Eine Lehrerin steht vor der Schulklasse in Rabat, in der viele junge Mädchen sitzen. | picture alliance / ASSOCIATED PR

MeToo an Marokkos Hochschulen "Der Mathelehrer hat mich angefasst"

Stand: 08.01.2022 10:37 Uhr

Fast zwei Drittel der Marokkanerinnen haben schon sexuelle Gewalt erlebt. An Schulen und Universitäten kommen Belästigungen und Nötigung oft von Dozenten. Mehr und mehr junge Frauen wollen sich wehren.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

"Ich geh mit dir in eine ganz ruhige Ecke und erkläre dir den Kurs so, wie es sich gehört…" oder "Du tust so, als ob du es nicht verstehst - du bist sexy; du machst mich an. Schick mir ein schlafendes Foto von dir; ich werde mich um dich kümmern": So klingen Chatnachrichten, die die Professoren marokkanischer Universitäten an ihre Studentinnen geschickt haben sollen. Sie sind Teil des Universitäts-Skandals, der Marokko erschüttert.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Im Herbst und Winter 2021 wurden Anklagen an Universitäten in Settat, Oujda und Tanger laut: Professoren sollen Studentinnen dort sexuell belästigt und genötigt haben, Sex gegen gute Noten gefordert haben. Diese Schlagzeilen schockieren seit Wochen die marokkanische Öffentlichkeit. Fünf Professoren kamen bereits vor Gericht. Ihnen wird unter anderem "Anstiftung zur Unzucht" und "Gewalt gegen Frauen" vorgeworfen. Elf Betroffene haben gegen sie ausgesagt.

Vorwürfe gegen Professoren und Dozenten

"Die Angeklagten sollen versucht haben, die Opfer davon abzuhalten, Klage einzureichen, indem sie ihre Macht eingesetzt haben", sagt Rechtsanwältin Meriem Jamal Idrissi aus Casablanca. Deswegen träten auch nur zwei der elf Zeuginnen als Zivilklägerinnen auf.

Es ist nicht das erste Mal, dass im marokkanischen Königreich Vorwürfe gegen Uni-Professoren oder Lehrer laut werden. Universitäten wurde auch vorgeworfen, nicht angemessen auf Vorwürfe sexueller Übergriffe auf ihrem Campus reagiert zu haben.

Meistens verpuffen die Schlagzeilen nach einigen Wochen wieder - in den wenigstens Fällen geht es vor Gericht, sagt Aktivistin Karima Nadir. Ihre Initiative "Morrocan Outlaws" engagiert sich seit Jahren gegen das konservative Strafrecht - zum Beispiel bei Sex vor der Ehe - und gegen Gewalt an Frauen.

 "Problem der marokkanischen Gesellschaft"

Nach jahrelangen hitzigen Debatten hatte Marokko 2018 härtere Strafen für sexuelle Belästigung, Missbrauch und Misshandlungen eingeführt. Bei den Fällen an Universitäten seien nicht zu lasche Gesetze das Problem - sondern ihre Anwendung, sagt Nadir: "Es ein Problem der gesamten marokkanischen Gesellschaft, die sexistisch ist. Die alles erlaubt und rechtfertigt, was Männer tun, und Frauen für alles Schlechte verantwortlich macht, insbesondere für das, was ihnen selbst widerfährt. Es gibt Gesetze, aber die müssen für Opfer zugänglicher sein", fordert sie. "Denn solche Dinge existieren nicht nur, weil es perverse Professoren gibt, die sich alles erlauben, sondern wegen des Gefühls der Straflosigkeit und der Komplizenschaft."

Zeugenaussagen zufolge mache auch die Direktion der Universtäten Frauen für Übergriffe verantwortlich und bringe sie zum Schweigen, sagt die Aktivistin: "Das hindert Betroffene daran, anzuprangern, was ihnen passiert ist und so leiden sie ihre ganze studentische Karriere lang."

Staatliche Befragungen zeigen: Fast zwei Drittel aller befragten marokkanischen Frauen haben schon sexuelle Gewalt erlebt. Das sei nur die Spitze des Eisberges, sagen Aktivistinnen-Gruppen, weil viele sich nicht trauten darüber zu sprechen, geschweige denn Anzeige zu erstatten - aus Angst vor Stigmatisierung in der konservativen marokkanischen Gesellschaft.

"Ich war 14, als mein Lehrer mich geküsst hat"

Doch dieses Mal dauert der öffentliche Aufschrei länger - Studentinnen gingen auf die Straße und demonstrierten lautstark. Damit der Protest nicht abebbt, haben Karima Nadir und Mitaktivistinnen der Gruppe "Moroccon Outlaws" - "die marokkanischen Gesetzlosen" - kurze Zeit später den Hashtag #metooUniv gegründet und Betroffene aufgefordert, anonym von ihren Erfahrungen zu berichten.

Und das tun viele: "Der Mathelehrer hat mich angefasst. Als ich ihn gefragt habe, was er da macht, hat er arrogant geantwortet: Du bist doch daran gewöhnt und ich bin nicht der Letzte" schreibt eine Frau. "Ich war in der sechsten Klasse und ich dachte, wenn ich was sage, schmeißen sie mich aus der Schule - also hab ich die Klappe gehalten.”

Eine andere berichtet: "Ich war 14, als mein Lehrer mich geküsst hat. Er war über 50, hatte Kinder und war verheiratet. Nach der Schule war ich bei ihm daheim, weil ich Fragen zum Unterricht hatte. Dann nahm er meine Hand und küsste mich. Ich war total schockiert und traumatisiert. Ich habe es gehasst, in seinen Unterricht zu gehen. Ich konnte bis jetzt noch niemandem davon erzählen."

Weitere Frauen berichten von zudringlichen Fragen über bevorzugte Sexualpraktiken oder Aufforderungen eines Lehrers, im Austausch für gute Noten "zu ihm ins Labor" zu kommen.

Anonyme Ministeriums-Hotline für Frauen

"Die Reaktionen waren unglaublich, bis jetzt erreichen uns Hunderte Geschichten pro Tag über sexuelle Belästigung und Gewalt an Universitäten", berichtet Nadir über die Resonanz von #MeeTooUniv. "Das beweist uns: Es reicht. Es ist Zeit, das mit voller Ernsthaftigkeit anzupacken, damit Schluss ist mit dieser Gewalt gegen Frauen und damit die Universität ein sicherer Ort zum Lernen und Produktivsein wird."

Tatsächlich bewege sich in Marokko etwas, sagt Nadir: Dank Smartphones könnten Betroffene heute zumindest Belästigungen dokumentieren, mehr Menschen seien für das Thema sensibilisiert.

Das Hochschulministerium hat unterdessen eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen: Betroffene sollen sich anonym an eine Hotline wenden können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 05. Januar 2022 um 14:46 Uhr.