Flüchtlinge an der Grenze der DR Kongo zu Uganda.

DR Kongo "Wir wollen souverän sein"

Stand: 20.11.2021 05:56 Uhr

Immer mehr Überfälle auf die Bevölkerung haben in der DR Kongo eine Fluchtwelle ausgelöst. Zuletzt marschierte die berüchtigte M23 ein - eine Miliz, die eigentlich ein Friedensabkommen mit der Regierung hat.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Ihre Habseligkeiten in bunte Tücher geschnürt, transportiert auf dem Kopf über eine Grenze, die sie vor ein paar Tagen noch in die andere Richtung passiert hatten: die Frauen aus der Region um Bunagana, im Osten der Demokratischen Republik Kongo, kennen ihren Weg. Sie wissen, wohin sie fliehen müssen, wenn der Geschützdonner lauter wird und die Angst unerträglich. Wenn mal wieder Rebellen im Anmarsch sind, geht es rüber nach Uganda. Wenn es ruhig wird, geht es zurück in die DR Kongo.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi
Neema Sifa an der Grenze der DR Kongo zu Uganda.

Die nötigsten Habseligkeiten auf dem Kopf: So flüchten Frauen wie Neema Sifa aus dem DR Kongo teils mehrmals über die Grenze nach Uganda - und zurück.

"Wir sind gerade zehn Kilometer gegangen", erzählt Neema Sifa, als sie in ihrem Dorf Tshanzu auf der kongolesischen Seite der Grenze ankommt. Als sie mit ihren sechs Kindern ihr Haus betritt, weiß sie schon, was sie erwartet:  "Alles, was ich habe, ist weg. Diebe waren noch vor den Rebellen in mein Haus eingedrungen", sagt Sifa. "Auch Matratzen und Stühle sind weg. Die Behörden sollten uns helfen." Doch die Behörden sind froh, dass sie die Angreifer überhaupt zurückschlagen konnten.

Miliz M23 löst Panik aus

"Die Rebellen kamen aus Ruanda und gingen nach Ruanda zurück", sagt Colonel Luc Nyengele Bakole, Armeesprecher vor Ort. "Wir haben die Bevölkerung aufgerufen, ruhig zu bleiben. Sie haben ihre Armee und Polizei, um sie zu beschützen."

Damit ist es oft nicht weit her. Allein schon die ersten Meldungen, bei den Angreifern könnte es sich um die berüchtigte Milizgruppe M23 handeln, hatte die Region in Panik versetzt. Schon nach wenigen Stunden waren 5000 Menschen auf der Flucht. Die kongolesische Regierung hatte eigentlich mit der M23 eine Friedensvereinbarung geschlossen. Weil sich die Regierung immer noch nicht daran halte, habe es nun diesen Zwischenfall gegeben, so die Führung der Gruppe.

Der Schrecken ist im Ostkongo längst zum Alltag geworden: Deshalb gibt es im Land inzwischen fünf Millionen Flüchtlinge, eine weitere Million hat Kongo verlassen. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres seien über 1,3 Millionen Menschen innerhalb des Landes geflohen - mehr als irgendwo sonst auf dem Kontinent, klagt das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR.

Colonel Luc Nyengele Bakole

Colonel Luc Nyengele Bakole versichert, die Behörden schützten die Bevölkerung. Doch die fühlt sich nicht sicher - und flieht, wieder und wieder.

"Unser Staat nimmt es zu leicht"

Gleichzeitig warnt die UN-Ernährungsorganisation (FAO) vor einer Verschärfung der Nahrungsmittelkrise im Land: Für 27 Millionen Menschen - fast ein Viertel der Bevölkerung - sei das tägliche Essen nicht gesichert. Und wo es Nahrung gebe, fehle oft das Geld, sie auch zu kaufen, so die FAO.

Seit Jahren wird gekämpft und gestorben. 20.000 UN-Soldaten sollen einen Frieden sichern, der nicht eintreten will. Die Zahl der Milizen ist über die Jahre gestiegen, die Fähigkeit, sie zu bekämpfen, nicht. Und so wird in der DR Kongo weiter gestorben. "Warum werden wir immer wieder von Leuten angegriffen, die unsere Regierung doch kennt?", fragt Samson Kukira, der Vertreter der Zivilgesellschaft in der Rutshuru-Region an der ugandischen Grenze ist. "Unser Staat nimmt das alles zu leicht. Wir wollen souverän sein, sind es aber nicht."

Die Weltöffentlichkeit hat sich schon lange an das Leiden im Kongo gewöhnt und so ist es denn auch kein Wunder, das die FAO für ihre Projekte dort bis heute nur 4,5 Millionen Dollar zusammenbekommen hat - 65 Millionen werden aber gebraucht.

"Wir wollen endlich Frieden", sagt Amani Mudumbi aus der Grenzstadt Bunagana. Auch er ist auf dem Rückweg, mit einem vollen gelben Plastiksack auf dem Kopf und einem Rucksack über der Schulter. Ein junger Mann, hinter dem mehr liegt als eine Flucht-Etappe. "Die Behörden sollten uns endlich beschützen vor dem Feind", sagt er. "Wir wären froh, müssten wir unsere Dörfer nicht jeden Tag aufs neue verlassen."