Al-Schabaab-Kämpfer in Somalia: Die Terrormiliz hat einen neuen Anführer gewählt. | AP
Hintergrund

20 Jahre nach 9/11 Afrika als Dschihadisten-Hotspot

Stand: 10.09.2021 08:56 Uhr

In den vergangenen 20 Jahren ist Afrika zur am meisten von Terror betroffenen Weltregion geworden. Vor allem in Ländern im Westen und Osten des Kontinents sind militante Islamisten aktiv. Die Hintergründe.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September ist islamistischer Terror in Afrika eine feste Größe geworden. In einem Bericht an den Sicherheitsrat hat das für die Beobachtung islamistischer Terrorgruppen zuständige UN-Komitee gerade für das erste Halbjahr 2021 festgestellt: "Die auffälligste Entwicklung in diesem Zeitraum ist, dass Afrika zur am meisten durch Terror betroffenen Weltregion geworden ist."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Hass auf die eigenen Regimes

Der militante Islamismus hatte seine frühen Wurzeln vor allem im Ägypten der 1950er- und 1960er-Jahre. Treibende Kraft: Sayyid Qutb, der damalige Vordenker der Muslimbrüder. Das Ziel: eine neue Ideologie, die Kapitalismus, Sozialismus und Säkularismus ablehnt. Stattdessen wurde die radikale Hinwendung zu Moral und Glauben gepredigt. Besonderer Hass galt den eigenen Regimes, die angeblich vom Westen korrumpiert waren.

Auch Osama bin Laden war ein Anhänger dieser Lehren. In den 1990er-Jahren war er im Sudan aktiv - Jahre, die nach Ansicht von Experten wesentlich waren für den Erfolg der neu gegründeten Terrorgruppe Al-Kaida. Als sich die Gruppe 1998 zu den Anschlägen auf die US-Botschaften in Daressalam (Tansania) und Nairobi (Kenia) bekannte, musste er den Sudan verlassen.

Al-Kaida blieb, der IS kam dazu

Al-Kaida aber ist auf dem Kontinent geblieben, der sogenannte Islamische Staat (IS) dazugekommen. Über Ableger und Allianzen haben die beiden Organisationen in Afrika inzwischen einige ihrer erfolgreichsten Zweigstellen.

Der IS und seine Verbündeten sind vor allem in Zentral- und Westafrika aktiv. Von Mali geht es nach Burkina Faso, Elfenbeinküste, Niger und in den Senegal. Von Nigeria aus werden der Süden des Tschad und ebenfalls Niger infiltriert. Im Osten des Kontinents liegen die Wurzeln des Übels in Somalia: Die mit Al-Kaida verbündete Al-Shabaab operiert von Somalia aus, hinein nach Kenia, dann, mit ihren Verbündeten, weiter südlich in Mosambik.

Vom Norden Mosambiks aus scheint es jetzt auch Attacken auf Tansania zu geben, für die UN-Berichterstatter ist das "eine besonders beunruhigende Entwicklung".

Im Blick des Westens: Mali und Somalia

Nach der Aufgabe Afghanistans durch die westlichen Alliierten richtet sich das Augenmerk nun besonders auf zwei Länder: Mali im Westen und Somalia im Osten des Kontinents. In Mali sind 13.000 UN-Soldaten stationiert, darunter etwa 1000 Deutsche, eine EU-Ausbildungsmission, ferner etwa 5000 französische Soldaten. Die Zahl der Franzosen soll stark reduziert werden: Der Einsatz ist bei den Bürgern in der Heimat unpopulär - und auch in Mali.

Ähnlich ist es in Somalia: 20.000 Soldaten aus elf afrikanischen Ländern haben es seit 2007 auch mit massiver westlicher Hilfe nicht geschafft, Frieden zu bringen. Auch hier steht ein Abschmelzen der Unterstützung an. Die USA, die etwa 6000 Soldaten im afrikanischen Anti-Terrorkampf haben, fahren ihr Engagement bereits zurück. Al-Shabaab soll deshalb bereits Geländegewinne machen, schreibt das "Wall Street Journal" unter Berufung auf das Militär.

Vetternwirtschaft und Korruption

Der Westen bildet Soldaten aus, die aber oft nicht wissen, wofür sie ihr Leben lassen sollen. "Wenn man sich das Verhalten bestimmter Vertreter des Staates ansieht - der Sicherheitskräfte, der Justiz oder auch der Gemeinden - so trägt das nicht dazu bei, dass die Bevölkerung die Autorität des Staates anerkennt", sagt Aly Tounkara, Sicherheitsanalyst in Mali. Das heißt: Für Vetternwirtschaft und Korruption in Staaten, die nur ein Schatten ihrer selbst sind, kann man keinen Rückhalt vom Volk erwarten.

Dieses Volk ist oft sowieso nicht homogen. Ein Beispiel aus Mali: Da ist das Hirtenvolk der Fulani (oder: Peul) lange im Streit mit sesshaften Bauern. Es geht um soziale Zurücksetzung, Frust auf die Regierung, um Tierdiebstähle und Weidegründe; die meisten Fulani sind - anders als die Bauern im Süden - Muslime.

Aus all dem wird ein Gemisch, das sich die Islamisten in Mali für Anwerbungen zu Nutze machen. Plötzlich stehen Fulani in den Augen mancher Militärs unter Generalverdacht: Eine Gewaltspirale setzt ein, die den Radikalen noch mehr Anhänger in die Arme treibt. Es geht eben nicht um einfache, militärische Lösungen, sondern um komplexe Probleme.

IS- und Al-Kaida-Ableger erfolgreich in West- und Ost-Afrika

Deshalb ist auch noch kein Ende des islamistischen Aufschwungs in Subsahara-Afrika in Sicht - mit schlimmen Folgen: Etwa zwei Millionen Flüchtlinge im Westen des Sahel, schon weit über 1000 Tote jährlich in Mali, durch die Islamisten in Nigeria geschätzte 30.000 Tote seit 2009. Keine guten Aussichten für eine ganze Generation in weiten Teilen des Kontinents.

Einer Studie der südafrikanischen Ichikowitz-Stiftung zufolge sind knapp 80 Prozent der jungen Befragten im Alter von 18 bis 24 Jahren besorgt über die Entwicklung.

Beunruhigend ist auch ein anderer Vergleich: Nach dem "Globalen Terror-Index" des Instituts für Wirtschaft und Frieden ist die Zahl von Anschlägen und Todesopfern zwischen 2014 und 2019 weltweit massiv zurückgegangen - dagegen aber in vielen Ländern Afrikas dramatisch gestiegen. "Vor allem in West- und Ost-Afrika prahlen die Ableger von IS und Al-Kaida damit, dass sie Anhänger und Gelände dazugewonnen haben", heißt es im Bericht an den UN-Sicherheitsrat.

Das sind Nachrichten, die nichts Gutes verheißen - nicht für Afrika, aber auch nicht für den Rest der Welt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 28. Juni 2021 um 17:00 Uhr.