Waldbeobachter machen ein Beweisfoto an einem korrekt gefällten Baum. | ARD-Studio Nairobi
Weltspiegel

Abholzung in DR Kongo Kampf um den Regenwald

Stand: 24.10.2021 13:52 Uhr

Der Regenwald im Kongobecken ist der zweitgrößte der Welt. Firmen wittern ein Riesengeschäft, viel Holz wird illegal gerodet. Einige Dorfbewohner wollen sich die Kontrolle über ihren Wald zurückholen.

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

"Der hier ist in Ordnung", ruft Papy Bonkale seinem Team zu. "Ein Meter Durchmesser." Gerade hat er mit dem Maßband einen riesigen Baumstumpf mitten im Regenwald vermessen. "Wir finden auch geschlagene Bäume, die nur 40 oder 45 Zentimeter Durchmesser haben", erklärt er. "Aber die sollen doch wachsen und später unsere Kinder und Enkelkinder versorgen. Das tut weh!"

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Ein Foto machen sie trotzdem noch und schreiben die GPS-Daten des Baumes auf. Sie wollen ganz genau zeigen, wie ihre Arbeit funktioniert.

Die drei Kongolesen sind sogenannte Waldbeobachter: Mit Smartphone und Satellitenverbindung bewaffnet gehen sie mehrmals im Monat auf Patrouillen im Wald rund um ihre Dörfer. Hier liegt die Konzession einer chinesischen Firma, auf einer Fläche etwa so groß wie das Saarland. Ausländer dürfen das Gebiet nicht betreten, Dorfbewohner nach kongolesischem Recht schon. Und so können sie kontrollieren: Hält sich die Firma, die hier abholzt, tatsächlich an die Regeln?

Abholz-Moratorium wurde nicht eingehalten

Davon gibt es in der Demokratischen Republik Kongo viele: Zu junge Bäume dürfen nicht gerodet werden, auch nicht am Hang, bei Wasserquellen oder zu nah an den Dörfern. Entdecken sie einen Verstoß, setzen die Waldbeobachter mit dem Smartphone einen Alarm ab. ForestLink nennt sich dieses System, das unterstützt von der britischen Organisation Rainforest UK auch in Kamerun und Ghana zum Einsatz kommt. "Es freut mich, wenn wir einen Alarm auslösen", sagt Bonkale. "Es kann am Ende dazu führen, dass die Verstöße aufhören. Und das wollen wir erreichen."

Denn der Regenwald in der Demokratischen Republik Kongo ist unter Druck. Die grüne Lunge Afrikas ist bei den Holzkonzernen sehr beliebt, hier lässt sich viel Geld verdienen. Um den Wald zu schützen, gilt eigentlich ein Moratorium. Seit dem Jahr 2002 dürfen keine neuen Gebiete mehr zur Rodung freigegeben werden, nur auf den alten Konzessionen darf noch Holz geschlagen werden.

Doch daran hielt die Regierung sich nicht. Jetzt überlegt der Kongo sogar, den Wald wieder ganz freizugeben. Doch schon jetzt schafft das Land es nicht, die Firmen ausreichend zu kontrollieren - es wird massiv illegal abgeholzt. Experten schätzen, dass ein Großteil der Holzexporte aus dem Kongo aus illegalen Quellen stammt.

Waldbeobachter verwenden die ForestLink App. | ARD-Studio Nairobi

Waldbeobachter melden Verstöße gegen das Forstgesetz. Bild: ARD-Studio Nairobi

Für die Menschen in den Dörfern, einige Stunden mit dem Auto entfernt von der nächstgrößeren Stadt Mbandaka, ist der Wald ihre Lebensgrundlage. Dort finden sie Nahrung, gehen auf die Jagd und betreiben Ackerbau. Sie wollen, dass er nachhaltig genutzt wird.

"Es ist der Mangel an Respekt, der mich wütend macht", sagt Labelle Bokele dem ARD-Studio Nairobi bei einer gemeinsamen Reise mit dem "Spiegel". Seit zwei Jahren gehört sie zu den Beobachtern. "Ich bin nicht gegen die Bewirtschaftung des Waldes", ergänzt sie. "Aber die chinesische Firma hält sich nicht an alle Vorgaben." Die Dorfbewohner wollen die Kontrolle über ihren Wald zurück.

