Paul Rusesabagina (M), sitzt bei seiner Anhörung im Gericht.( Archivbild 2020) | dpa

Urteilsverkündung in Ruanda erwartet  Vom Hollywood-Helden zum Terrorverdächtigen

Stand: 20.09.2021 00:02 Uhr

Hollywood verfilmte in "Hotel Ruanda" die Geschichte von Paul Rusesabagina, der mehr als 1000 Menschen vor dem Völkermord rettete. Nun wird ihm in seinem eigenen Land der Prozess gemacht.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi 

Eine Geschichte, wie sie kaum zu glauben ist: Eigentlich wollte Paul Rusesabagina im vergangenen Jahr im August von Dubai nach Burundi fliegen, doch dort kam er nie an. Die Maschine landete stattdessen in Kigali, Ruandas Hauptstadt. "Die Umstände waren sehr dubios", sagt Gerd Hankel, Völkerrechtler und Sprachwissenschaftler vom Hamburger Institut für Sozialforschung. "Er ist gegen seinen Willen nach Ruanda verbracht worden. Das heißt, man kann auch ohne Übertreibung sagen: Er ist entführt worden. Er wähnte sich in der burundischen Hauptstadt Bujumbura, aber war de facto in Kigali und wurde dort sofort festgenommen."  

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

In Handschellen nahm Rusesabagina an einer Pressekonferenz teil. Angeklagt wurde er wegen Unterstützung und Förderung terroristischer Vereinigungen. Es gehe um "Milizen, die Ruanda aus dem Ausland, vom Kongo und von Burundi aus angegriffen und in Ruanda selbst Menschen getötet haben", erklärt Gerd Hankel, der ein Buch über Ruanda geschrieben hat. "Alles das soll Rusesabagina willentlich unterstützt und gefördert haben." Dabei soll er eigentlich ein Held gewesen sein, dessen Geschichte Hollywood verfilmte. 

Schlagartig berühmt

1994 leitete Paul Rusesabagina das "Hôtel des Mille Collines" in Kigali. Im Frühjahr desselben Jahres starb der damalige ruandische Präsident, als sein Flugzeug mit einer Rakete abgeschossen wurde. Es folgte eine Welle der Gewalt, innerhalb weniger Wochen starben etwa eine Million Tutsi und gemäßigte Hutu auf grausame Weise.

Rusesabagina rettete im Hotel mehr als 1200 Menschen. Hollywood entdeckte seine Geschichte und produzierte zehn Jahre später den erfolgreichen Kinofilm "Hotel Ruanda". Paul Rusesabagina wurde schlagartig berühmt. Vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush erhielt er 2005 die Freiheitsmedaille des Präsidenten.  

Kritik am Regime in Ruanda

In Ruanda hatte der Völkermord geendet, nachdem der heutige Präsident Paul Kagame mit der Tutsi-Rebellengruppe Ruandische Patriotische Front (RPF) vom Nachbarland Uganda aus einmarschierte und die damalige extremistische Hutu-Regierung absetzte. Rusesabagina verließ Ruanda, lebte lange als Taxifahrer in Belgien. Dann wurde er durch den Film berühmt und begann, sich politisch zu äußern, das Regime in Ruanda zu kritisieren. Gleichzeitig bekam die Geschichte von ihm als Helden Risse.  

Einige Stimmen wurden laut, die sagten, er habe von den Flüchtlingen Geld verlangt. Auch ein ehemaliger Angestellter des Hotels, Pasa Mwenganucye, spricht davon: "Sein Heldentum und das, was er gemacht hat, wurde im Film falsch gezeigt", sagt er in einem Interview mit dem ARD-Studio Nairobi in diesem August. "Der Film zeigt nicht, was wirklich passiert ist. Er wollte Geld verdienen." Rusesabagina und andere Gerettete wiesen dies in der Vergangenheit immer wieder zurück.

Paul Rusesabagina (M),  auf dem Weg zum Gericht in Kigali, begleitet von zwei Gefängniswärtern (Archivbild 2020). | AFP

Er trägt die Uniform eines rosa Gefängnisinsassen: Paul Rusesabagina auf dem Weg zum Gericht in Kigali. Bild: AFP

Überprüfen lassen sich all diese Vorwürfe kaum. Sie könnten auch Teil einer Kampagne gegen Regimekritiker sein, wie ruandische Oppositionelle sie immer wieder erleben. Einige verschwinden oder kommen auf mysteriöse Weise zu Tode. Fest steht, dass Rusesabagina immer mehr zu einem Kritiker des ruandischen Präsidenten wurde. Er warf ihm einen autoritären Führungsstil vor. Dann gründete er selbst eine Oppositionspartei, deren militärischer Arm die sogenannte Nationale Befreiungsarmee (FLN) ist.  

Bewaffnete Gruppe unterstützt?

Um diese bewaffnete Gruppe ging es auch vor Gericht. Rusesabagina wird vorgeworfen, sie unterstützt zu haben. Er verneint dies. Aber: "Der Vorwurf des Terrorismus ist nicht aus der Luft gegriffen", sagt Hankel. "Vor einiger Zeit ist Rusesabagina in einem Videoclip an die Öffentlichkeit getreten. In diesem Clip fordert er die Ruander auf, bedingungslos eine Nationale Befreiungsarmee zu unterstützen. Er sagt, diese Armee verdient die Unterstützung mit allen Mitteln. Und diese Armee hat 2018/19 in Ruanda selbst Überfälle begangen. Dabei sind neun Menschen getötet worden und etliche verletzt und hoher Schaden verursacht worden."

Die Äußerung im Video sei nur eine politische Meinung, sagt Rusesabagina zu den Vorwürfen. Dies sei aber zu bezweifeln, erklärt der Ruanda-Experte, auch bei einem rechtsstaatlichen Verfahren könne er womöglich wegen Beihilfe zu terroristischen Aktivitäten verurteilt werden. 

"Er hatte keine freie Verteidigung"

Doch solch ein Prozess sei nicht zu erwarten. "Die Entführung ist der erste Punkt, der klar macht, dass es nichts mit einem rechtsstaatlichen Verfahren zu tun hat", kritisiert Hankel. "Er hatte keine freie Verteidigung, die war eingeschränkt und wurde überwacht. Der ruandische Staat hat alles unternommen, um das Verfahren zu dem gewünschten Ergebnis zu führen." 

Eigentlich sollte das Urteil bereits im August verkündet werden. Doch es wurde verschoben. Paul Rusesabagina ist 67 Jahre alt. Beobachter gehen davon aus, dass er vermutlich den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen wird.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. September 2021 um 05:44 Uhr in der Sendung "Informationen am Morgen".