Stimmauszählung in einer Schule in Johannesburg (Archivbild). | AP

Überraschung in Südafrikas Metropole Johannesburg hat eine Frau gewählt

Stand: 23.11.2021 17:56 Uhr

Mit Mpho Phalatse ist erstmals eine Frau zur Bürgermeisterin von Johannesburg gewählt worden. Viele sehen darin einen politischen Aufbruch und hoffen auf ein besseres Leben in Südafrikas Millionenstadt.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg.

Die Stadt des Goldes, wie Johannesburg wegen seiner Geschichte genannt wird, hat zum ersten Mal eine Bürgermeisterin. Mpho Phalatse wurde am Montagabend in das Amt gewählt. Es war eine Überraschung - für sie selbst, für ihre Partei, und auch für ihre Widersacher.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Die Reaktion von Phalatse klang dennoch geerdet. Es habe eine Mehrheitsentscheidung gebraucht, um in diese Position zu kommen, sagte sie. "Ich hätte nicht gedacht, dass das passieren würde, aber ich kann Gott nur loben. Er war wirklich sehr zuverlässig, und er hat es geschafft. Ich bin sehr aufgeregt", so Phalatse.

"Ich denke, dass dies ein Zeichen für eine neue Zeitrechnung für die Stadt Johannesburg ist, aber auch für eine neue Zeitrechnung in der Politik", sagte die gewählte Bürgermeisterin weiter. "Wir hatten keine Koalitionsvereinbarungen. Das zeigt, dass unsere Demokratie gereift ist und dass wir uns als Land und sicherlich auch als Stadt in eine positive Richtung bewegen."

"Keine Illusion über die Stabilität dieser Regierung"

Grundlegend für diese Äußerung sind die Ergebnisse der Kommunalwahl. Phalatses Partei, die Demokratische Allianz DA, ist landesweit die größte Oppositionspartei. Anfang November erhielt die DA in Johannesburg aber nur rund 26,5 Prozent der Stimmen. Der Afrikanische Nationalkongress ANC wurde mit 33,6 Prozent die stärkste Fraktion. Unerwartet wurde Phalatse auch von der linkspopulistischen Partei Economic Freedom Fighters EFF unterstützt.

"Wir machen uns keine Illusionen über die Stabilität dieser Regierung, so wie sie jetzt steht. Ich denke, es ist allen klar, dass die EFF mehr gegen den ANC als für die DA gestimmt hat", schätzt der Vorsitzende der DA, John Steenhuisen, ein. "Sie haben uns keine Zugeständnisse abverlangt, und sie werden auch keine bekommen."

Das bedeute, dass diese Regierungen nur von kurzer Dauer sein könnten. "Ob sie aber nun fünf Jahre oder fünf Tage dauern, ich kann versichern, dass die DA ihre Amtszeit ganz in den Dienst der Bewohner dieser Metropole stellen wird", so Steenhuisen.

Wegbereiter für viele Frauen

Anfang des Monats hat Phalatse ihren 44. Geburtstag gefeiert. Das Amt der Bürgermeisterin ist zweifelsohne ihr bisher größtes Projekt, aber nicht ihr erstes. Zwischen 2016 und 2019 gehörte sie schon einem Ausschuss des Bürgermeisters an, der sich mit Gesundheit und sozialer Entwicklung beschäftigt. Dieser Bereich lag ihr stets am Herzen, denn sie ist selbst Medizinerin. Zusätzlich behandelte sie Opfer sexueller Übergriffe. Gewalt gegen Frauen ist ein massives Problem in Südafrika. Deshalb macht sie nach ihrer Wahl auch Frauen insgesamt Mut.

"Ich bin sehr stolz, die erste Bürgermeisterin von Johannesburg zu sein. Das ist eine große Ehre, und ich betrachte sie nicht als selbstverständlich", so Phalatse. Johannesburg sei das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas und in vielerlei Hinsicht auch des Kontinents. Als Frau mit einer solch großen Aufgabe betraut zu werden, bedeute für viele Frauen da draußen, dass sie es schaffen könnten und dass man auch ihnen vertrauen könne. "Ihr seid nicht die anderen, ihr seid gut genug. Ich hoffe, dass ich ein Wegbereiter für viele weitere Frauen sein werde, die nach mir kommen und ihren Hut für alle möglichen Aufgaben in den Ring werfen", so Phalatse.

Einige Jahre lang war sie im Bereich der Grundversorgung tätig, hatte zeitweise sogar ihr eigenes Unternehmen. Nicht zuletzt, weil sie viel in Armensiedlungen unterwegs war, ist ihr wichtig, dass die Strom- und Wasserversorgung ausgebaut und die Straßen verbessert werden. Das hatte sie auch im Wahlkampf immer wieder betont.

Mögliche Minderheitsregierung

Phalatses Aufgabe könnte es werden, eine komplexe Minderheitsregierung zu leiten - denn noch gibt es keinen Koalitionspartner. Parteifreunde bestätigen, dass sie das Zeug dazu hat.

Neben ihrem Beruf als Politikerin ist Phalatse aber auch ein Familienmensch. Nach Angaben ihrer Partei ist sie alleinerziehend und hat drei Kinder: fünf, elf und 18 Jahre alt. In ihrer Freizeit wandert sie gern in der freien Natur und schöpft Kraft darin, in ruhiger Umgebung zu meditieren.

In der Metropolgemeinde Ekuhurleni wurde ebenfalls eine Frau ins Amt der Bürgermeisterin gewählt: Tania Campbell gehört auch zur DA. Die Probleme sind für beide Frauen ähnlich. Beide Städte erleben einen ständigen Zuzug. Es mangelt aber an Wohnraum und an Arbeit, die Infrastruktur muss auf Vordermann gebracht werden, die Kriminalitätsrate ist hoch, immer wieder gibt es Korruptionsskandale.

Johannesburger hoffen auf ein besseres Leben

Speziell Johannesburg ist in einem kritischen Zustand. Das Strom- und Wasserversorgungssystem ist genauso marode wie das Straßennetz. Die Kriminalitätsstatistik ist ernüchternd: Alle drei Monate nimmt die Zahl von Delikten in der Innenstadt im zweistelligen Prozentbereich zu. Nach wie vor aber erwirtschaftet die Stadt 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Südafrika.

Viele Menschen wünschen sich Stabilität nach einem lokalpolitisch turbulenten Jahr. Der einstige Bürgermeister Geoff Makhubo (ANC) starb Anfang Juli an Komplikationen in Zusammenhang mit einer COVID19-Infektion. Sein Nachfolger Jolidee Matongo (ANC) kam bereits einen Monat nach seiner Wahl bei einem Autounfall ums Leben. Danach übernahm Mpho Moerane (ANC) das Amt, der nun aber von der DA-Kandidatin abgelöst wurde.

Das Stadtbild ist heute ein ganz normales, es gibt weder Freudentänze noch Protestzüge. In sozialen Netzwerken wünschen sich die Johannesburgerinnen und Johannesburger eine intakte, eine sichere und friedliche Stadt. Phalatse sei eine echte Chance, ist zu lesen. Viele Menschen äußern die Hoffnung, dass sich der Alltag mit ihr als Bürgermeisterin verbessern werde.