Ein Handout-Foto des Blauen Nil, der auf den von Äthiopien gebauten Staudamm zuläuft (Archivbild von 2019). | AFP

Staudamm-Projekt Streit um die Lebensader Nil

Stand: 25.04.2021 12:45 Uhr

Äthiopien will bald beginnen, das Becken der größten Talsperre Afrikas zu füllen. Ägypten und der Sudan befürchten, dass sie dann kaum noch Nilwasser abbekommen. Sie halten sich "alle Optionen" offen.

Von Anne Allmeling, ARD-Studio Kairo

Direkt am Nil, an der Südspitze der Insel El-Roda in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, befindet sich das Nilometer: ein Jahrhunderte altes Instrument, um den Wasserstand des Flusses zu messen. Das zweitälteste islamische Bauwerk der Stadt ist schon lange nicht mehr in Gebrauch. Doch für Touristenführerin Leila, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, ist das Nilometer ein Symbol für Gerechtigkeit: Früher, erzählt die junge Frau, konnte man am Wasserstand erkennen, ob die Bauern in Ägypten Weizen, Obst und Gemüse anbauen konnten - oder ob eine Hungersnot drohte.

Anne Allmeling ARD-Studio Kairo

Heute macht sich Leila Sorgen darum, dass der Nil künftig nicht mehr ausreichend Wasser führen könnte. Im vergangenen Jahr sei der Wasserstand des Flusses um mehr als einen Meter gesunken, sagt sie und zeigt auf eine Mauer, die aus dem Wasser herausragt. Leila befürchtet, dass der Wasserstand künftig noch weiter sinken könnte: Denn gut dreitausend Kilometer südlich von Kairo baut Äthiopien seit etwa zehn Jahren einen Riesen-Staudamm: den "Grand Ethiopian Renaissance Dam" am Blauen Nil.

Blick auf das Nilometer in Ägypten, an dem früher alle den Wasserstand ablesen konnten - heute ist es eine Touristenattraktion.

Blick auf das Nilometer in Ägypten, an dem früher alle den Wasserstand ablesen konnten - heute ist es eine Touristenattraktion.

Ägpyten ist auf das Nilwasser angewiesen

Das Projekt der äthiopischen Regierung sorgt bei den flussabwärts liegenden Nachbarländern für Ärger. Denn der Blaue Nil ist ein einer der beiden wichtigsten Zuflüsse zum Hauptstrom - auch für Ägypten.

"Das Nilwasser macht 97 Prozent der Wasser-Ressourcen in Ägypten aus", sagt Hany Raslan, Experte für das Nilbecken und afrikanische Angelegenheiten und Berater für das staatliche Al-Ahram Forschungszentrum. Seinen Angaben zufolge verbraucht Ägypten 80 Milliarden Kubikmeter Wasser pro Jahr, verfügt aber lediglich über Ressourcen von 60 Milliarden Kubikmeter. Bei den fehlenden 20 Milliarden Kubikmetern handele es sich um Wasser, das mehr als einmal verwendet wird. "Der Nil ist Ägyptens Quelle des Lebens. Ohne den Fluss wäre das Land eine einzige Wüste", sagt er.

Damit auch künftig genug Wasser den Nil hinabfließt, drängen Ägypten und der Sudan auf ein verbindliches Abkommen mit Äthiopien. Die Regierungen in Kairo und Khartum wollen, dass Äthiopien auch in regenarmen Zeiten ausreichend Wasser durch die Talsperre fließen lässt, damit die mehr als 40 Millionen Sudanesen und die mehr als 100 Millionen Ägypter weiterhin Trinkwasser bekommen, Landwirtschaft betreiben und sich ernähren können.

Vor allem der Zeitraum für die Befüllung des Staubeckens sorgt für Streit: Ägypten und der Sudan befürworten eine langsame Füllung über mehrere Jahre, damit die Wasserversorgung der beiden Länder gesichert bleibt. Äthiopien dagegen möchte das Becken so schnell wie möglich füllen. Die Regierung in Addis Abeba argumentiert, dass die Talsperre den Wasserzufluss in den Sudan und nach Ägypten nicht beeinträchtige.  

