Sicherheitskräfte an der Grenze zwischen Algerien und Marokko (Archivbild) | AFP

Abbruch der Beziehungen Neue Eiszeit zwischen Marokko und Algerien

Stand: 28.08.2021 12:17 Uhr

Algerien hat die diplomatischen Beziehungen zum Nachbarstaat Marokko abgebrochen. Der Vorwurf gegen das Königreich: Spionage und Terrorfinanzierung. Zwischen den Ländern gibt es seit langem Konflikte.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Eine neue Eiszeit zwischen den nordafrikanischen Nachbarn Algerien und Marokko ist angebrochen. Dabei hatte Marokkos König Mohammed VI. vor Wochen noch in einer Thronrede für bessere Beziehungen geworben.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

"Wir erneuern unsere aufrichtige Einladung an unsere Brüder in Algerien, gemeinsam und ohne Bedingungen für den Aufbau bilateraler Beziehungen auf der Grundlage von Vertrauen, Dialog und guter Nachbarschaft zusammenzuarbeiten", erklärte er.

Tatsächlich befriedigt uns der gegenwärtige Stand dieser Beziehungen kaum, weil er nicht den jeweiligen Interessen unserer beiden Völker dient. Diesbezüglich versichere ich unseren Brüdern in Algerien: Sie werden niemals die Bosheit von Seiten Marokkos befürchten müssen, die in keiner Weise eine Gefahr oder Bedrohung für sie darstellt.
Ramtane Lamamra | AP

Algeriens Außenminister Lamamra beschuldigt Marokko, feindliche Aktionen durchzuführen. Bild: AP

Daraus wird jetzt erst einmal nichts. Am 24. August verkündete der algerische Außenminister Ramtane Lamamra: "Es ist historisch und objektiv erwiesen, dass das Königreich Marokko seit der Unabhängigkeit Algeriens nie aufgehört hat, feindliche Aktionen gegen unser Land durchzuführen. Aus diesem Grund hat Algerien beschlossen, die diplomatischen Beziehungen zum Königreich Marokko mit sofortiger Wirkung abzubrechen."

Schwere Vorwürfe gegen Marokko

Die Anklageliste gegen Marokko ist lang: Algerien wirft dem Königreich Spionage und die Finanzierung von Terrororganisationen in Algerien vor - aber auch, in die tödlichen Waldbrände im Norden des Landes verwickelt zu sein. Bei den verheerenden Feuern in der dicht bewaldeten und besiedelten Kabylei starben mindestens 90 Menschen, darunter auch zahlreiche Sicherheitskräfte. Algerien und Marokko werfen sich gegenseitig vor, Separatisten im jeweils anderen Land zu unterstützen.

Die Fehde zwischen den beiden Staaten im Maghreb ist historisch. Seit 1994 sind die gemeinsamen Grenzen dicht. Der Konflikt um die umstrittene Westsahara und die Konkurrenz um das Machtverhältnis in der Region stehe friedlichen Beziehungen im Weg, sagt Abdelfattah Belamchi, Politikprofessor an der Cadi Ayyad University in Marrakesch. Algerien unterstützt die Polisario, die für einen eigenen Staat kämpfen. Marokko auf der anderen Seite kontrolliert die Westsahara größtenteils und sieht sie als historisches Staatsgebiet an. 

Viele Konfliktfelder

"Diese jüngste Eskalation Algeriens in Richtung Marokko zeigt uns den wahren Grund und die wesentliche Problematik der bilateralen Beziehungen zwischen Marokko und Algerien: die Sahara", meint Belamchi. "Aber da gibt es auch einen regionalen Wettbewerb zwischen den zwei Staaten, zum Beispiel, wer was in der Afrikanischen Union zu sagen hat." 

Die Region am Atlantik gilt als phosphatreich, hat großen Fischreichtum, Tourismuspotential, möglicherweise Ölvorkommen. Hier treibt Marokko auch seine ehrgeizigen Energieprojekte voran, an denen auch deutsche Unternehmen beteiligt sind. Der Westsahara-Konflikt sorgt seit Jahrzehnten für politische Spannungen in der Region - zuletzt mit Spanien und Deutschland.

Marokko stabilisiert sich

Obwohl die Situation verfahren ist, konnte Marokko seine politische Position in den letzten Jahrzehnten stärken - gerade mit der Anerkennung der Westsahara als marokkanisches Staatsgebiet durch die USA tritt das Königreich außenpolitisch selbstbewusster auf, während Afrikas größter Flächenstaat Algerien sich seit Jahren nun schon einer Massenprotestbewegung gegenübersieht.

Eine Gefahr für die ganze Region

Immer wieder kommt es zwischen Marokko und Algerien zu Reibungen. Im Juli schon hatte Algerien seinen Botschafter aus der marokkanischen Hauptstadt Rabat zu Konsultationen zurückgerufen, nachdem ein marokkanischer Gesandter bei den Vereinten Nationen sich für die Selbstbestimmung der Kabylei ausgesprochen hatte. Algier hatte daraufhin erklärt, es werde die Beziehungen zwischen den beiden Ländern "überprüfen". 

Der Konflikt der beiden Maghreb-Staaten lähme die Region, sagt der marokkanische Politikwissenschaftler Rachid Aouerraz vom Moroccan Institute for Policy Analysis: "Das destabilisiert die Region, denn Marokko und Algerien sind bis jetzt die zwei stabilsten Länder Nordafrikas. Wenn die Region durch den Konflikt destabilisiert wird, wird das starke Auswirkungen auf die Wirtschaften der beiden Staaten haben. Das ist die Gefahr."

Kooperation eigentlich sinnvoll

Dabei haben beide Staaten ähnliche Probleme: hohe Jugendarbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise sowie Migrations- und Terror-Fragen.

Unter der Bevölkerung der beiden Staaten fällt das Echo gemischt aus. Vor allem junge Leute wie der arbeitslose Marokkaner Salah sind wenig beeindruckt. "Die beiden Völker Marokko und Algerien werden immer Brüder bleiben, die Spannungen sind zwischen den Regierungen und beeinträchtigen unsere Beziehungen nicht", sagte er einer französischen Nachrichtenagentur. "Sie bestehen schon sehr lange, sei es in Bezug auf die Grenzen oder andere."

Marokkos Außenministerium hat unterdessen den Abbruch der Beziehung bedauert und die Vorwürfe zurückgewiesen. Der Schritt sei aber erwartet worden - Marokko hat am Freitag seine Botschaft in Algier geschlossen. Als Vermittler versuchen sich zurzeit arabische Staaten, aber auch die Ex-Kolonialmacht Frankreich, die seit jeher enge Verbindungen zu Rabat und Algier unterhält. Frankreich forderte beide Regierungen zu Dialog auf. 

Doch erst mal herrscht Funkstille.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. August 2021 um 05:28 Uhr.