Vertriebene aus der Region Cabo Delgado (Mosambik) versammeln sich im nördlichen Bezirk Tara Tara | AFP

Mosambik Cabo Delgado in der nächsten Krise

Stand: 30.03.2021 17:10 Uhr

Milizen belagern die Stadt Palma in Cabo Delgado, haben Einwohner getötet. Tausende Menschen sind nun in Mosambik auf der Flucht - und die Lage werde sich verschärfen, befürchten UN-Mitarbeiter.

Karin Wehrheim, ARD-Studio Johannesburg

Verlässliche Berichte gibt es nur wenige, die Lage in der Kleinstadt ist unübersichtlich. Sie scheint menschenleer, Telefone sind gekappt. Der mosambikanische Fernsehsender STV zeigt Bilder von Flüchtlingen am Flughafen und in den Straßen der weiter südlich gelegenen Provinzhauptstadt Pemba. Ein Mann berichtet, er habe fünf ihm nahestehende Menschen veloren, darunter seine Frau und seine zwei Söhne.

Und eine Frau beschreibt die Schwierigkeiten, überhaupt aus Palma nach Pemba zu gelangen. Durch Wälder sei sie gerannt und habe dort geschlafen - nur mit einem Nachthemd bekleidet sei sie in die Stadt gekommen. Während ihr die Flucht gelungen sei, seien andere umgebracht worden.

UN-Mitarbeiter sind alarmiert

Die meisten aus Palma Geflohenen wissen nicht, wohin. Die Lage sei extrem besorgniserregend, sagt Saviano Abreu vom Büro für die Koordination humanitärer Angelegenheiten der Vereinten Nationen (OCHA): "Wir haben schon mehr als 3300 Menschen registriert, die in die umliegenden Distrikte geflohen sind, zu Fuß, mit Bussen, Booten - und manche wurden auch von Helikoptern der Vereinten Nationen ausgeflogen. Aber die Zahl könnte noch viel höher sein, weil das ganze Ausmaß der Situation in Cabo Delgado noch unklar ist."

Es sei ein Wettlauf gegen die Zeit, sagt er. Dabei schwelt der Konflikt in Cabo Delgado seit mehr als drei Jahren. 670.000 Menschen sind nach UN-Angaben seitdem aus der Region geflohen. Erst kurz vor dem Angriff hatte die UN-Organisation Lebensmittel verteilt, die "für 16.000 Menschen einen Monat reichen", so Abreu.

In der muslimisch geprägten Region gibt es immer wieder Angriffe von Aufständischen. Ihr Motiv ist noch unklar, aber Experten vermuten die Ursache in der Unzufriedenheit vor allem junger Menschen in einer Region, die sehr arm ist, sich von der Regierung in Maputo vernachlässigt fühlt - und zugleich zusehen muss, wie internationale Energiekonzerne beginnen, vor der Küste lukrative Flüssiggas-Felder zu erschließen. Der französische Konzern Total kündigte nach der jüngsten Attacke an, vorerst nicht weiterzuarbeiten.

IS reklamiert Angriffe für sich

Auch sechs Tage nach den ersten Angriffen sind offenbar noch bewaffnete Aufständische in der Stadt. Abreu von OCHA sagt, ihm lägen Berichte vor, nach denen es immer noch Zusammenstöße und Kämpfe zwischen Soldaten der Regierung und Bewaffneten gebe, die nicht zur Regierung gehören.

In einem Bekennerschreiber reklamierte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Montag den Angriff in Cabo Delgado für sich: IS-Kämpfer hätten die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt übernommen und mehr als 55 mosambikanische Sicherheitskräfte getötet.

Ein Regierungssprecher hatte am Wochenende von vermutlich Dutzenden Getöteten gesprochen. Die Minister der internationalen Anti-IS-Koalition wollen nach Angaben des US-Sondergesandten Jeffrey Godfrey heute auch über die zunehmende Bedrohung durch den IS in Afrika beraten.

Mosambik mit der Stadt Palma |

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. März 2021 um 15:15 Uhr in den Nachrichten.