Ein Kämpfer geht in Libyen über mit Patronenhülsen bedecktes Land | EPA

Krieg in Libyen "Söldner sind einfach nur Werkzeuge"

Stand: 10.05.2021 05:04 Uhr

Libyen ist zu einem Hotspot des internationalen Söldnerunwesens geworden: Syrische, russische, sudanesische Kämpfer treten für einige Hundert Dollar in einem Stellvertreterkrieg für fremde Machtinteressen ein.

Von Martin Durm, ARD-Studio Kairo

Der russische Offizier Gleb Mostow wurde am 14. Februar 2020 in seinem Heimatdorf Akbulak nahe der kasachischen Grenze begraben. Es war ein Freitag, und die Lokalzeitung "Orengrad" schrieb, bei der Beerdigung habe es stark geschneit. Über Libyen schrieb sie nichts. Dabei war der 27-Jährige der erste russische Offizier, der im libyschen Bürgerkrieg sein Leben verlor. 14 Monate sind seitdem vergangen, und Russlands Politiker reden inzwischen nicht mehr vom Krieg, sondern von baldigem Frieden in Libyen.

Martin Durm

"Russland hat immer die Souveränität und die Integrität Libyens unterstützt", sagte kürzlich Ministerpräsident Michail Mischustin. "Wir hoffen, bald eine friedliche Lösung zu finden, an der sich alle politischen Kräfte beteiligen werden."

Machtkampf zwischen Russland und der Türkei

Was 2011 nach dem Sturz des Langzeitdespoten Muammar Gaddafi begann, hat sich mit den Jahren zum Stellvertreterkrieg ausgewachsen. Russland und die Türkei ringen im Mittelmeeraum um Einfluss und Macht. Der russische Präsident Wladimir Putin stützte dabei den abtrünnigen General Khalifa Haftar, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die sogenannte Einheitsregierung, die mittlerweile von einer Übergangsregierung abgelöst wurde.

Vom türkischen Militär ausgebildete Kämpfer in Khums in Libyen (Foto vom 8.04.2021).  | REUTERS

Vom türkischen Militär ausgebildete Kämpfer in Khums in Libyen (Foto vom 8.04.2021). Bild: REUTERS

Seit vergangenem Oktober herrscht nun eine zerbrechliche Waffenruhe in Libyen. Um sie zu stabilisieren, hat der UN-Sicherheitsrat gerade erst verlangt, alle ausländischen Kämpfer sollten Libyen schnellstmöglich verlassen. Auch die russische Regierung stimmte dafür.

Sie verschleiert aber zugleich, wie sehr sie sich in den libyschen Bürgerkrieg eingemischt hat; mit regulärem Militär und mit russischen Söldnern der sogenannten Wagner-Gruppe, die an den Frontlinien kämpften. Videoaufnahmen davon kursieren im Netz. Gezeigt wird die Gefangennahme russisch sprechender Uniformierter durch regierungstreue Milizionäre. Wohin man sie bringt, was mit ihnen geschieht, zeigen sie nicht. Es ist Kriegspropaganda, nicht verifizierbar.

Syrer kämpfen gegen Syrer - in Libyen

Sicher ist nur: Libyen ist in den zurückliegenden Jahren zu einem Hotspot des internationalen Söldnerunwesens geworden. Das libysche Chaos hat neben Russen vor allem Sudanesen, Krieger aus dem benachbarte Tschad und Syrer angezogen.

Jeder Krieg hat seinen Preis: Für einen dreimonatigen Einsatz soll die russische Wagner-Gruppe angeblich 175 Millionen Dollar verlangen. Arabische Söldner werden mit 800 bis 1200 Dollar entlohnt.  

"Söldner erfüllen ihren Vertrag. Sie müssen nicht unbedingt bösartig sein, so wie in Hollywoodfilmen", sagt der amerikanische Militärexperte Sean McFate in einer Dokumentation des US-amerikanischen TV-Senders ABC. "Söldner können einen Generator bedienen, aber sie können auch dein Haus niederbrennen. Sie können eine humanitäre Intervention durchführen, sie können aber auch schwerste Menschenrechtsverbrechen verüben. Söldner sind einfach nur Werkzeuge."

Nichts verkörpert den Irrsinn der arabischen Bürgerkriege so sehr wie die syrischen Söldner: 13.000 sollen es sein. Die einen stammen aus der Gegend rund um Damaskus, dem Herrschaftsgebiet Baschar al-Assads. Die anderen aus dem syrischen Norden, den die türkische Armee kontrolliert. Die einen wurden von Russen rekrutiert, die anderen von Türken. In Libyen standen sie sich dann gegenüber und brachten sich um.

Statt die Söldner abzuziehen, wie von der UN gefordert, hat die Türkei nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gerade wieder 380 weitere Kämpfer nach Libyen geschickt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2021 um 07:44 Uhr.