Mutmaßlich deutscher Soldat mit Gefangenen während des Kriegs gegen die Herero und Nama von 1904-1908 | AFP

Deutsch-namibische Einigung Kritik an deutschem Angebot

Stand: 28.05.2021 18:52 Uhr

Das Versöhnungsangebot Deutschlands an seine frühere Kolonie Namibia steht in der Kritik: Zwar will Berlin die Taten der kaiserlichen Truppen als Genozid anerkennen und einen Milliardenbetrag zahlen. Doch vielen reicht das nicht.

Von Jana Genth, ARD-Studio Johannesburg

Einen ersten wichtigen Schritt - so haben Mitglieder der namibische Regierung das Versöhnungsabkommen noch vor wenigen Tagen genannt. Auf den Straßen der Hauptstadt Windhuk sah es heute etwas anders aus. "Wir wollen das Land unserer Vorfahren zurück" oder "Was Geingob tut, ist eine Farce" - so stand es auf den Plakaten der Demonstranten, die sich am Mittag versammelt haben.

Jana Genth ARD-Studio Johannesburg

Die Ovaherero Genocide Foundation und der Stammesführerverband NTLA der Nama fordern auch weiterhin Reparationszahlungen und Zugang zu dem Land, das einst den Herero und Nama gehörte. Sie übergaben eine Petition an den Präsidenten Namibias, Hage Geingob, an den Parlamentssprecher und an die Deutsche Botschaft in Windhuk.

"Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Ngamane Karuaihe-Upi ist Herero und ebenfalls unzufrieden: "1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre verteilt, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man bedenkt, was den Nama und den Herero zusteht", sagt er. "Nur zum Vergleich, es ist nicht ähnlich, aber man kann es vergleichen: Was hat die deutsche Regierung getan dafür, was den Juden in Zweiten Weltkrieg angetan wurde? Sie zahlt immer noch."

Herero und Nama sind Minderheiten in Namibia, die Nama machen keine fünf Prozent der Bevölkerung aus, die Herero umfassen rund 7,5 Prozent der Namibier. Die Nama leben vornehmlich südlich, die Herero nördlich der Hauptstadt Windhuk. Die Gegenden, in denen sie leben, sind sichtbar arm - ärmer zumindest als die Hauptstadt.

In Okakarara, einer Herero-Hochburg, lebt Veronika Kamaakoho Mujazu. Sie hat ganz klare Argumente: ""Die Deutschen haben meiner Großmutter das Leben schwer gemacht, sie ist allein geblieben, sie ist unter fremden Menschen aufgewachsen, sie wurde gezwungen, eine fremde Sprache zu sprechen. Und wir leben in Armut, wegen dem, was sie uns damals angetan haben. Jetzt wollen wir, dass sie uns unsere Würde zurückgeben, Reparationen müssen kommen und wir wollen unser Land zurück."

Berlin lehnt Reparationen ab

Reparationen lehnt die Bundesregierung ab und sprach mit Blick auf die versprochenen 1,1 Milliarden Euro von einer politisch-moralischen Frage. Diese geht einigen der zahlreichen Gruppen der Herero und Nama nicht weit genug. Dazu kommt: Manche traditionelle Gruppen hatten die Gespräche von vornherein abgelehnt, und ohnehin waren nicht alle an den Verhandlungen beteiligt.

Deshalb ist auch Kazenambo Kazenambo unzufrieden: "Diese Verhandlungen waren vom ersten Tag an fragwürdig, so wie sie gestaltet sind", sagt der Herero und ehemalige Minister. "Diese Verhandlungen sagen, dass jeder Namibier betroffen ist, sie leugnen die Tatsache, dass die Nama und die Herero betroffen sind, also sind diese Verhandlungen ein Betrug von Anfang bis Ende.

Herero und Nama sind zerstritten

Viele Kämpfe, die Herero und Nama vor sich haben, sind ohne Zweifel innenpolitische. Auch sie wissen, dass Deutschland nicht alle Probleme lösen kann. Beide Volksgruppen aber sind diejenigen, an denen der Völkermord begangen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Bundesregierung spricht nun ausdrücklich von Genozid.

