Soldaten der malischen Armee, die an der EUTM-Ausbildungsmission teilnehmen (Foto vom 25.05.2021).
Hintergrund

Mali Das Militär - Teil des Sicherheitsproblems

Stand: 07.07.2021 11:17 Uhr

Die Bundeswehr ist in Mali zwar nicht so unbeliebt wie Frankreichs Truppen. Dennoch meinen viele: Das EUTM-Ausbildungskommando verbessere die Sicherheitslage nicht - Experten sehen gar bewaffnete Extremisten dadurch gestärkt.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Seit heute liegt die EU-Ausbildungsmission EUTM in deutscher Hand. In der Hauptstadt Bamako sorgt diese Neuerung für Schulterzucken. "Es gibt schon Hoffnung, dass sich was verändert", sagt Fatoumata Traoré. Sie arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation, die sich für die Förderung von Frauen im Land einsetzt. "Aber es geht nicht darum, wer die Ausbildungsmission leitet, sondern dass diejenigen, die ausgebildet werden, das auch im Feld einsetzen können." Ohne gute Resultate sei alles vergebens.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Was sie sagt, beschreibt, was viele Menschen in Mali denken: Sie sind des internationalen Militäreinsatzes überdrüssig. Die Bilanz des jahrelangen internationalen Einsatzes ist ernüchternd: einerseits über 10.000 internationale Sicherheitskräfte, die für Stabilität im Land sorgen sollen. Andererseits eine Sicherheitslage, die sich in dieser Zeit nicht verbessert hat - weder für die Zivilbevölkerung noch für Sicherheitskräfte, kritisiert Traoré. Die UN-Stabilisierungsmission MINUSMA gilt aus gutem Grund als gefährlichster Blauhelmeinsatz weltweit. Das hat auch der jüngste Angriff auf Bundeswehrsoldaten wieder deutlich gemacht. "Ich denke, dass auch die Soldaten der Europäischen Union gehen sollten", sagt Traoré. "Es wird Zeit, dass die malische Armee ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und zeigt, wozu sie fähig ist. Es ist Zeit zu zeigen, was sie gelernt hat."

"Alle vier Monate wechselt der Lehrer"

Bis heute gelten die Soldaten der malischen Armee als schlecht ausgebildet und ausgerüstet, obwohl sie seit Jahren international geschult werden. Immer wieder werden sie Opfer terroristischer Angriffe. Das liege auch an der Ausbildungsmission selbst, kritisiert Thomas Schiller, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung im Sahel mit Sitz in Bamako. Er zieht einen Vergleich: "Ich wäre als Vater sehr überrascht, wenn man mir erzählen würde, dass in der Schule alle vier Monate der Lehrer wechselt, aber das ist eben die Realität in dieser Trainingsmission."

Auch Teile der Bundeswehr bilden seit Jahren im Rahmen der EU-Ausbildungsmission EUTM Sicherheitskräfte aus; laut der Bundeswehr bisher rund 15.000 Soldatinnen und Soldaten. Deutschland hat sein Ausbildungsmanagement zuletzt sogar ausgebaut: Die Bundesrepublik will nun 600 statt 450 deutsche Soldatinnen und Soldaten für die Ausbildungsarbeit nach Mali schicken, ein Ausbildungszentrum soll im Zentrum des Landes eröffnet werden.

Der malische Journalist Koureychi Cissé glaubt, dass zumindest mehr Vertrauen in eine deutsche Leitung bestehe: "Mit dem Kommando in den Händen der Deutschen könnte es mehr Vertrauen geben, denn wir haben in Mali eine Anti-Frankreich-Haltung, die weiter ansteigt", sagt er. "Wenn aber bewusst gemacht wird, dass das nicht nur eine Frage des französischen, sondern auch des internationalen, des europäischen Einsatzes ist, dann könnte das die Zustimmung in der Bevölkerung für diese Einsätze wieder etwas erhöhen."

"Mehr Terror-Rekrutierung durch Militäreinsätze"

Dabei war die Ex-Kolonialmacht Frankreich im Land lange beliebt. Sie griff auf einen Hilferuf der damaligen malischen Regierung militärisch ein, nachdem der Norden des Landes 2012 von Tuareg-Rebellen und dschihadistischen Extremisten überfallen worden war. Dass die Beliebtheit der Franzosen seitdem stark abgenommen hat, ist untertrieben. Auf Demonstrationen strecken die Protestierenden oft Schilder mit "Frankreich, haub ab" in die Luft. Bislang kämpft Frankreich mit 5100 Soldaten und seiner Anti-Terror-Einheit Barkane gegen Extremisten.

