Eine Wahlhelferin wartet in einem Wahllokal. | dpa

Superwahltag in Marokko Viel zu wählen, wenig Wahllust

Stand: 08.09.2021 14:41 Uhr

In Marokko fallen Parlaments-, Regional- und Kommunalwahlen auf einen Tag. Mehr als 30 Parteien ringen um Stimmen. Doch an Veränderung glauben die wenigsten Wähler - auch, weil die Macht im Land in anderen Händen liegt.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Am Morgen kommen einzelne Wählerinnen und Wähler in einem einkommensschwachen Viertel in Rabat schon hastig aus den Wahlkabinen. Wie der junge Hassan. Er ist 32 Jahre alt und arbeitet als Beamter: "Wir wählen dafür, dass es unserem Land besser geht. Wir jungen Leute haben die Pflicht zu wählen. Wir warten darauf, dass sich viel ändert: Infrastruktur, Arbeit, Gesundheit. Es gibt viel, auf das wir warten."

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Ein leiser Wahlkampf

Mehr als 30 Parteien stellen sich in Marokko zur Wahl. Jede von ihnen ist mit einem stark wiedererkennbaren Symbol verknüpft: wie einem Traktor, einem Löwenkopf, der Öllampe oder aufgeklappten Buchseiten. In den vergangenen Tagen klebten die Flyer auf Autos, an Wänden Wahlwerbung.

Kurz vor der Wahl zogen noch Wahlteams durch die Stadtviertel, um zu mobilisieren. Aber dieser Wahlkampf war deutlich leiser und weniger sichtbar als noch bei den vergangenen Parlamentswahlen 2016 - aufgrund der Corona-Pandemie. Vieles fand online statt. 

Ein Mann steht in Rabat in einer Wahlkabine. | dpa

Bild: dpa

 Niedrige Wahlbeteiligung erwartet

Experten rechnen mit einer niedrigen Wahlbeteiligung. In Umfragen hatten gut zwei Drittel der Befragten angegeben, nicht wählen gehen zu wollen.

Bei den Parlamentswahlen 2016 hatten laut offiziellen Angaben noch etwa 43 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben. Dieses Jahr haben sich nur rund 18 Millionen der 25 Millionen Wahlberechtigten überhaupt registrieren lassen.

Auch Taxifahrer Mohammed wird nicht wählen gehen. Er wirkt resigniert: "Ich wähle nicht, weil ich sowieso keine Rechte in diesem Land habe. Ich bin seit 46 Jahren Taxifahrer und habe nichts. Ich habe Kinder, die nicht arbeiten. Ich betreue sie und ich arbeite für sie und quäle mich. Ich bin 70 Jahre alt."

Die Hoffnung vom Aufschwung hat sich nicht erfüllt

Zehn Jahre nach dem "Arabischen Frühling" hat sich für viele Menschen nicht viel verändert. Die Hoffnung auf persönlichen, wirtschaftlichen Aufschwung ist getrübt. Gerade die Arbeitslosigkeit unter jungen Leuten ist hoch geblieben. Viele wollen weg.

Davor hat auch Intissar Berhoun Angst. Sie kommt aus ärmlichen Verhältnissen, erklärt die fünffache Mutter. Einer ihrer Söhne floh per Boot schon nach Spanien und wurde wieder abgeschoben. Sie wähle für die Zukunft ihrer Kinder, betont sie, auch wenn sie nicht genau wisse, welche Partei dafür wirklich die beste sein könnte. Sie sorgt sich:

Die Armut muss weniger werden. Ich habe drei erwachsene Kinder mit Abitur, die keine Arbeit finden. Die Jugend ist verloren. Ein weiterer Sohn redet auch schon davon, abzuhauen. Immer, wenn er zu spät nach Hause kommt, habe ich Angst, dass er gegangen ist. Und selbst mein 21-Jähriger, der ein gutes Abitur gemacht hat, findet keine Arbeit.

Wahlrechtsreform könnte starke Parteien schwächen

Auch wenn viele glauben, dass diese Wahl wieder keine Veränderungen bringen wird, sorgte eine Wahlreform jüngst für hitzige Diskussionen. Experten rechnen bei den Parlamentswahlen mit einem Machtverlust der größeren Parteien. Grund ist eine neue Berechnungsmethode, um die Sitze im Parlament zu verteilen.

Die könnte vor allem die konservativ-islamische PJD hart treffen, die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung, die seit 2011 stärkste Kraft im Parlament ist. Mit der neuen Berechnung wird sie wohl selbst ohne Stimmenverlust zahlreiche Sitze im Parlament verlieren.

Ein Wettkampf zwischen König und Regierung

Das politische System in Marokko bleibe schwierig, sagt der Analyst Rachid Touhtouh: "Wir haben zwei Staatsoberhäupter: den König und die gewählte Regierung. In meinen Augen gibt es einen politischen Wettkampf mit dem König, der viele - vielleicht die größten und wichtigsten - sozialen, ökonomischen und strategischen Projekte betreut. Und wir müssen fragen, was bleibt da für jedwede Regierung übrig?"

Der mächtigste Mann im Staat bleibt auch nach der Parlamentswahl König Mohammed VI. Schon vorab hat er ein massives Entwicklungsprogramm angekündigt. Obwohl vor zehn Jahren die Proteste des "Arabischen Frühlings" zu Reformen, einer neuen Verfassung und mehr Macht für das Parlament geführt hatten - die wichtigsten Ressorts hält der König nach wie vor fest in seiner Hand. Egal wie die Wahlen heute ausfallen.

Dieser Beitrag lief am 08. September 2021 um 17:48 Uhr auf NDR Info.