Eine Hand hält ein Smartphone mitd er Anzeige der ForestLink App. | ARD-Studio Nairobi

Mit der App "ForestLink" können Dorfbewohner Verstöße melden. Bild: ARD-Studio Nairobi

Erster Gerichtsprozess gegen illegale Abholzer

Dabei unterstützt sie der Anwalt Joseph Bolongo von der lokalen Hilfsorganisation Gashe. Bei ihm laufen die Daten der Alarme zusammen. Die Zahl der offiziellen Kontrolleure reiche nicht aus, um alle Wälder des Kongo zu überprüfen, erklärt Bolongo. "Aber die Gemeinschaften hier kennen den Wald, sie leben in ihm. Die Alarme erlauben es uns, wenn etwas Illegales entdeckt wird, diese Informationen so schnell wie möglich, an die staatlichen Stellen weiter zu leiten."

Bolongo war dabei, als im März 2019 ein Anruf aus dem Dorf Loselinga tatsächlich Folgen hatte: Aufgebrachte Bewohner berichteten von Chinesen, die plötzlich Bäume bei ihnen fällten. Gemeinsam mit Polizei und Staatsanwalt fuhr er sofort in den Wald. Die Delegation nahm einen der Chinesen fest, der sich dann vor Gericht verantworten musste.

Doch trotz scheinbar erdrückender Beweislast: Am Ende des Verfahrens wurde er mit dem Verweis auf eine Strafzahlung freigesprochen. "Das Verfahren hat sich nicht entwickelt, wie es sollte", sagt Bolongo. "Gerichtsprozesse funktionieren hier nicht immer gut. Die Zivilgesellschaft hat dann einen Einspruch formuliert, und die Papiere werden weiter überprüft." Sie vermuten politische Einflussnahme.

Trotzdem wertet Joseph Bolongo den Prozess als Erfolg, denn es sei das erste Mal gewesen, dass im Kongo ein Dorf mit Hilfe der Zivilgesellschaft eine Holzfirma vor Gericht gebracht habe - ein kleines Zeichen der Hoffnung.

Bei einem Gerichtsverfahren in der Stadt Mbandaka stehen Angeklagte den Richtern gegenüber. | ARD-Studio Nairobi

Ein Gerichtsverfahren in der Stadt Mbandaka. Bild: ARD-Studio Nairobi

Dorfbewohner wollen sich nichts mehr gefallen lassen

Und nicht nur das: Die gesammelten Alarme helfen den Dorfbewohnern, sich gegen die Konzerne zu stellen. "Wichtig ist, dass die Dörfer die Regeln kennen", sagt Bolongo. "Wenn eine Firma dann nicht macht, was sie soll, wehren sie sich." Dorfbewohner blockieren dann zum Beispiel eine Straße oder zwingen die Firma in Gesprächen zu Zugeständnissen.

Auch Papy Bonkale hat mit einem Alarm viel erreicht. In seinem Nachbardorf liegt eine Schule, die nie fertig gebaut wurde. Große Löcher klaffen in den Wänden. Bonkale entschied sich, hier mit dem Smartphone einen Hinweis abzusetzen. Die Waldbeobachter kontrollieren nicht nur innerhalb der Konzession, sondern überprüfen auch, ob die Firma ihre Vereinbarungen mit den Dörfern einhält. Denn wer Holz schlagen will, muss eigentlich Sozialleistungen bezahlen, beispielsweise Geld für solch eine Schule geben. "Mit dem Alarm wollte ich darüber informieren", erzählt er.

Anwalt Joseph Bolongo sitzt neben Waldbeobachtern. | ARD-Studio Nairobi

Anwalt Joseph Bolongo will den Dorfbewohnern zeigen, wie sie sich wehren können. Bild: ARD-Studio Nairobi

Es folgte eine Untersuchung mit einem für ihn überraschenden Ergebnis: Nicht die Firma war schuld, sie hatte gezahlt, sondern das Geld wurde im Dorf unterschlagen. "Man hat die Verantwortlichen im Dorf dann festgenommen."

Ein weiterer Erfolg ihrer Arbeit, finden die Waldbeobachter. Seit 2018 haben sie allein in der Konzession um ihre Dörfer 81 Meldungen abgesetzt, darunter zwölf mutmaßliche Fälle illegalen Abholzens. Sie wollen sich nichts mehr gefallen lassen: "Wir werden nicht nachlassen", sagt Labelle Bokele. "Wir werden weiter Alarme abschicken, damit es für unsere Kinder einmal besser läuft, denn der Wald ist unser Vermächtnis."

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 24.10.2021 um 19.20 Uhr in der Sendung "Weltspiegel" im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 24. Oktober 2021 um 19:20 Uhr.

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KOMMENTARE

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KowaIski 24.10.2021 • 23:51 Uhr

@ Treualp1

Das EU Parlament redet viel tut aber sehr wenig. Ankündigungen von Taten wäre angebracht als brillante Reden. Welche Ankündigungen brauchen wir denn konkret? @ Postquestioneer: Hoffentlich nichts mit wissenschaftlich und Kapitalismus.