Die Strategie der Militäreinsätze sei nicht aufgegangen - das sagen Expertinnen wie Hannah Armstrong, Expertin der Denkfabrik International Crisis Group, schon lange. "In vielen Fällen haben die Einsätze sogar dazu geführt, dass ländliche Räume noch weiter in die Hände dieser bewaffneten Extremisten gefallen sind", erklärt sie. Die Militarisierung von lokalen Konflikten habe dazu geführt, dass Terroristen sogar mehr rekrutieren konnten.

Auch die Franzosen scheinen die Konsequenz gezogen zu haben: Barkane soll aufgelöst werden, verkündete jüngst Präsident Emmanuel Macron, und durch durch eine internationale Allianz gegen Extremisten abgelöst werden. Französische Militärbasen in Mali sollen geschlossen werden. 

Wird der Abzug der französischen Soldaten die Sicherheitslage nun weiter verschlechtern? Der Druck auf den Sahelstaat Mali steige dadurch, sagt der politische Analyst Boubacar Bocoum: "Der Rückzug der Franzosen wird Auswirkungen haben, auch wenn die Franzosen nur eine minimale Stabilisierung gewährleisten: Bisher gibt es zumindest Zonen, die nicht einfach so von Terroristen attackiert werden können, ohne mit einer Intervention zum Beispiel aus der Luft zu rechnen." 

Militär ist Teil des Sicherheitsproblems

Einen militärischen Komplett-Rückzug aus Mali sehen viele Experten kritisch. Mali gilt als Schlüsselstaat für die Stabilität in der sogenannten Sahel-Region, in der sich Gewalt und Terror über Landesgrenzen hinweg seit Jahren ausbreiten. Trotz der massiven Kritik am Militäreinsatz sei ein angesichts des enormen Sicherheitsdrucks nicht möglich, findet der malische Politikwissenschaftler Fodie Tandjigora: "Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben: Wir brauchen diese Militärpräsenz und darüber hinaus Unterstützung in Form von Logistik, Ausbildung und Transport und anderer Bedürfnisse unseres Militärs - und ein Großteil davon wird durch Soldaten der europäischen Union gewährleistet."

Nicht nur der desolate Zustand der malischen Armee sorgt für Kritik an der Ausbildungsmission. Malis eigenes Militär ist schon lange auch Teil des Sicherheits-Problems. Teile der Kräfte, die aus internationalen Ausbildungsmissionen hervorgingen, putschten sich zweimal innerhalb eines Jahres an die Macht. Bürger und internationale Organisationen werfen Malis Armee regelmäßig Korruption und schwere Menschenrechtsverletzungen vor. 

Angesichts dessen müsse auch Deutschland sich grundlegende Gedanken über Sinn und Ziel seines Einsatzes in Mali machen, sagt Schiller von der Konrad-Adenauer-Stiftung: Die Bundeswehr sei "aus Solidaritätsgründen" gemeinsam mit der französischen Armee entsandt worden, nun müssten Deutschland und Frankreich das künftige Engagement in der Region gemeinsam besprechen.

Das Emblem der EU-Ausbildungsmission EUTM Mali an einem Flecktarnanzug. | picture alliance/dpa/MAXPPP

Das Emblem der EU-Ausbildungsmission EUTM Mali an einem Flecktarnanzug. Bild: picture alliance/dpa/MAXPPP

Debatte über Mali-Einsatz in Deutschland

Momentan habe die französische Entscheidung keine Auswirkungen auf die deutschen Einsatzkontingente EUTM sowie MINUSMA, heißt es auf ARD-Anfrage aus dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr. Die Bundeswehr beobachte die Entwicklungen sehr sorgfältig. Aber auch in Deutschland hat erst der erneute Militärputsch, nun der Angriff auf deutsche Soldaten eine Debatte über den Bundeswehreinsatz in Mali ausgelöst. Zuvor hatte Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer noch verkündet, Mali sogar Transporthubschrauber schicken zu wollen, wenn sich das Land wieder Richtung Rechtsstaat orientiere. 

Die Probleme im Krisenstaat Mali sind komplex - und drehen sich nicht nur um Angriffe von Terrorgruppen. Darüber klagen die Menschen in Mali schon lange. Notwendige politische Reformen im Bereich Arbeit, Bildung und Korruptionsbekämpfung, die wichtige Faktoren im Kampf gegen Radikalisierung und Gewalt sind, kommen nicht voran. Bis heute sieht es nicht danach aus, als ob die politische Elite im Land - zu der das malische Militär gehört - diese Probleme überhaupt angehen wird. Weder Massendemonstrationen der Bevölkerung noch Tausende internationale Sicherheitskräfte haben daran etwas geändert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juli 2021 um 12:00 Uhr.