Mutmaßlich deutscher Soldat mit Gefangenen während des Kriegs gegen die Herero und Nama von 1904-1908 | AFP

Kolonialverbrechen Herero und Nama fordern neue Verhandlungen

Stand: 26.01.2022 17:05 Uhr

Deutsche Kolonialtruppen verübten Anfang des 20. Jahrhunderts einen Völkermord an Herero und Nama. In einem Abkommen mit Namibia erkannte Deutschland dies an. Nachfahren der Opfer kritisieren, dass sie an Gesprächen nicht beteiligt waren.

Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama aus Namibia haben die Bundesregierung aufgerufen, ein mit der namibischen Regierung ausgehandeltes Versöhnungsabkommen zur Kolonialgeschichte zu verwerfen. "Wir werden dieses Abkommen niemals akzeptieren, bis wir Teil (des Verhandlungsprozesses) werden", sagte der Berliner Herero-Aktivist Israel Kaunatjike bei einer Online-Pressekonferenz. Er forderte neue Verhandlungen über Wiedergutmachungen für die deutschen Kolonialverbrechen Anfang des 20. Jahrhunderts.  

Es gehe um die "Anerkennung des Genozids" durch deutsche Kolonialtruppen im damaligen Deutsch-Südwestafrika und um die enge Einbeziehung der betroffenen Gemeinschaften in die Verhandlungen, sagte Kaunatjike. 

"Es muss einen Neustart der Verhandlungen geben"

Mutjinde Katjiua von der namibischen Herero-Vereinigung Ovaherero Traditional Authority (OTA) bezeichnete das im vergangenen Jahr ausgehandelte deutsch-namibische Abkommen als "Reinfall". "Es muss einen Neustart der Verhandlungen geben", sagte er und forderte direkte Reparationszahlungen an die Nachfahren der Opfer.

Der Völkermord betreffe die Existenz der Gemeinschaften bis heute, betonen die Nachfahren von Herero und Nama. So befinde sich 70 Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Namibias in den Händen weißer Siedler, viele von ihnen deutscher Abstammung. Viele Herero und Nama seien hingegen bis heute mittellos und lebten in Reservaten.

Bund will nicht "hinter Erreichtes zurückfallen"

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte, die Entscheidung über das deutsche Angebot obliege in erster Linie der namibischen Regierung. Der Vorschlag sei "gemeinsam mit Namibia entwickelt" worden. Fünf Vertreter der Nachfahren der Opfer seien an "sämtlichen Verhandlungsrunden" beteiligt gewesen. "Auch wir als Bundesregierung haben von Anfang an darauf geachtet, dass Vertreter der Nama und Herero an an allen Phasen beteiligt waren", hieß es aus Berlin.

Die neue Regierung werde auf keinen Fall hinter das bisher Erreichte zurückfallen, so der Sprecher. Die Bundesregierung nehme mit Respekt zur Kenntnis, dass es in Namibia noch Diskussionsbedarf gebe. Die "Gemeinsame Erklärung" solle zudem nicht das Ende der Verständigung sein, sondern der Beginn eines intensiven Austausches.

Im Mai des vergangenen Jahres war eine Einigung der damaligen Bundesregierung und der namibischen Regierung auf ein Versöhnungsabkommen bekannt gegeben geworden, das als Wiedergutmachung für die deutschen Kolonialverbrechen im heutigen Namibia Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro vorsieht.

In dem Abkommen werden die deutschen Kolonialverbrechen an den Herero und Nama im historischen, nicht aber im völkerrechtlichen Sinne als "Völkermord" anerkannt. Der Rechtsbegriff "Reparationen" wird deshalb nicht verwendet.

Kritik am deutsch-namibischen Abkommen

Die deutsch-namibische Einigung wurde unter anderem von der Opposition in Namibia und Vertretern der Herero und Nama heftig kritisiert. Sie beklagen eine fehlende Beteiligung von Opfervertretern bei den Verhandlungen mit Deutschland und bestehen auf einer offiziellen Anerkennung des Völkermords auch im völkerrechtlichen Sinne. Das namibische Parlament hat das Versöhnungsabkommen bislang nicht ratifiziert.

Auf der Plattform Change.org starteten der Herero-Aktivist Kaunatjike und die Nama-Aktivistin Sima Luipert eine Petition an Bundesaußenministerin Annalena Baerbock. Darin kritisieren sie den Umgang Deutschlands mit seiner Kolonialgeschichte als völlig unzureichend. 

"Deutschland brüstet sich mit seiner selbstkritischen Erinnerungskultur, insbesondere was das Gedenken an den Holocaust angeht. Der deutsche Kolonialismus wird aber - trotz vieler Bekenntnisse - zu oft unter den Tisch gekehrt", schreiben Kaunatjike und Luipert. Dabei sei "die von Deutschland beabsichtigte Vernichtung unserer Gemeinschaften eine Vorstufe auf dem Weg zum Holocaust" gewesen. 

Ein Denkmal erinnert im Zentrum der namibischen Hauptstadt an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1907. D | dpa

Ein Denkmal erinnert im Zentrum der namibischen Hauptstadt an den von deutschen Kolonialtruppen begangenen Völkermord an den Herero und Nama von 1904 bis 1907. Bild: dpa

Mehr als 80.000 Tote

Das heutige Namibia war von 1884 bis 1915 deutsche Kolonie im damaligen Deutsch-Südwestafrika. Deutsche Kolonialtruppen schlugen zwischen 1904 und 1908 Aufstände der Ovaherero, im deutschen Sprachgebrauch meist im Singular Herero, und Nama brutal nieder. Mehr als 80.000 Menschen wurden getötet oder verdursteten in der Wüste.

Im Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP heißt es: "Die Aussöhnung mit Namibia bleibt für uns eine unverzichtbare Aufgabe, die aus unserer historischen und moralischen Verantwortung erwächst. Das Versöhnungsabkommen mit Namibia kann der Auftakt zu einem gemeinsamen Prozess der Aufarbeitung sein."

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell Radio am 26. Januar 2022 um 17:24 Uhr.