Die Kenianerin Ntereiyan Lenkegen trägt ihr Kleinkind auf dem Arm, während sie durch die Steppe läuft. | Caroline Hoffmann

Dürre in Afrika Eine lebensbedrohliche Trockenheit

Stand: 26.12.2021 15:01 Uhr

Seit mehr als einem Jahr hoffen die Menschen im Osten Kenias auf Regen. Die Dürre trocknet sprichwörtlich ihre Lebensgrundlage aus und verursacht weitere Krisen. Die Folgen für die Hirten sind dramatisch.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

An diesem Morgen bekommen sie endlich Hilfe: Ntereiyan Lenkegen und die anderen Frauen des Dorfes Loruko im Osten Kenias warten darauf im Schatten eines großen Baumes. Endlich etwas zu essen, denn selbst können sie sich nicht mehr ernähren.

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Drei Regenzeiten sind in Loruko schon fast ganz ausgefallen, es hat seit mehr als einem Jahr kaum geregnet. Der Boden ist trocken, das Gras wächst nicht mehr. "Diese Dürre schmerzt uns, sie ist überall und so viele Tiere sind gestorben. Das Leben ist hart", sagt die Mutter von sechs Kindern.

Ein immer leerer werdender Stall

Ihre Familie muss sie allein durchbringen, ihr Mann starb vor einigen Jahren. Ntereiyan Lenkegen ist Hirtin. Sie lebt von ihren Tieren, doch in dieser Dürre hat sie 25 Schafe und Ziegen verloren und zwei Kühe. Ihr Stall aus einfachen Holzstöcken, Gummireifen und Plastik, umzäunt mit Holz und Dornenbüschen, ist komplett leer.

Die verbleibenden zwölf Tiere treibt eines ihres Kinder nach Norden in der Hoffnung, Weideland zu finden. "Ich habe kein Vieh, das ich gerade verkaufen kann. Das macht es so hart. Ich versuche, Feuerholz zu sammeln und die Kleider anderer Leute zu waschen, um wenigstens ein bisschen Essen für meine Kinder kaufen zu können", erzählt die Mutter.

Viele Hirten im Norden und Osten Kenias berichten, dass sie bis zu 70 Prozent ihrer Tiere schon verloren hätten, so wie Ntereiyan Lenkegen. Wenn sie kein Vieh mehr verkaufen können, haben sie nichts zum Leben. In einigen Städten sind die übrig gebliebenen Tiere so schwach, dass sie Not geschlachtet wurden. "Wir sind abhängig von ihnen", erklärt Lawrence Lekupes, der Dorfchef von Loruka: "Nur sehr wenige Menschen hier haben andere Arbeit. Die Kühe sind fast alle tot."

Zweieinhalb Millionen leiden unter Folgen der Dürre

In Kenia sind mehr als zweieinhalb Millionen Menschen von Dürre und Hunger betroffen, ihre Ernährungslage ist kritisch. Sie benötigen Hilfe. Lebensmittelspenden, wie an diesem Tag in Loruko - oder Geld, um Nahrung einkaufen zu können.

Und nicht nur Kenia leidet unter der Dürre: "In Somalia, Süd-Sudan und Äthiopien, besonders in den Regionen der Viehtreiber mit trockenen und halbtrockenen Gebieten, ist die Situation überall gleich", sagt Hassan Olow von der Hilfsorganisation Concern Worldwide. "Und immer mehr Menschen sind betroffen." Allein in Somalia sind es weitere drei Millionen.

Hilfslieferungen treffen in dem kenianischen Dorf Loruka ein. | Caroline Hoffmann

In Kenia sind etwa zweieinhalb Millionen Menschen infolge der Dürre auf Hilfe wie Lebensmittelspenden angewiesen. Bild: Caroline Hoffmann

Regenzyklus ist dauerhaft unterbrochen

Durch die steigenden Temperaturen ist der Regenzyklus dauerhaft unterbrochen, sagen Wissenschaftler. Die Folge: Die Frequenz der Dürren steigt. Und wenn es doch einmal regnet, dann reichen die Tropfen nicht, damit das Gras wächst. Oder der Regen prallt so heftig auf den Boden, dass er ihn einfach wegschwemmt. Es kommt zu Überflutungen.

"Die Veränderungen des Klimas nehmen zu und die führen zu mehr Krisen", sagt Kelvin Shingles von der Welthungerhilfe. Hintergrund sei der Klimawandel. Die Dörfer und Gemeinschaften könnten die immer wiederkehrenden Probleme immer schlechter bewältigen.

