Ägyptens Präsident al-Sisi | REUTERS

Ägyptens Präsident al-Sisi Zurück auf großer Bühne

Stand: 26.05.2021 09:29 Uhr

Es ist nur ein kurzer Besuch von US-Außenminister Blinken in Kairo, doch für den ägyptischen Präsidenten al-Sisi bedeutet er die ersehnte diplomatische Aufwertung. Er ist ein Gewinner des jüngsten Nahost-Konflikts.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Fast vier Monate lang hielt US-Präsident Biden seinen ägyptischen Amtskollegen hin: kein Anruf, kein Treffen. Ein Affront. Die neue Administration in Washington war bewusst auf Distanz gegangen zu Abdel Fattah Sisi. Biden wollte keine "Blankoschecks" mehr für den Mann ausstellen, den sein Amtsvorgänger Trump noch als "Lieblingsdiktator" bezeichnet hatte und zu dem er einen engen Draht pflegte.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Vor allem die Situation der Menschenrechte in Ägypten, über die Menschenrechtsorganisationen schon seit Jahren klagen, galt plötzlich als Belastung für die Beziehungen beider Länder: Zehntausende politische Gefangene, die massive Verletzung von Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, die Aushöhlung der Demokratie. Vom US-Kongress kam gar die Forderung, die Militärhilfe für Ägypten zusammenzustreichen, wenn sich die Situation in dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt nicht deutlich verbessere.

Ägypten als idealer Vermittler

Präsident al-Sisi stand mit dem Machtwechsel in Washington im Abseits - bis sich der Nahostkonflikt zuspitzte. Als die radikalislamische Hamas Raketen auf Tel Aviv feuerte und Israel Ziele im Gazastreifen bombardierte, entsandte Ägyptens Regierung eilig Unterhändler, um eine Feuerpause zu verhandeln.

Kaum eine andere Regierung unterhält zu beiden Seiten so enge Beziehungen. Schon in früheren militärischen Auseinandersetzungen konnte Ägypten erfolgreich vermitteln. Daran wollte al-Sisi nun anzuknüpfen.

"Die USA konnten selbst nicht vermitteln, weil sie keine Beziehungen zur Hamas unterhalten", erklärt Mustafa Kamel Al-Sayyid, Politikwissenschaftler an der Universität Kairo im ARD-Interview. "Ägypten ist das einzige Land in der Region, das sowohl mit der Hamas als auch Israel umzugehen versteht. Deshalb war Ägypten für die USA so wichtig, um eine Feuerpause zu erreichen."

Der lange ersehnte Anruf Bidens

Der Erfolg dieses Abkommens fiel auf Ägypten und seinen Präsidenten zurück. Dafür ließ er sich nicht nur von den regierungstreuen Medien Ägyptens, sondern auch von der eigenen - traditionell eher Israel-kritischen - Bevölkerung und bei den Palästinensern im Gazastreifen feiern.

Auch der Westen zollte al-Sisi Anerkennung. Beobachter sehen in ihm gar den eigentlichen Sieger des Nahostkonflikts: "Er hat nichts verloren, aber einen Ruf als erfolgreicher Verhandler erworben, nicht zuletzt auch dadurch, dass US-Präsident Biden ihn anrief", meint Mustafa Kamel.

Tatsächlich griff Biden zum Hörer und dankte dem ägyptischen Amtskollegen für die erfolgreichen Vermittlungsbemühungen -der lange ersehnte erste Anruf. Seinen Außenminister Antony Blinken schickte er auf seiner Nahosttour auch nach Kairo. Das Eis war damit gebrochen.

In dem Telefonat wurde zwar auch die Situation der Menschenrechte angesprochen, wie anschließend mitgeteilt wurde, aber das Thema hatte keine Priorität mehr.

Aus dem Schatten Saudi-Arabiens getreten

Al-Sisi nutzt die Gunst der Stunde, sich als entscheidender Player im Nahen Osten weiter zu profilieren. Er entsandte 130 Lastwagen mit Hilfsgütern und Medikamenten in den Gazastreifen, bot 500 Millionen Dollar Wiederaufbauhilfe an. Sein Außenminister Samih Shukri lotete mit den Amtskollegen in Israel und Jordanien eilig Chancen für einen Friedensprozess aus. Die Botschaft: An Ägypten Regierung führt kein Weg mehr vorbei, wenn es um die großen Fragen im Nahen Osten geht. In den vergangenen Jahren allerdings stand sie im Schatten Saudi-Arabiens oder der Vereinigten Arabischen Emirate.

Blinken wird in Kairo nur einen Zwischenstopp einlegen. Aber die Symbolik zählt. Seit Tagen schon überwachen ägyptische Delegationen in Israel und dem Gazastreifen die Waffenruhe und sollen sie festigen. Auf Ägypten dürften noch größere Aufgaben in den kommenden Wochen und Monaten zukommen, selbst wenn sich die Menschenrechtslage im Land nicht deutlich verbessert.