Teile eines Schlauchboots vor der libyschen Küste. | Flavio Gasperini/SOS Mediterranee via AP

Bootsunglück vor Libyen "Ein Meer von Leichen"

Stand: 23.04.2021 14:22 Uhr

Erfolglos haben Flüchtlingshelfer versucht, zahlreiche Menschen nach einem Bootsunglück zu retten. Bereits am Mittwoch hatten NGOs die zuständigen Behörden in Libyen informiert. Doch die reagierten offenbar nicht.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Den Helfern auf der "Ocean Viking" habe sich ein erschütterndes Bild geboten, als sie an die Unglücksstelle kamen, berichtet Alessandro Porro dem ARD-Studio Rom: "Wir haben ein Schlauchboot gesehen, das kaputt und völlig ohne Luft war - auch das Innenteil aus Holz war von den Wellen zerstört. Dann sind wir geradezu in ein Meer von Leichen gekommen. Wir haben mindestens 13 Körper und Rettungswesten auf dem Wasser treiben sehen."

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

Lebend hätten sie niemanden bergen können, sagt Porro, der Präsident der Nichtregierungsorganisation (NGO) SOS Méditerranné in Italien ist und derzeit als Logistiker auf der "Ocean Viking" fährt.

Mehrere Stunden im Kontakt

Das Rettungsschiff war gestern Abend an der Unglücksstelle mehrere Seemeilen vor der Küste Libyens eingetroffen. Alarmiert worden war die Besatzung durch eine Mitteilung der nichtstaatlichen Organisation "Alarmphone". Freiwillige von "Alarmphone" berichten, sie hätten über mehrere Stunden mit den Menschen an Bord telefonisch in Kontakt gestanden. Demnach seien 130 Menschen auf dem Schlauchboot gewesen, unter ihnen auch eine schwangere Frau.

Ihr Boot war in Libyen gestartet, die Menschen wollten offensichtlich nach Italien. Es sei zu befürchten, heißt es nun in einer Mitteilung von "Alarmphone", dass alle 130 Menschen an Bord ums Leben bekommen sind. Zum Zeitpunkt des Unglücks habe schlechtes Wetter in dem Seegebiet geherrscht, mit Wellen von bis zu sechs Metern Höhe.

Vorwürfe gegen staatliche Stellen

"Alarmphone" und SOS Méditerranne erheben im Zusammenhang mit dem Unglück schwere Vorwürfe gegen staatliche Stellen. Diese hätten nicht geholfen, obwohl sie über die Situation Bescheid wussten. "Alarmphone" hat nach eigenen Angaben bereits am Mittwoch sowohl die Verantwortlichen in der Rettungsleitzentrale in Italien als auch die zuständige Stelle in Libyen über das Schlauchboot in Seenot informiert.

Auch die Rettungsstelle Maltas sei benachrichtigt worden. Von keiner Seite aber seien Schiffe zur Rettung an den Unglücksort geschickt worden. Von Bord der "Ocean Viking" bestätigt Alessandro Porro, dass es bei der Such- und Rettungsaktion keine Unterstützung durch staatliche Stellen gegeben habe.

Suche nach mehreren Stunden abgebrochen

"Wir waren in dieser Situation auf uns alleine gestellt und haben zusammen mit drei Handelsschiffen, die helfen kamen, eine selbst organisierte Suchroute in dem betreffenden Teil des Meeres abgefahren", so Porro.

Ohne Erfolg - nach mehreren Stunden wurde die Suche abgebrochen. Aus Rom gibt es zu den Vorwürfen der NGO über ausgebliebene Unterstützung noch keine Reaktion.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 23. April 2021 um 14:13 Uhr.