Deutsche Kolonialverbrechen an Herero und Nama

Anfang des 20. Jahrhunderts ermordeten deutsche Kolonialtruppen Zehntausende Angehörige der Herero und Nama im damaligen Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Historiker bezeichnen diese Gräueltaten als "ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts".
Von 1904 bis 1908 hatten sich die Herero aus existenzieller Not heraus gegen die deutsche Kolonialmacht erhoben. Eine rund 15.000 Mann starke Streitmacht unter Generalleutnant Lothar von Trotha schlug die Rebellion der Einheimischen nieder.
Auftakt für den Völkermord war die Schlacht von Ohamakari am 11. August 1904, auch als "Schlacht am Waterberg" bekannt. Dort ließ der deutsche Befehlshaber einen Großteil der Herero-Bevölkerung einkesseln und töten. Zudem ließ er die wasserlose Omaheke-Wüste abriegeln, in die Tausende Herero geflohen waren. Die Flüchtlinge verdursteten. Später gab Trotha den Vernichtungsbefehl: "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr erschossen."
Insgesamt sollen mindestens 65.000 Menschen umgekommen sein. Im Oktober 1904 erhoben sich auch die Nama gegen die Kolonialherren. Die deutschen Truppen gingen erneut rücksichtslos vor und töteten rund 10.000 Nama. Hinzu kamen Tausende, die in Konzentrationslager gesteckt oder vertrieben wurden.
Deutsch-Südwestafrika war 1884 unter deutsche Kolonialherrschaft gekommen. Diese endete am 9. Juli 1915 mit der Niederlage der deutschen Kolonialtruppen gegen die Armee der Südafrikanischen Union.

Darauf hatten die Namibier lange gewartet, und doch macht sich Unmut breit, sagt der Herero Ngamane Karuaihe-Upi: "Es gibt in Moment viele Menschen, die die Erklärung der deutschen Regierung ablehnen. Sie sagen, und sie empfinden das auch ganz stark so, dass es nicht angemessen ist. Es zielt nicht darauf ab, den betroffenen Völkern zu nutzen."

Die Bundesregierung sieht das anders - vor allen in Siedlungsgebiete der Nama und der Herero will sie investieren. Das Abkommen soll wahrscheinlich schon im Juni unterzeichnet werden, bevor es beide Parlamente ratifizieren müssen. Erst danach kann Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Namibia reisen, um offiziell um Verzeihung zu bitten.

Das bedeute sehr viel für die Herero und Nama, aber auch für Namibia insgesamt, schrieb Ueriuka Festus Tjikuua dem ARD-Hörfunkstudio Johannesburg. Er gehört zur namibischen Verhandlungsdelegation und glaubt, die Einigung schaffe eine Atmosphäre der Vergebung. Auch der Text, der noch übermittelt werden müsse, könne so Tjikuua, vielleicht alles deutlicher machen, so dass die Herero und Nama ihn als Entschuldigung annehmen können.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Mai 2021 um 18:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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schabernack 28.05.2021 • 23:45 Uhr

23:16 von Sisyphos3

«Davon ab, geht mir die ewige Selbskasteiung der Deutschen auf den .... Im Ausland wird es eh nur noch mit Kopfschütteln wahrgenommen.» «was anderes kann man ja auch nicht tun ! als sich über uns zu wundern.» Sehr viel anderes kann "man" im Ausland tun, und "man" tut es auch. Als sich in diesem Aspekt über DEU zu wundern. Natürlich weiß ich es nicht exakt aus aller Herren Länder, wie es dort ist. Aber recht gut aus 2 Ländern, die ich gut kenne, und beide mag: Portugal und Japan. Ersteres ein einstiger Kolonialherr von Erster Stunde & Großer Güte & fast überall auf der Welt von Afrika bis Asien. Heute ein Ex-Kolonialherr, der in seiner "Abbite" weiter ist als alle anderen Großen der Vergangenheit. Japan ein Lehrling in Geschichts-Aufarbeitung aus einer ganz fürchterlichen Zeit von 1891 bis 1945. Ein grausamer Kolonialherr mit fürchterlichen Verbrechen in Asien. In beiden Ländern findet man große Anerkenung für "The German Way". In Japan fast so was wie Ehrfurcht was geht.