Das Skelett einer toten Ziege liegt in Kenia auf der Erde. (Archivbild) | via REUTERS
Reportage

Viehzüchter in Kenia Bedroht von Hunger und Kalaschnikows

Stand: 06.05.2022 09:25 Uhr

In Kenia zwingt die verzweifelte Suche nach Gras Viehzüchter in gefährliche Regionen: In den höher gelegenen Bergen gibt es Weideland, aber auch andere Viehhalter mit Gewehren. Bei Kämpfen um die Herden sterben immer wieder Menschen.

Von Bettina Rühl, ARD-Studio Nairobi

Aufgeregt meckern die 14 Zicklein, die Logialam Lodia in eine Hütte gesperrt hat, damit sie nicht weglaufen. Lodia schnalzt, die kleinen Tiere kennen das Geräusch, es bedeutet, dass sie gleich von ihm mit Milch gefüttert werden. Die Ziegenmütter sind mit Lodias ältestem Sohn und dem Rest der Herde unterwegs, auf der Suche nach Gras.

Keine einfache Aufgabe: In Turkana, einer Region im Norden Kenias, ist alles vertrocknet, schon drei Regenzeiten sind ausgefallen. Nur wenige Tiere von Lodias einst großer Herde haben die Dürre überlebt. "Ich habe nur noch 42 Ziegen. Mehr sind mir von meinen 1200 Schafen und Ziegen nicht geblieben", erzählt Lodia.

In den Bergen warten die Viehdiebe

In Turkana und vielen anderen Regionen Kenias herrscht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Dort hat es in den vergangenen Tagen zwar etwas geregnet, aber viel zu wenig. Lodia und seine Nachbarn haben allerdings im Vergleich zu vielen anderen Viehhaltern im Norden Kenias einen Vorteil: Ihr Dorf ist nicht weit von den Bergen im nahen Uganda entfernt. Dort regnet es mehr, die Tiere finden Gras - aber die Gegend sei gefährlich, erzählt Lodia.

"Seit die Dürre angefangen hat, haben wir unsere Herden immer in die ugandischen Berge getrieben, weil wir hier kein Futter mehr gefunden haben." Aber da, wo das fruchtbare Gras ist, warteten die Viehdiebe. "Sie überfallen uns häufig, wir haben Angst vor ihnen. Wenn wir glauben, dass die Gefahr besonders groß ist, treiben wir unsere Tiere so schnell wie möglich wieder runter in die Ebene, zurück nach Kenia. Aber weil es hier nichts zu fressen gibt, wagen wir uns immer wieder in die Berge."

In den vergangenen Monaten seien sie mit ihren Tieren ständig auf der Flucht gewesen, vor der Dürre und vor den Viehdieben mit ihren Gewehren. Weil ihre Schafe, Ziegen und Rinder durch das wenige Futter sowieso schon geschwächt waren, hätten viele die weiten Strecken nicht überlebt.

Tot durch Dürre und Regen

Schon 40 Prozent des Viehs habe die Dürre nicht überlebt, schätzt Benedict Mailu. Er leitet die Projekte der Welthungerhilfe in Turkana. Und er glaubt, dass noch mehr Tiere sterben werden - obwohl es nun hier und da geregnet hat.

"Falls der Regen in den nächsten Wochen anhält, wird das Gras nachwachsen, die Flüsse werden wieder mehr Wasser führen, vielleicht werden die Grundwasservorräte aufgefüllt - im Moment ist der Grundwasserspiegel sehr tief." Auf der anderen Seite sei der Regen eine Gefahr für die Ziegen und die anderen Tiere, die durch die Dürre sehr geschwächt sind. "Einige überleben die Nässe und Kälte womöglich, andere werden vermutlich durch den Regen sterben", sagt er.