Äthiopien hat große Pläne

Auf verbindliche Wassermengen für die Nachbarländer hat Äthiopien sich bislang nicht festlegen wollen. Die Regierung setzt alles daran, mit Hilfe des neuen Staudamms Strom zu produzieren. Denn ein großer Teil der äthiopischen Bevölkerung hat bis heute keinen Zugang zu Elektrizität, und mit der Talsperre könnte Äthiopien zum größten Stromexporteur in Afrika aufsteigen.

Im Juli will das Land damit beginnen, sein bislang nur zu einem kleinen Teil gefülltes Staubecken nahe der Grenze zum Sudan mit knapp 20 Milliarden Kubikmeter Wasser zu füllen. "Äthiopien würde den Staudamm dadurch militärisch unangreifbar machen", sagt Raslan. "Denn eine Zerstörung des Dammes würde bedeuten, dass der Sudan überflutet würde und die Hälfte seiner Einwohner ums Leben käme."

Gespräche zwischen Äthiopien, dem Sudan und Ägypten haben in den vergangenen zehn Jahren keine Lösung gebracht. Zuletzt waren Verhandlungen der drei Länder auf Einladung der Afrikanischen Union in der Demokratischen Republik Kongo gescheitert. Mitte April lud der sudanesische Ministerpräsident Abdalla Hamdok seinen ägyptischen Kollegen Mostafa Madbouli und den äthiopischen Regierungschef Abiy Ahmed zu einer gemeinsamen Videokonferenz ein. Doch Äthiopien lehnte das Angebot für ein Gespräch auf höchster politischer Ebene ab. Die beiden Parteien werfen sich gegenseitig vor, den Konflikt zu politisieren.

Satelliten-Aufnahme des Renaissance-Damms am Blauen Nil | AP

Satelliten-Aufnahme des Renaissance-Damms am Blauen Nil. Bild: AP

Die Bevölkerung steigt - die Wassermenge nicht

Ägyptens Staatschef Abdel Fattah Al-Sisi hatte in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder betont, wie wichtig eine Verhandlungslösung sei. Doch Ende März verschärfte er seinen Tonfall und warnte zumindest indirekt vor einem militärischen Konflikt: "Das Wasser Ägyptens ist unantastbar und eine rote Linie für uns. Wenn sie überschritten wird, wird das die Stabilität der gesamten Region beeinflussen." Wenige Tage später hielten Ägypten und der Sudan eine gemeinsame Militärübung ab - Beobachter verstanden sie als klares Signal an Äthiopien.

Für den Studenten Fady, der mit seiner Freundin am Nilufer in Maadi spazieren geht und seinen vollständigen Namen nicht nennen möchte, sind Al-Sisis Worte keine leere Drohung. "Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass der Nil in Ägypten austrocknet", sagt der 21-Jährige. Wenn das Überleben der Ägypter auf dem Spiel stehe, würde er dafür in den Kampf ziehen. Auch für Taxifahrer Emad ist die Vorstellung, dass der Nil nicht mehr ausreichend Wasser führt, unerträglich. "Der Nil bedeutet für mich mein Leben", sagt der 54-Jährige, der seinen Nachnamen nicht preisgeben möchte. "Ich wünsche mir, dass jeder den Wasseranteil bekommt, der ihm zusteht."

Im 9. Jahrhundert, als das Nilometer gebaut wurde und regelmäßig zum Einsatz kam, war Ägypten noch vergleichsweise dünn besiedelt. Doch schon damals führten regenarme Jahre schnell zu Hungersnöten. Mittlerweile steigt die Einwohnerzahl Ägyptens wegen des enormen Bevölkerungswachstums jedes Jahr um etwa 2,5 Millionen Menschen. Die Wassermenge des Nil dagegen ist nicht gestiegen - und alternative Wasserquellen gibt es so gut wie nicht.