Französische Mirage-Jets auf einer Piste in Mali | picture alliance / dpa

Französische Truppen in Mali Bomben auf Hochzeitsgesellschaft?

Stand: 29.01.2021 03:06 Uhr

Eine umstrittene Militäraktion in Mali bringt Frankreichs Ruf als unverzichtbare Stütze gegen Islamisten in Gefahr. Hat Frankreichs Armee dabei humanitäres Völkerrecht verletzt? Oder doch alles richtig gemacht?

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es ist der 3. Januar. Nahe dem Dörfchen Bounti in Zentral-Mali taucht eine französische Reaper-Drohne auf, die bewaffnete Motorradfahrer verfolgt. So ausgerüstet bewegen sich Islamisten oft durch das Land. Als die Verdächtigen Bounti erreichen, haben sich dort Gruppen von Menschen gebildet, eine besteht nur aus Männern. Nach mehr als einer Stunde der Beobachtung, so das französische Verteidigungsministerium, wird ein Angriffsbefehl erteilt. Zwei Mirage-Kampfjets steigen auf, werfen nacheinander drei Bomben. Am Ende sind 19 Menschen tot, viele verletzt.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Die französische Armee spricht zunächst von "Dutzenden Dschihadisten", die getötet worden seien - die Dorfbewohner von Hochzeitsgästen. "Wir haben Hochzeit gefeiert. Sie haben uns bombardiert und dann gesagt, sie hätten Dschihadisten getötet. Das stimmt nicht. Es gab keine Dschihadisten unter den Getöteten", sagt Ismael (Name aus Sicherheitsgründen geändert).

Die beiden Motorradfahrer habe man nicht gekannt, heißt es, sie seien nicht Teil der Feier gewesen. Gegenüber der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erklären Zeugen, Männer und Frauen hätten getrennt gefeiert. So seien nun mal die Regeln der Islamisten, denen man sich nicht widersetzen könne.

Die Zweifel in der Bevölkerung wachsen

Je mehr Widersprüche es gibt, desto hartnäckiger verteidigt sich die französische Regierung - es habe "keine Kollateralschäden" gegeben. Wenn die Regierung denn so gute Beweise für ihre These habe, warum lege sie die nicht auf den Tisch, fragt HRW-Konfliktforscher Jonathan Pedneault: "Stattdessen sprechen sie von einem Krieg der Informationen. Damit diskreditieren sie die Zeugenaussagen der Zivilisten in Mali."

Tatsächlich spürt man im französischen Handeln in diesem Teil der Welt mehr und mehr Verunsicherung. Noch 2013 wurden die Franzosen als Retter vor der islamistischen Bedrohung begrüßt, heute sagt der malische Politikanalyst Mohamed Ag Assory:"Die Zivilbevölkerung zahlt einen hohen Preis. Ein großer Teil der Menschen in Mali fragt inzwischen: Was bringt uns die Präsenz der französischen Armee in Mali und dem Sahel? Was bringen uns die internationalen Truppen?"

Französische Militärfahrzeuge bei einem abendlichem Einsatz in Mali | picture alliance / dpa

Frankreichs Armee soll Mali stabilisieren - doch inzwischen wächst die Kritik an der Militärpräsenz. Bild: picture alliance / dpa

Die Opferzahlen steigen - gerade in der Gegend von Mopti, in der Frankreich vor kurzem noch bombardierte. Wie kann eine hochgerüstete Nation mit mehr als 5000 Soldaten in der Sahel-Region einen solchen Krieg verlieren, fragen Bürger in Mali? Gehe es nicht doch um Kolonialismus, um Rohstoffe, politische Macht? Fragen, die - zu Recht oder Unrecht - auch immer mehr in den Nachbarländern gestellt werden.

"Sie stabilisieren unser Land nicht, sondern sie töten unsere Eltern", sagt Ismael. Er ist wie viele aus Bounti geflohen, sorgt sich um die Sicherheit seiner Familie. ARD trifft ihn bei einer verbotenen Demo gegen Frankreich in der Hauptstadt Bamako an, die schnell mit Tränengas beendet wird - angeblich als Covid-Vorsorgemaßnahme.

In Malis Bevölkerung wächst der Unmut - zuletzt kam es vor einer Woche zu Protesten gegen den französischen Militäreinsatz in der Hauptstadt Bamako. | ARD-Studio Nairobi

In Malis Bevölkerung wächst der Unmut - zuletzt kam es vor einer Woche zu Protesten gegen den französischen Militäreinsatz in der Hauptstadt Bamako. Bild: ARD-Studio Nairobi

Frankreich sieht sich in Propaganda-Schlacht

Für die Regierung in Paris wäre auch Ismael ein Opfer des "Info-Kriegs" - sie selbst wiederum ein Opfer der Desinformation durch die Konkurrenz. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron meint damit vor allem Russland, aber auch die Türkei oder China, die bei militärischer oder wirtschaftlicher Hilfe für Afrika inzwischen oft schneller handeln als die Franzosen. Und dabei Falschinformationen über die guten politischen Absichten der alten Kolonialmacht verbreiten würden, so wird es in Paris empfunden.

Tatsache ist: Es wird eng für die alten Spieler auf dem Kontinent. Die neuen Spieler sind nicht ehrlichere Makler, aber sie geben vielen Ländern in Afrika Wahlmöglichkeiten. Macron sieht das sehr wohl. Er verlangt ein Bekenntnis der Sahel-Länder zu Frankreich - inzwischen vergeht kaum noch ein Monat, ohne dass französische Soldaten im Wüstensand sterben.

Am gestrigen Donnerstag traf Macron Malis Übergangspräsident Bah Ndaw. Macron hat anscheinend einen teilweisen Truppenabzug in Aussicht gestellt - den aber fürchtet Malis Regierung. Ob sie ihn verhindern kann, wird auch vom Druck der Straße in Mali abhängen. Frankreichs Ansehen könnte weiter sinken, sollten die Vereinten Nationen in zwei Wochen ihren Untersuchungsbericht zur Bombardierung von Bounti veröffentlichen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin am 28. Januar 2021 um 13:00 Uhr.