Eine Krankenpflegerin im Gespräch mit einer HIV-Patientin im südafrikanischen Ngodwana. | AP

Corona-Pandemie in Südafrika Kampf gegen HIV zurückgeworfen

Stand: 05.06.2021 10:32 Uhr

Vor 40 Jahren erschien der erste Bericht über die Fälle fünf junger Männer, deren Symptome später als AIDS bekannt wurden. Die Corona-Pandemie erschwert den Kampf gegen HIV.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Beim Stichwort Neuinfektionen denkt man in Südafrika keineswegs automatisch an Corona und Covid-19.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

"Wegen der Corona-Pandemie sind globale Ziele vergessen worden", sagt der Psychologe Kay Govender, der an der Universität von Kwazulu-Natal in Durban arbeitet. Er klingt ernüchtert. "Länder in unserer Region der Welt haben Ausgangssperren erlassen. Anweisungen zu Hause zu bleiben, die Städte nicht zu verlassen - so wurde gegen Covid-19 gekämpft, aber es hat der HIV-Vorbeugung und Behandlung deutlich geschadet. Wir haben die Ziele für 2020 nicht erreicht. Wir wollten die Infektionszahlen senken, die Behandlung für HIV-Patienten verbessern und Stigmatisierung und Diskriminierung verringern."

Govender hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem es darum geht, die Verbreitung von HIV unter jungen Menschen im südlichen und in Ost-Afrika zu verringern. Denn die Demographie im Südafrika spricht Bände: Das Durchschnittsalter liegt bei rund 26 Jahren, auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt gar bei 18.

Testphase für Impfstoff sieht vielversprechend aus

Die junge Bevölkerung liegt auch Linda-Gail Bekker am Herzen. Sie leitet das Desmond-Tutu-HIV-Zentrum an der Universität Kapstadt. "Wenn wir es versäumen, uns mit den Nöten und Bedürfnissen der jungen Menschen zu befassen, führt das mit Sicherheit dazu, dass die Epidemie länger dauert", sagt Bekker. "Wichtiger noch: Es wäre eine verpasste Chance, ins Leben der heutigen jungen Menschen zu investieren - sie sind die Erwachsenen von morgen und die Eltern der nächsten Generation, und das weltweit."

Keine Frage: Wissenschaftler haben es geschafft, dass HIV-positive Mütter Kinder zur Welt bringen, die HIV-negativ sind. Die Testphase, in der sich eine Impfung für junge Frauen befindet, sieht vielversprechend aus. Aktivisten haben lange dafür gekämpft, dass antiretrovirale Medikamente in Südafrika für alle zugänglich werden.

Hoffnung nach einer Infektion

Auch die Krankenschwester Zanele Cekiso überbringt längst keine Todesnachrichten mehr. Sie betreut in Rustenberg, etwa zwei Autostunden nordwestlich von Johannesburg gelegen, HIV-positive Patienten. 

"Wenn ich mit meinen Patienten spreche, dann sage ich ihnen, HIV-positiv zu sein, heißt nicht, krank zu sein", sagt Cekiso. "Das Virus zu haben, bedeutet, es ist etwas in deinem Körper, dass dich krank machen kann, wenn du nicht die Medikamente nimmst, um es zu kontrollieren."

Jeder fünfte Südafrikaner trägt HIV in sich

Südafrika hat weltweit das umfangreichste Programm, was die Behandlung von HIV-Infizierten angeht. In der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen trägt nach Regierungsangaben gut jeder fünfte Südafrikaner das HI-Virus in sich, insgesamt sind das etwa sieben Millionen Menschen.

Jonathan Gunthorp leitet den SRHR Africa Trust, eine Nichtregierungsorganisation, die das komplette südliche Afrika im Blick hat. "Ich denke, wir stehen kurz vor richtigen Meilensteinen mit der neuen UNAIDS-Strategie, der Globale Fonds wird seine auch bald vorstellen", sagt er. "In beiden Strategien geht es wieder stark um Vorsorge bei Kindern und jungen Menschen. Gleichzeitig steht unserer Region das Schlimmste in Sachen Covid noch bevor. Die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen, mehr Jungs und Mädchen verlassen zu früh die Schule, Hunger nimmt zu und so weiter. Das dauert zwei bis drei Jahre, bis sich das wieder abschwächt."

Diese Faktoren könnten sich auch auf die HIV-Epidemie auswirken. Deshalb ist auch die Forscherin Bekker überzeugt, dass ihre Arbeit noch nicht getan sei. 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 05. Juni 2021 um 06:21 Uhr.