Mütter mit ihren Kindern warten in einer Klinik in Nairobi auf die Untersuchung. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Kenia Mit Corona kommt der Hunger zurück

Stand: 28.03.2021 05:26 Uhr

Die Corona-Krise hat viele Kenianer arbeitslos gemacht - und kaum jemand hat Rücklagen. Nun hungern viele Familien, die Kinder sind mangelernährt.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Der Wartebereich einer Klinik etwas außerhalb von Nairobi ist gut gefüllt. Viele Mütter sind mit ihren Kindern gekommen. So wie Joseline Tungane, die ihre kleine Tochter auf dem Arm hat. "Ich bin das erste Mal mit ihr ins Krankenhaus gegangen, als sie sieben Monate alt war. Die Ärzte haben mir dann gesagt, dass mein Kind Rachitis hat", sagt sie.

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Bei der Krankheit entwickeln sich die Knochen nicht richtig. Die Beine werden krumm und die Kinder haben Schwierigkeiten, das Laufen zu lernen. Joseline Tungane weiß auch, wodurch die Rachitis bei ihrer Tochter ausgelöst wurde. "Wir konnten ihr nicht genug zu essen geben. Darum wurde ihr jetzt Spezialnahrung auf Erdnussbutter-Basis verschrieben", erklärt sie.

Zwei Drittel aller Berufstätigen in Kenia arbeiten im informellen Sektor - wie dieser improvisierte Friseursalon nach einer Zwangsumsiedlung. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Zwei Drittel aller Berufstätigen in Kenia arbeiten im informellen Sektor - wie dieser improvisierte Friseursalon nach einer Zwangsumsiedlung. Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Zwei Drittel im informellen Sektor

Der Mutter ist es sichtbar unangenehm, wenn sie über ihre Probleme berichtet. Aber ihrer Familie geht es so wie vielen im Moment in Kenia, erzählt ihr Arzt Felix Ndongai. "Die Mutter sagt, dass ihr Mann wegen der Corona-Pandemie seine Arbeit verloren hat. Sie hat sonst für andere Wäsche gewaschen, aber auch diese Einnahmen sind weggebrochen. Beide sind nur noch zu Hause und sie haben nichts zu essen."

In Kenia sind mehr als zwei Drittel der Bevölkerung im so genannten informellen Sektor beschäftigt - das heißt, sie haben Gelegenheitsjobs und werden nur dann bezahlt, wenn sie tatsächlich arbeiten. Die meisten dieser Jobs sind jetzt wegen Ausgangssperren und anderer Maßnahmen gegen die Pandemie weggefallen. Kaum jemand hat Rücklagen. In anderen Ländern auf dem Kontinent sind die Probleme ähnlich. Die Weltbank prognostiziert, dass sich die Zahl der extrem Armen in diesem Jahr weltweit um bis zu 150 Millionen erhöhen wird - die Hälfte davon sind Kinder.

Kenias Wirtschaft wuchs kaum

In der Klinik in Nairobis Vorort diagnostiziert der Mediziner Ndongai normalerweise bei etwa 20 Babys und Kleinkindern im Monat Mangelernährung. Jetzt hat er an der Wand hinter seinem Schreibtisch eine Tabelle mit deutlich höheren Zahlen angebracht. "Man kann sehen, wie die Zahlen immer weiter ansteigen", sagt er.

Andere Krankenhäuser in Kenia berichten von ähnlichen Erfahrungen. Zentral erfasst sind diese Zahlen aber noch nicht. Präsident Uhuru Kenyatta verkündete zuletzt nur, wie sehr die wirtschaftliche Entwicklung zurückgefallen ist: "Die Wirtschaft in Kenia hätte vergangenes Jahr eigentlich um 6,2 Prozent wachsen sollen. Doch wegen der Pandemie haben wir dann nur ein Plus von 0,6 Prozent verzeichnet."

Nährmilch zum Aufpäppeln

Nüchterne Zahlen, die für viele Kenianer bedeuten, dass ihr Leben sich komplett verändert hat. Auch wer sich sonst zur unteren Mittelklasse zählte, hat jetzt oft Probleme, die Kinder mit drei Mahlzeiten am Tag zu versorgen. Bei vielen armen Familien gibt es nichts anderes mehr als Tee und Maisbrei. Die schlimmsten Fälle muss Arzt Ndongai sogar einweisen. "Als Teil der Behandlung geben wir eine besondere Milch", erklärt er. "Sie ist mit Proteinen, Vitaminen und Mineralien angereichert."

Die Tochter von Joseline Tungane kann noch zu Hause aufgepäppelt werden. Die Einjährige ist sehr dünn und kann kaum sitzen. Aber sie hat in den vergangenen Wochen schon Fortschritte gemacht, meint der Arzt.

"Du machst ja gut mit", lobt er die Kleine. Sie wiegt jetzt schon neuneinhalb Kilo - fast Normalgewicht. Jetzt kommt es nur noch darauf an, dass sich ihr Körper von der langen Mangelernährung erholt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Februar 2021 um 05:46 Uhr.