Frauen tragen Gefäße auf ihren Köpfen. | picture alliance / Pacific Press

Hexenverfolgung in Ghana "Sie werden uns alle töten!"

Stand: 30.10.2021 19:00 Uhr

Hinter Krankheiten, Dürre oder Bränden vermuten die Menschen in Ghana oft Hexerei. Frauen werden deshalb verfolgt und bedroht. Zuflucht finden sie in sogenannten Hexendörfern. Doch diesen droht die Schließung.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat
Nur Gott hat mich gerettet, sie haben mich fast umgebracht. Sie kamen mit einer Waffe und drohten, mich zu töten. Und als sie mich aus der Gemeinde wegschleppten, hat einer ein Messer gezückt und gesagt, sie sollten mich lieber schlachten. Und so kam ich hierher.

Das erzählt Kologo Tingana. Die 71-jährige Frau lebt seit 2016 im Dorf Gambaga, im Norden Ghanas. Gambaga gilt als Hexendorf - eine Art Ghetto für verbannte Frauen. Zurzeit leben dort 87 Frauen. Erst Ende Oktober flohen drei weitere in das Dorf.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Letzte Zuflucht Hexendorf

Im Norden Ghanas leben Hunderte von Frauen, meist ältere, die von Verwandten oder Mitgliedern ihrer Gemeinschaft der Hexerei beschuldigt werden, in solchen Hexendörfern. In diesen Camps leben Frauen und Kinder unter teilweise prekären Bedingungen und mit wenig Hoffnung auf ein normales Leben. Die Anklagen gegen sie: Krankheiten, Dürre, Brände oder das Erscheinen in Albträumen. Manche sagen, aus Neid denunziert worden zu sein, weil sie als Geschäftsfrauen erfolgreich waren.

Ähnliches ist auch Kologo Tingana passiert. Sie sei der Hexerei beschuldigt worden, nachdem Kunden ihre landwirtschaftlichen Produkte nicht bezahlen konnten, erzählt sie. Daher hätten sie behauptet, sie sei eine Hexe, um nicht zahlen zu müssen. Der Mob der Gemeinde sei schnell zur Stelle gewesen, um sie zu töten, sagt Tingana. Sie floh. Im Jahr 2020 soll Berichten zufolge sogar eine 90-jährige Frau in Ghana von einem Mob gelyncht worden sein. Kologo Tingana hat deswegen immer noch Angst.

"Das sind doch Verbrecher"

"Ich bin unglücklich und habe geweint, als die alte Frau getötet worden ist", erzählt sie. "Das sind doch Verbrecher, die das getan haben. Die Regierung muss da doch etwas tun, oder sie werden uns alle töten!"

Samson Laar will, dass diese Frauen die Hexendörfer verlassen. Seine christliche Nichtregierungsorganisation "Presby Go Home Project" versucht, die Frauen zu unterstützen. Doch schon allein ihnen eine sichere Unterkunft zur Verfügung zu stellen, ist schwierig. Die oftmals älteren Frauen schlafen in Lehmhütten. Es gibt keine Betten. Sie schlafen auf Matten, die sie auf den Lehmboden legen. Eines von vielen Problemen. Laar sagt, die Mehrheit der Frauen wolle zurück nach Hause, aber die meisten Gemeinden seien für sie einfach nicht sicher genug.

Den Camps droht die Schließung

"Der Zustand der Dörfer ist sehr schlecht", erzählt Laar weiter. "Die Frauen befinden sich in einem ärmlichen Zustand, denn zurzeit haben wir noch nicht einmal Lebensmittel für sie. Es ist ein großes Problem für uns, sie mit Lebensmitteln zu versorgen. Erst gestern kamen neue Frauen in das Camp, weil ein Pastor sie der Hexerei beschuldigt hat. Wie barbarisch!"

Auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie können dazu geführt haben, dass Frauen für Tod und Krankheit verantwortlich gemacht werden. Dieser Aberglaube mit teilweise tödlichen Folgen ist Ghanas Regierung bekannt. Schon vor Jahren hatte sie angekündigt, alle Hexendörfer schließen zu wollen.

So sagte 2018 bereits die damalige Ministerin für Gender, Kinder und Sozialschutz, Otiko Djaba, dass die Berichte von angeblichen Hexen, die verbannt werden, entsetzlich seien und verstörend. Doch das Ministerium werde alle Hexencamps schließen, befürchtet sie.

Viele fürchten ihr Zuhause

"Wir haben das Hexencamp in Gambaga besucht", erzählt Djaba. "Und unser Ziel ist es, die Frauen durch Trainings zu unterstützen und wir versuchen, durch Gespräche zwischen den Gemeinden und den angeblichen Hexen, sie zu reintegrieren. Trotzdem wollen einige von ihnen nicht zurück in ihre Gemeinden, denn sie fürchten, sobald etwas Schlechtes dort passiert, dass sie die ersten sein werden, die beschuldigt werden."

Doch bis heute sind in Ghana sechs Hexendörfer bekannt. In sehr abgelegenen Teilen des Landes soll es sogar noch weitere geben, die nicht offiziell bekannt oder dokumentiert sind. Der Glaube an Hexerei sei in einigen Regionen Ghanas tief verwurzelt, erzählt Lamnatu Adam von der Frauenrechtsorganisation Songtaba. Die Hexendörfer existierten seit Jahrhunderten. 

Ein fest verankerter Aberglaube

Jeder kleine Traum habe spirituelle Bedeutung, so Adam. Religiöse Führungspersönlichkeiten hälfen auch nicht bei dem Problem - im Gegenteil. Es gebe welche, die Hexerei für Unglückliche verantwortlich machten und zum Problem beitrügen. "Wir haben Kirchen, die Exorzismen praktizieren und nur von Hexerei sprechen, wenn jemand kein Erfolg hat", erzählt Adam weiter. "Es gibt einen ernsthaften und fest verankerten Glauben an Hexerei, weshalb die Anschuldigungen immer noch weitergehen."

Das Problem liege zum einen am Aberglauben - so hätten angeklagte Frauen oft keinen Schutz von Polizisten, da diese selbst an Hexerei glaubten. Zum anderen, sagt Adam, liege es auch am fehlenden Respekt gegenüber Frauenrechten.

Die Zahlen lassen hoffen

Wenn man sich anschaue, wer üblicherweise angeklagt wird, seien es Frauen. Viele billigten Frauen keine Menschenrechte zu, als ob man alles mit Frauen machen kann und damit davonkommen würde. Selbst beim Glaube an Hexerei gebe es ironischerweise ein Problem von Machtverhältnissen, sagt Adam. "Es gibt den Aberglauben, wenn ein Mann spirituelle Kraft hat, nutzt er sie, um seine Familie und seine Gemeinde zu schützen - eine Frau hingegen nutzt ihre Kräfte, um Schaden anzurichten."

Aber Frauenrechtsaktivistin Lamnatu Adam sieht auch positive Entwicklungen. Laut ihren Beobachtungen gibt es weniger Frauen in den sogenannten Hexendörfern. Waren es einst Tausende Frauen, lebten heute noch ungefähr 300 Frauen in diesen Unterkünften. Doch für viele von ihnen bleibt auch nach Jahrzehnten das Hexendorf der einzige Zufluchtsort.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Oktober 2021 um 16:41 Uhr.