Kinder können nicht ernährt werden

Adung Longolan Ikoel hat einige Ziegenfelle aus ihrer Hütte geholt und wirft sie auf den Boden. Ikoel lebt in einem anderen Dorf als Lodia, weiter von den Bergen entfernt. Erst am Morgen hat sie eine weitere Ziegenhaut mit Holzstöcken auf dem Boden gespannt, damit sie in der Sonne trocknet. "Ich habe zehn Ziegen durch die Dürre verloren, gestern sind neun durch den Regen gestorben. Heute morgen ist meine letzte Ziege gestorben", erzählt sie. Geblieben sind ihr nur zwei Zicklein.

Ikoel zeigt auf eins der Felle: Das sei die Mutter des einen überlebenden Zickleins gewesen. Dann zeigt sie auf die frische Haut von diesem Morgen: und das die Mutter des zweiten. Die beiden kleinen Ziegen werden vermutlich auch nicht lange überleben, sagt Ikoel. "Ich habe nichts womit ich sie füttern könnte. Ich weiß auch nicht, wie ich meine Kinder jetzt ernähren soll. Wir waren von unseren Ziegen abhängig, ohne sie kann ich nichts für meine Kinder tun."

Zum Überleben auf Tiere angewiesen

Die halbnomadischen Viehhalter sind zum Überleben auf ihre Tiere angewiesen: Sie trinken die Milch, essen das Fleisch oder verkaufen ein Tier, wenn sie Geld brauchen. Wer seine Herde verloren hat, folgt bald selbst.

Es sei denn, er oder sie bekommt kurzfristig Hilfe. Die Welthungerhilfe hat unter anderem angefangen, Kraftfutter für die schwächsten Tiere zu verteilen. Außerdem unterstützt sie die Regierung logistisch dabei, Zusatznahrung für schwer unterernährte Kinder, schwangere und stillende Mütter zu verteilen. Allein in Turkana seien fast 64.000 Menschen schwer unternährt.

Unterstützung der Welthungerhilfe

Unter einem großen Baum herrscht Hochbetrieb: Helferinnen und Helfer haben eine mobile Klinik errichtet, damit die Menschen nicht den weiten Weg in die nächste Stadt zurücklegen müssen. Unter dem Baum werden Kleinkinder gewogen und gemessen, die Helfer notieren auch den Umfang des Oberarms. An ihm lässt sich ablesen, ob ein Kind unterernährt ist oder nicht. Wenn nötig, bekommen die Mütter therapeutische Zusatznahrung für zwei Wochen mit nach Hause, dann sollen sie wiederkommen, kriegen die nächste Ration und die Helfer kontrollieren, ob die Kinder schon kräftiger sind.

Eine Frau steht mit einem Kind auf dem Arm in einer Steppe im Osten Afrikas. | Caroline Hoffmann

Das Ernährungsprogramm der Welthungerhilfe richtet sich nur an Kinder unter fünf Jahren, außerdem an schwangere und stillende Frauen.  Bild: Caroline Hoffmann

Nicht allen kann geholfen werden

Eine Helferin legt dem kleinen Lopeto Ebenyo das Maßband um den Oberarm, es zeigt rot: Der Zweijährige ist schwer unterernährt. Seine Mutter ist besorgt, aber nicht überrascht: "Das liegt an der Dürre. Alle unsere Ziegen sind tot, wir haben keine Milch und nichts zu essen", so Emunia Emariu. Ihren sieben anderen Kindern gehe es nicht besser, sagt die Mutter. Aber sie seien älter als fünf, deshalb hat sie die anderen gar nicht erst mitgebracht.

Das Ernährungsprogramm richtet sich nur an Kinder unter fünf Jahren, außerdem an schwangere und stillende Frauen. Schon für sie reicht die verfügbare Hilfe nicht, deshalb wird der Ernährungszustand der anderen gar nicht erst registriert.

Die Not überfordere die Helfer, sagt Benedict Mailu von der Welthungerhilfe. "Alle Hilfsorganisationen zusammen haben gemeinsamen mit der kenianischen Regierung bisher vielleicht die Hälfte derjenigen erreicht, die in Not sind. Aber längst nicht alle Hilfsbedürftigen", so Benedict Mailu. Diejenigen, die leer ausgehen, müssen gucken, wie sie überleben.