Brahim Saadoune | EPA

Separatistengebiet Marokkaner droht Todesstrafe in Donezk

Stand: 19.07.2022 15:25 Uhr

Der Marokkaner Brahim Saadoune kämpfte für die Ukraine - im Separatistengebiet in Donezk geriet er in Gefangenschaft. Nun droht ihm die Todesstrafe. Saadounes Familie sieht sich von Marokkos Behörden im Stich gelassen.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat

Brahim Saadoune schickte eine Videobotschaft aus der Ostukraine Richtung Heimat - nach Marokko. Sein Kopf ist kahl rasiert, die Miene ernst, er hat dunkle Schatten unter den großen Augen. "Hallo Mama und Papa, mir geht’s gut. Macht euch keine Sorgen um mich. Ich hab gemacht, was ich machen musste. Mama, hab keine Angst um mich - alles wird gut."

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Der 21-Jährige wurde in Haft von einem russischen Journalisten interviewt. Tausende Kilometer weiter erhielt seine ältere Schwester Imane Saadoune, die in Finnland lebt, eine Nachricht auf ihr Handy. Die verstand erst nicht, wie tragisch das Video war: "Ich dachte, es sei nur ein Video von ihm, in dem er sagt, dass es ihm gut geht. Da ich für eine Weile den Kontakt zu ihm verloren hatte, habe ich nicht genau verstanden, was da drüben passiert - doch dann wurde mir klar: Er ist in Gefangenschaft."

Bis zu den Videoaufnahmen ist der Fall in Marokko weitgehend unbekannt. Imane und ihre Familie versuchen, die Behörden zu erreichen und an Informationen zu kommen. Ein Marathon beginnt. 

"Die marokkanischen Behörden waren von Anfang an so still", klagt sie. "Und das Schlimmste ist, dass ich das Gefühl habe, dass sie versucht haben, seinen Fall vor allen zu verbergen." Wenn die Familie bei der marokkanischen Botschaft in der Ukraine angerufen und seinen Namen genannt habe, hätten die Mitarbeiter "so getan, als ob er nicht existieren würde. Und man konnte die Angst in ihren Stimmen hören", sagt sie. "Ich verstehe nur nicht, warum. Aber die marokkanischen Behörden haben bisher nichts unternommen. Nichts."

NGOs sprechen von Schauprozess

Erst spät bestätigen die Behörden öffentlich, dass Brahim als Mitglied der ukrainischen Armee gefangen genommen wurde. Dabei weisen sie darauf hin, dass er von einer Organisation inhaftiert worden sei, die weder von den Vereinten Nationen noch von Marokko anerkannt werde.

Marokkos zögerliches Verhalten könnte auch am Verhältnis zu Russland liegen. Beide Länder unterhalten unter anderem enge wirtschaftliche Beziehungen, Marokko versucht sich seit Beginn der russischen Invasion bei den Vereinten Nationen neutral zu verhalten - das Königreich hat den Angriff Russlands auf die Ukraine nicht verurteilt.

Weil die Unterstützung durch die Behörden fehlt, gibt Brahims Vater Taher Saadoune Pressekonferenzen. Dort wendet er sich an Marokkos Regierung, an die Verantwortlichen in Donezk, sogar an Wladimir Putin - schließlich sei sein Sohn ja von Russland festgenommen worden, wie er sagt. "Ich habe überhaupt keinen Anruf erhalten, nicht vom Außenministerium, gar nichts", sagt er.

Menschenrechtsorganisationen bezeichnen das, was da in der selbsternannten und von Moskau anerkannten "Volksrepublik Donezk" passiert, als Schauprozess. Sie kämpfen gemeinsam mit den Angehörigen der Gefangenen um Öffentlichkeit. Imane gibt ständig Interviews für Funk und Fernsehen in unterschiedlichen Sprachen, postet in sozialen Medien Kinderbilder von ihrem Bruder.

Kaum Unterstützung im eigenen Land

Über den Hashtag #savebrahim, den seine Freunde in der Ukraine gestartet habe, erhält die Familie Zuspruch - aber nicht nur: Bei einem Blick in soziale Medien in Marokko wird Brahims Schwester Imane schlecht, sagt sie. Sie klagt über Hass, sogar über Applaus zu seinem Todesurteil.

Das Traurigste ist, dass sich nicht einmal seine eigenen Landsleute um ihn kümmern und zum Teil auch noch seine Hinrichtung fordern. Manche Leute sind nett, teilen den Hashtag und sagen ein paar nette Worte. Aber viele, viele Menschen sind sogar froh, dass er so sterben wird. Einige von ihnen gehen so weit zu sagen: Wenn er dort nicht stirbt und ich ihn auf der Straße sehe, bin ich bereit, ihn zu töten.

Der Hass soll teilweise daher rühren, dass Brahim sich in einem Video nicht klar als Muslim bekannt habe, sondern als Agnostiker. So richtig nachvollziehbar sei das alles aber nicht, sagt Imane. Vor allem ihrer Mutter würden die Kommentare im Netz das Herz brechen, sie sei darüber krank geworden.

Imane fürchtet, dass Brahim von den Separatisten still und heimlich erschossen wird. Für sie und ihre Familie fühle sich daher jeder Tag an wie ein Rennen gegen die Zeit. "Ich will ihn einfach zurück haben", sagt sie. "Das ist mein einziger Wunsch."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 09. Juni 2022 um 18:00 Uhr.