlschrank haltbar, mit nur noch wesentlich weniger Restzeit konnten die Länder ihn nicht mehr ausreichend schnell verteilen.

Andere Länder waren auf die Verteilung noch nicht genug vorbereitet, sowohl finanziell als auch von ihrer Infrastruktur her. Das sei wohl die Lektion für die armen Länder, sagt Kalebi. "Sie müssen Gesundheit priorisieren und ihre Infrastruktur sowie ihre Technologien verbessern. Die meisten dieser Länder können auch keine eigenen Impfstoffe herstellen, noch nicht einmal gegen andere Infektionskrankheiten. Das ist ein Problem."

Ziele werden wohl nicht erreicht

In Rom sprechen derzeit die G20-Gesundheitsminister über Corona und über zukünftige Pandemien. Deutschland kündigte die Spende weiterer Impfdosen an. "Es ist nicht wirklich ein Problem von zu wenig Geld, wenn man ehrlich ist. Es gibt auch genug einzelne Initiativen. Ich denke, es sind die reichen Länder, die egoistisch sind", sagt Kalebi. "Die Afrikanische Union kann recht wenig machen, wenn die großen Länder nicht aufwachen."

Denn auch die angestrebten 60 Prozent Immunisierung bis nächsten September werden nicht reichen, das weiß man eigentlich jetzt schon. "Wenn man sich die USA und Israel anschaut, sieht man, das reicht vielleicht nicht", sagt Masiyiwa. "Die WHO drängt uns bereits, 70 Prozent anzuvisieren." Dann braucht Afrika noch mehr Impfstoff.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 06. September 2021 um 11:00 Uhr.