Befreite Kinder verlassen einen Kleinbus. | AP

Amnesty-Bericht zu Niger Immer mehr Kinder Opfer von Dschihadisten

Stand: 13.09.2021 07:35 Uhr

Nach einem Bericht von Amnesty International fielen in diesem Jahr bisher mindestens 60 Kinder in Niger islamistischen Terroristen zum Opfer. Andere Kinder wurden verschleppt, als Soldaten rekrutiert oder zwangsverheiratet.

Im Sahel-Staat Niger wird nach Angaben von Amnesty International eine wachsende Zahl von Minderjährigen von dschihadistischen Gruppen getötet oder in ihre Reihen rekrutiert. Bewaffnete Gruppen hätten wiederholt in der Region Tillabéri im Westen des Landes Schulen angegriffen, teilte die Menschenrechtsorganisation in einem 57-seitigen Bericht mit. Im laufenden Jahr seien bereits mehr als 60 Kinder in der an Mali und Burkina Faso angrenzenden Region von islamistischen Extremisten getötet worden.

"Islamischer Staat" und Al-Kaida

Viele Kinder in der Region litten unter Traumata, nachdem sie tödliche Angriffe auf ihre Dörfer miterlebt hätten. In manchen Gegenden bestehe für Frauen und Mädchen die Gefahr, von den Dschihadisten entführt oder zwangsverheiratet zu werden. Verantwortlich für die Gewalt seien vor allem der sogenannte Islamische Staat in der Großsahara (ISGS) und der Al-Kaida-Ableger im Sahel (JNIM). Beide Gruppen hätten Kriegsverbrechen begangen, Zivilisten ermordet und Schulen angegriffen.

Auch die Rekrutierung von Jungen von etwa 15 bis 17 Jahren durch JNIM hat laut dem Bericht deutlich zugenommen. Nach dem Rückzug nigrischer Behörden und Sicherheitskräfte aus großen Teilen der Region seien die Kinder schutzlos auf sich allein gestellt, sagte die Afrika-Expertin von Amnesty International, Franziska Ulm-Düsterhöft. "In einigen Fällen haben nigrische Sicherheitskräfte der Bevölkerung zudem durch willkürliche Inhaftierungen und willkürliche Tötungen zusätzliches Leid angetan."

Weiterhin schilderten Zeuginnen und Zeugen, wie die nigrischen Sicherheitskräfte trotz eingehender Notrufe häufig erst lange nach den Überfällen einträfen. Die nigrische Regierung müsse die Kinder besser schützen, und die europäischen Länder, die im Sahel militärisch aktiv sind, müssten die nigrischen Behörden dabei unterstützen, forderte die Organisation.

Frauen und Mädchen dürfen vielerorts nicht raus

Für den Bericht interviewte Amnesty nach eigenen Angaben 119 Menschen, darunter 22 Minderjährige. "In Nigers Region Tillabéri wächst eine ganze Generation inmitten von Tod und Zerstörung auf", sagte Ulm-Düsterhöft. "In einigen Gebieten ist es Frauen und Mädchen untersagt, das Haus zu verlassen, da sie Gefahr laufen, entführt oder mit Kämpfern zwangsverheiratet zu werden", erklärte die Organisation.

Die EU unterstützt die fünf Sahel-Staaten Burkina Faso, Tschad, Mali, Mauretanien und Niger bei der Bekämpfung islamischer Extremisten. Auch Deutschland hat Soldaten in der Region, vor allem in Mali. Im Südwesten des Niger sind zwischen Januar und Juli 2021 nach Einschätzung der Organisation Human Rights Watch mindestens 420 Zivilisten ermordet worden. Die Grenzen gelten als schlecht gesichert.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. September 2021 um 06:00 Uhr.