In den vergangenen Jahren seien dann noch andere Krisen hinzugekommen. "Die Dörfer kämpften gegen die Heuschreckenplage, dann gegen die Folgen der Covid-19-Pandemie", erklärt Shingles. "All diese Probleme haben die Widerstandsfähigkeit der Menschen massiv reduziert. Und jetzt kommt die Dürre oben drauf."

Ein Kampf um immer weniger Ressourcen

Es stirbt nicht nur das Vieh, auch Wildtiere verenden. In der Sabuli Wildlife Conservancy im Osten des Landes fanden sie in den vergangenen Monaten elf tote Giraffen. Auf der Suche nach Wasser kommen die Warzenschweine und andere Tiere immer näher an die Dörfer heran. Die Konflikte zwischen Mensch und Tier nehmen zu.

Und auch die Hirtengruppen untereinander kämpfen um immer weniger Ressourcen, um Weideland und den Zugang zu Wasser. Bewaffnete Konflikte nehmen zu. Viel Vieh bedeutete früher Reichtum, doch das gilt nicht mehr. Die Hirten kämpfen immer stärker darum, ihre Tiere am Leben zu halten.

Und so bedroht die Dürre ihre traditionelle Lebensweise. "Sie müssen lernen, ihren Lebensunterhalt vielfältiger zu verdienen. Vielleicht die Zahl ihrer Tiere zu reduzieren, damit sie in der Zukunft überleben können", sagt Shingles. Doch alleine können die Hirten das nicht schaffen, dabei müsste unter anderem auch die kenianische Regierung massiv unterstützen.

Wegen der Dürre verendete Kühe liegen in Kenia am Rand einer Straße. | Caroline Hoffmann

Ein Großteil der Bevölkerung ist auf die Viehzucht aungewiesen. Doch immer mehr Tiere verenden in der Hitze. Bild: Caroline Hoffmann

Dürre soll wohl noch über Monate andauern

Ntereiyan Lenkegen kann soweit gerade gar nicht denken. Sie fragt sich, wie sie ihre Kinder in den nächsten Monaten ernähren soll. Mit der Hilfslieferung hat sie Maismehl bekommen, auch Öl, Reis und Bohnen. Einen Monat soll das Essen für die ganze Familie reichen, so hofft sie.

Besonders um ihren Kleinsten macht sie sich große Sorgen. "Meine Kinder bekommen nicht genug zu essen", erklärt sie. Gerade der Kleinste bräuchte Milch. Die bekam sie früher immer von ihren Tieren. Milch ist eigentlich ein wichtiger Bestandteil der Nahrung der unter fünfjährigen Kinder der Hirtenfamilien.

Doch ihre Tiere sind fort. Und so macht sich Ntereiyan Lenkegen immer, wenn sie ein bisschen Geld hat, sofort auf den Weg zum nächsten Kiosk, um ihrem Sohn Milch zu kaufen. Sie hofft, dass es endlich besser wird und die Dürre bald überstanden ist. Die Vorhersagen jedoch sehen anders aus. Die jetzige Dürre soll wohl bis Mitte nächsten Jahres andauern. Die Not der Menschen wird sich dann noch deutlich verstärken.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. Dezember 2021 um 14:57 Uhr.

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KOMMENTARE

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Tada 26.12.2021 • 22:49 Uhr

20:53 Uhr von gman: Brauchbare Lösungsvorschläge

Brauchbare Lösungsvorschläge braucht hier keiner bringen. Die Menschen vor Ort wissen selbst, was sie brauchen. Gerade habe ich in den Nachrichten gelesen, dass eine Firma aus meiner Stadt eine größere Summe für eine Hebammenschule in Afrika gespendet hat. Die Schule war schon da. Die Hebammen klären nicht nur über Kinderpflege auf, sondern auch über den weiblichen Zyklus und Verhütung. Und auch darüber, dass Frauen bei Kinderplanung ein Mitspracherecht haben. Ein anders Beispiel aus einer Reportage: Ein Dorf hat einen Kindergarten gegründet, damit die Kinder nicht verwahrlost auf der Straße herumlaufen während ihre Mütter arbeiten müssen. So können die Frauen beruhigt arbeiten und müssen sich keine Sorgen machen. Offensichtlich reicht es schon aus, dass die Kinder in Gruppen unter Aufsicht zusammen sind, damit die meisten Sittenstrolche abgeschreckt werden.