Menschen stehen Schlange vor einem Corona-Impfzentrum in der Siedlung Kibera, Kenia. | picture alliance/dpa/AP

Corona in Afrika Wenig Geimpfte, aber keine Krise

Stand: 30.12.2021 10:04 Uhr

Bisher sind nur acht Prozent aller Afrikaner vollständig gegen Covid19 geimpft. Doch die Infektions- und Sterbezahlen auf dem Kontinent sind vergleichsweise niedrig. Virologen sehen dafür mehrere Gründe.

Von Linda Staude, ARD-Studio Nairobi

Es ist wieder voll im staatlichen Impfzentrum der Kleinstadt Kikuyu, seit die kenianische Regierung Ungeimpfte praktisch vom öffentlichen Leben ausgeschlossen hat. Dutzende Impfwillige warten auf ihre Spritze. "Haltet Abstand", mahnt ein Mitarbeiter immer wieder. Im Raum nebenan injiziert Irine Mwangira den Corona-Impfstoff. "Wir sollen hier jeden Tag 300 Menschen impfen und wir kriegen auch die nötigen 300 Impfdosen", sagt sie.

Linda Staude

"Die Welt diskriminiert Afrika"

Das ist längst nicht überall der Fall. Impfstoff ist knapp auf dem afrikanischen Kontinent. 250 Millionen Dosen sind bisher geliefert worden, so die jüngsten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Gerade einmal drei Prozent der weltweiten Impfungen gegen Covid19 wurden in Afrika verabreicht.

"Das ist Impfstoff-Apartheid", sagt der medizinische Berater und Pathologe Ahmed Kalebi. "Die Welt diskriminiert Afrika. Einige Länder haben alles, 60 bis 65 Prozent ihrer Bevölkerung sind geimpft. Und sie haben Vorräte, zwei oder dreimal mehr, als sie Einwohner haben." Dagegen sind nur acht Prozent aller Afrikaner vollständig geimpft.

Deutlich weniger Corona-Tote als im Rest der Welt

Trotzdem ist die befürchtete Corona-Katastrophe auf dem Kontinent bisher ausgeblieben. Die WHO hat bisher mehr als 220.000 Corona-Tote registriert. Auch wenn die Zahlen mit Vorsicht zu genießen sind, ist das deutlich weniger als im Rest der Welt.

Virologen spekulieren über Gründe: "70 Prozent unserer Bevölkerung sind unter 30. Das Durchschnittsalter liegt bei 17 Jahren. Höchstwahrscheinlich hat uns das bis zu einem gewissen Grad geschützt", sagt John Nkengasong, der Leiter der obersten Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union.

John Nkengasong | REUTERS

"Ausgangssperren haben das Virus wirklich aufgehalten": John Nkengasong, Leiter der obersten Seuchenschutzbehörde der Afrikanischen Union. Bild: REUTERS

Die oft miserablen Straßen behindern zwar die Impfkampagnen, aber sie haben auch die Ausbreitung des Virus verlangsamt. Zudem haben viele Länder schnell rigorose Corona-Schutzmaßnahmen erlassen. "Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es war, dass so früh Maßnahmen ergriffen wurden. Zum Beispiel die Ausgangssperren haben das Virus wirklich aufgehalten", sagt Nkengasong.

Studien: Durchseuchung sehr viel höher

Offiziell sind die Infektionszahlen zwar niedrig. Das liegt aber eher daran, dass nur wenig getestet wird. Neueren Studien zufolge ist die Durchseuchungsrate in Afrika sehr viel höher. In Nairobi haben sich demnach zwischen 50 und 70 Prozent der Bevölkerung mit Covid19 infiziert - oft ohne es zu bemerken. Auch das ein Grund für die relativ geringen Fallzahlen.

"Wir müssen sehr vorsichtig sein, diese Erfolge auf die Zukunft zu übertragen. Dieses Virus bleibt ein Problem und breitet sich schnell aus", sagt Nkengasong.

Da niemand wisse, ob und wie lange eine überstandene Corona-Infektion vor einer Neuansteckung schütze, müsse auch in Afrika flächendeckend geimpft werden, fordert Ahmed Kalebi. Und dafür muss genügend Impfstoff auf den Kontinent geliefert werden. "Selbst aus wissenschaftlicher Sicht hat es keinen Sinn, dass die reichen Länder den Impfstoff horten. Wenn anderswo nicht geimpft wird, besteht das Risiko, dass sich dort neue Virus-Varianten entwickeln. Die verbreiten sich auch in diesen Ländern, wo dann wieder geimpft werden muss. Das kann ja wohl nicht der Sinn der Sache sein."

Über dieses Thema berichtete mdr Aktuell am 30. Dezember 2021 um 12:20 Uhr.