Ein Graffiti-Wandgemälde in Nairobi warnt Menschen vor der Gefahr des Coronavirus. | AP

Coronavirus in Kenia De-facto-Impfzwang empört Bevölkerung

Stand: 28.12.2021 10:44 Uhr

Erst knapp 14 Prozent der kenianischen Bevölkerung haben den vollen Impfschutz gegen das Coronavirus - die Gründe dafür sind vielfältig. Die Regierung hat harte Regeln für Ungeimpfte erlassen. Die Empörung ist groß.

Von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Hochbetrieb an der größten Bushaltestelle in Nairobis Innenstadt. Die Ticketkontrolleure der Matatus rufen lautstark nach Kunden. Es herrscht das ganz normale Chaos. Die Minibusse stehen kreuz und quer über dem Platz. Dazwischen hasten Dutzende Passagiere. Dabei sollte eigentlich alles anders sein.

Linda Staude

"An allen öffentlich zugänglichen Orten muss jeder einen Impfnachweis vorzeigen. Das gilt zum Beispiel für Nationalparks, Hotels, Bars, Restaurants und für den öffentlichen Nahverkehr", sagte Mercy Mwagangi vom Gesundheitsministerium am vergangenen Mittwoch.

Maßnahmen empören Bevölkerung

Die drakonischen Maßnahmen zum Schutz gegen die Corona-Pandemie hatte der Gesundheitsminister ursprünglich bereits vor gut vier Wochen angekündigt - zur Empörung seiner Landsleute.

Das sei eine reine Diktatur, schimpften viele Kenianer. Auch einige Experten äußerten sich skeptisch, wie der Pathologe Ahmed Kalebi im kenianischen Fernsehen:

Zwar steigen die Infektionszahlen, aber nicht die der Patienten in den Krankenhäusern. Solche Schutzmaßnahmen sind ja vor allem auch dafür da, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Und im Moment haben wir nur neun Patienten auf der Intensivstation und ausreichend Kapazitäten.

14 Prozent der Bevölkerung mit vollem Impfschutz

Derzeit haben lediglich knapp 14 Prozent der kenianischen Bevölkerung den vollen Impfschutz durch zwei Injektionen. In den Großstädten wie Nairobi ist die Rate deutlich höher, auf dem Land sehr viel niedriger. Die Ursachen dafür sind vielfältig.

"Ich kann meine Zeit nicht in einem Impfzentrum verschwenden, wenn ich arbeiten muss", sagt eine junge Frau aus Nairobi. Auf dem Land sind die Impfzentren oft kilometerweit entfernt, das Problem damit noch größer. Gerüchte, dass der Impfstoff krank oder unfruchtbar macht, verschärfen die Lage.

"Ich traue Weißen und ihren Impfstoffen nicht. Ich hab keine Angst. Ich lasse mich nicht impfen, weil ich sicher bin, dass mein Immunsystem stark genug ist, um mit jedem Virus fertig zu werden", erklärt Lavender Sagala.

Zu wenig Impfstoff

Kategorische Impfverweigerer wie sie sind in der Minderheit in Kenia. Die meisten wollen sich impfen lassen, können aber nicht - auch, weil es längst nicht genug Impfstoff gibt. Derzeit sind es knapp vier Millionen Dosen, so Willis Akhwale, der Chef der Covid-Taskforce: "Wir impfen 100.000 Menschen pro Tag. Bei dieser Rate erreichen wir unser Ziel: bis zum Ende des Jahres zehn Millionen Impfungen - nicht zehn Millionen vollgeimpfte Menschen."

Regierung ignoriert Gerichtsbeschluss

In einem Land mit knapp 55 Millionen Einwohnern bleiben viele, die nicht mehr in Behörden dürfen, in die Matatus, nicht mal mehr zum Einkaufen in den Supermarkt. Nach heftigen Protesten auch von Menschenrechtsorganisationen haben Kenias oberste Richter die Direktive gestoppt - und wurden von der Regierung prompt ignoriert. Steve Ogola, Anwalt am High Court:

Einerseits sagen sie, es gibt keinen Impfzwang, aber andererseits schließen sie Ungeimpfte von allen Dienstleistungen aus. Genau das hat der High Court für verfassungswidrig erklärt. Die Regierung hat ihre Direktive unter zweifelhaften Umständen erlassen und die Durchsetzung wird chaotisch sein - und sie wird scheitern.

Im Moment sieht es ganz danach aus. Zwar droht das Gesundheitsministerium mit Lizenzentzug und Gerichtsverfahren für alle, die keine Impfnachweise verlangen. Aber bisher nehmen die Kenianer sich an ihrer Regierung ein Beispiel und ignorieren die Direktive einfach.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 28. Dezember 2021 um 10:48 Uhr.