Menschen laufen im Kibera-Slum in Nairobi (Kenia). | REUTERS

Ringen um Demokratie Die Wahl als Nagelprobe für Kenia

Stand: 09.08.2022 13:16 Uhr

Kenia wählt heute einen neuen Präsidenten - und das ist politisch brisant. Denn der scheidende Amtsinhaber unterstützt nicht seinen Vizepräsidenten, sondern den Oppositionskandidat. Viele Kenianer fürchten nun Auseinandersetzungen.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Ost- und Zentralfrika

Von der Ladefläche eines Kleinlasters aus versuchen junge Männer, Stimmung für ihren Kandidaten bei den anstehenden Wahlen zu machen. Gar nicht so einfach, wenn der klapprige Wagen durch die Schlaglöcher rumpelt und sie sich immer wieder festklammern müssen. Wahlkampf im Slum ist Knochenarbeit, besonders rund um Dandora - der größten Müllhalde in Kenia.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Leben bedeutet hier für die meisten vor allem Überleben. Umso mehr, seit die Preise für Nahrungsmittel wegen des Ukraine-Krieges und einer langen Dürre in Kenia explodiert sind, sagt Wahlkämpfer Stephen Aduda.

"Das Leben ist hart. Lebensmittel zu kaufen, ist so teuer geworden. Aber wir verdienen nicht mehr Geld. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als weniger auszugeben. Wir haben gerade noch genug, um Essen und Miete zu bezahlen. Mehr nicht."

Sein kleines Team macht Pause an einer Tankstelle. Mehr als der Geruch von Benzin und Diesel liegt hier schon der Gestank von Abfall in der Luft. Die Viertel um die Müllhalde gehören zu den ärmlichsten in der Hauptstadt Nairobi. Die Kriminalität ist hoch; viele nehmen Drogen.

Kenianer haben Angst vor Gewalt - wie 2007

Als nach den Wahlen 2007 in Kenia Gewalt ausbrach, wurden hier Dutzende Menschen getötet. Wenn es darum geht, was sie damals - teils noch als Kinder - gesehen haben, reden alle im Wahlkampfteam durcheinander. Sie erzählen, dass Frauen vergewaltigt wurden und Nachbarn aufeinander los gingen. Häuser brannten nieder.

Viele Kenianerinnen und Kenianer lassen diese Erinnerungen nicht los. Sie fürchten vor jeder Abstimmung, dass es wieder Auseinandersetzungen geben könnte. Zumal Politiker, die in Verdacht standen, Gewalt angezettelt zu haben, auch jetzt wieder im Rennen sind.

2007 waren Raila Odinga und William Ruto offiziell noch auf einer Seite. Dieses Mal treten sie gegeneinander an. Stephen Aduda und sein Team werben für Odinga. "Ich habe ihn schon immer unterstützt. Er ist sehr offen und ehrlich", sagt Aduda.

Raila Odinga | REUTERS

Der langjährige Oppositionsführer Odinga wird bei seiner Kandidatur unterstützt vom bisherigen Amtsinhaber Kenyatta. Bild: REUTERS

William Ruto | REUTERS

Vizepräsident Ruto wurde eine Beteiligung an der Gewalt nach der Präsidentschaftswahl 2007 vorgeworfen. Bild: REUTERS

Größte Volksgruppe hat keinen Kandidaten

Raila Odinga gehört zur Volksgruppe der Luo, die vor allem rund um den Viktoriasee im Westen Kenias ihre Heimat hat. Er wollte schon mehrfach Präsident werden, unterlag aber immer dem Kandidaten der Kikuyu, der größten Volksgruppe. Bei dieser Wahl haben die erstmals seit 30 Jahren keinen eigenen Vertreter im Rennen. Das könnte problematisch werden, meint Aduda: "Es gibt diese Zukunftsangst. Denn sie waren lange nicht ohne Macht in Kenia."

Der amtierende Präsident Uhuru Kenyatta, ein Kikuyu, unterstützt jetzt seinen ewigen Gegner Raila Odinga. Das Verhältnis zu seinem bisherigen Vizepräsidenten William Ruto ist dagegen schon seit langem völlig zerrüttet. Die beiden waren sowieso immer nur ein Zweckbündnis, das nichts anderes einte, als dass sie sich beide wegen der Gewalt nach den Wahlen 2007 vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten sollten.

Es geht immer um Geld

Allianzen wechseln schnell in der kenianischen Politik. Stets nach dem Motto, das einer der Wahlkämpfer so zusammenfasst: "Eine Hand wäscht die andere", sagt Robert Njihia.

Letztendlich geht es immer um Geld. Volksgruppen unterstützen ihren Kandidaten, weil sie sich davon Besserungen für das eigene Leben erhoffen - mehr Schulen und Straßen in ihrer Region. Meist profitieren dann aber doch nur wieder die Politiker selbst.

Die Familie Kenyatta gehört zu den reichsten in Kenia. Der Vater des jetzt abtretenden Präsidenten war der erste Staatschef des Landes nach der Unabhängigkeit. Auch Raila Odinga ist schon der zweite in seiner Familie in der Politik und muss sich um seine Finanzen keine Sorgen machen.

Realität der Menschen hat nichts mit ihren Träumen zu tun

Da fragen sich manchmal selbst die Wahlkämpfer: Wo bleiben eigentlich wir? Stephen Aduda, der wie so viele rund um Dandora von einer Musikkarriere träumt, hat dazu zusammen mit einem Freund ein Lied gemacht. Der andere Musiker nennt sich Ramsizo und erklärt, dass es um einen Bürger geht, der von den Politikern einen Neuanfang verlangt.

Auch ich will eine bessere Ausbildung und eine bessere medizinische Versorgung. Auch ich will, dass meine Träume wahr werden.

Doch egal, wer von den Kandidaten gewinnt - die Realität für die Menschen rund um die Müllhalde wird weiter nichts mit ihren Träumen zu tun haben.

Karte Kenia mit Nairobi

Über dieses Thema berichtete BR24 am 09. August 2022 um 11:37 Uhr.