Alexandria droht im Meer unterzugehen. | Daniel Hechler
Weltspiegel

Ägypten Alexandrias Kampf gegen den Untergang

Stand: 04.09.2022 03:49 Uhr

Alexandria galt einmal als Perle des Mittelmeers. Nun rückt das Meer bedrohlich nahe an die historischen Häuser heran. Eine Folge des Klimawandels - und die Behörden versuchen verzweifelt, die Wellen aufzuhalten.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Vom Sandstrand ist kaum mehr als ein schmaler Streifen geblieben. Vor wenigen Jahren noch genossen Sonnenanbeter im Osten Alexandrias über sechs Stuhlreihen den Blick aufs Meer. Mittlerweile ist nur noch Platz für eine Reihe - und auch diese Stühle stehen teils im Wasser. Bei Stürmen peitschen die Wellen direkt gegen die Wohnhäuser, die dicht am Strand gebaut sind.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

In einem der Gebäude hat Tamer Himeda vor 22 Jahren ein Strandcafé eröffnet. Das Geschäft läuft gut, der Blick ist einzigartig, der Ausblick allerdings düster. "Wenn das so weitergeht, gibt es hier bald keinen Strand mehr, überhaupt nichts mehr", sagt der 42-Jährige. 2019 brach der Vorbau des Cafés unter dem Druck der Wellen ab. Risse in den Wänden markieren bis heute Bruchstellen: "Ich war fassungslos. Ich dachte schon, wir erleben einen Tsunami hier", erinnert er sich.

Bis zu acht Millionen Menschen in Gefahr

Das Meer rückt immer näher an die historischen Gebäude Alexandrias. Die einstige Perle des Mittelmeers wurde vor mehr als 2400 Jahren durch Alexander den Großen gegründet, war das geistige Zentrum der Welt. Nun droht der zweitgrößten Stadt Ägyptens mit mehr als fünf Millionen Einwohnern der Untergang. Sie ist über 60 Kilometer von Meer umgeben.

Der Geologe Abbas Sharaky von der Universität Kairo hat verschiedene Szenarien berechnet. Steigt der Meeresspiegel um 50 Zentimeter, würde demnach eine halbe Million Hektar Land um Alexandria und im Nildelta überflutet. Betroffen wären vier Millionen Menschen. "Sollte sich der Meeresspiegel um 1,5 Meter erhöhen, sind acht Millionen Menschen im Delta in Lebensgefahr", sagt Sharaky. 

Nur ein schmaler Streifen Sand liegt noch zwischen dem Meer und Alexandrias Häusern. | Daniel Hechler

Nur ein schmaler Streifen Sand liegt noch zwischen dem Meer und Alexandrias Häusern. Bild: Daniel Hechler

Betonklötze als Schutzmauer

Die Stadtverwaltung versucht die Kraft der Wellen mit Zehntausenden Tetrapoden zu brechen. Kräne lassen die tonnenschweren Betonklötze entlang der Küste ins Wasser. Sie sollen historische Paläste, Brücken, Leuchttürme schützen, bevor es zu spät ist. Die Leiterin des Küstenschutzes von Alexandria, Azza Eissa, drängt auf Eile: "Im schlimmsten Fall stürzt die historische Schutzwand ein", warnt sie. Dann würden die Bauten aus der Königszeit für immer im Meer versinken.

Auch Strände sollen mit den Betonklötzen geschützt werden. Die Kosten belaufen sich auf Dutzende Millionen Euro. Für Urlauber kein schöner Anblick - und für die Mitarbeitenden des Küstenschutzes eine Knochenarbeit. "Wir mussten unsere Arbeit schon oft wegen Sturmfluten abbrechen und wieder ganz von vorne anfangen. An einer anderen Stelle wurde unsere gesamte Ausrüstung vom Wasser überschwemmt," erzählt Eissa.

Kräne lassen die tonnenschweren Beton-Tetrapoden entlang der Küste zu Wasser, die die historische Stadt stützen sollen. | Daniel Hechler

Kräne lassen die tonnenschweren Beton-Tetrapoden entlang der Küste zu Wasser, die die historische Stadt stützen sollen. Bild: Daniel Hechler

Tetrapoden am Strand von Alexandria. | Daniel Hechler

Nicht gerade ein Blickfang: Die Tetrapoden am Strand von Alexandria. Bild: Daniel Hechler

Der Flut schutzlos ausgeliefert

Den Wassermassen sind gerade die ärmeren Bewohner in den engen Gassen Alexandrias schutzlos ausgeliefert. Ahmed Ramadan und seine Frau Mansura wohnen in einer kleinen Erdgeschosswohnung. Viermal schon wurde sie im vergangenen Winter überflutet: die Folge von steigendem Meeresspiegel und Starkregen. Drei Tage konnten die Rentner ihre Wohnung beim letzten Mal nicht betreten. Ein Großteil der Möbel war ruiniert, ebenso etliche Elektrogeräte. Ihnen fehlt das Geld, jedes Mal eine neue Einrichtung zu kaufen oder ganz woanders hinzuziehen.

"Wir machen uns natürlich große Sorgen", sagt Ramadan. "Unser Leben ist in Gottes Hand. Was sollen wir tun?" Die Kanalisation von Alexandria hält der Mischung von Regen- und Meerwasser längst nicht mehr stand. Es gibt zu wenige Kanäle, sie sind zu dünn und oft verstopft, auch wenn die Stadtverwaltung sie regelmäßig reinigt. Nun werden neue Rohre in Küstennähe gelegt. Sie sollen das Wasser zurück ins Meer führen.

Ob all das reicht, um dem Klimawandel die Stirn zu bieten, ist zweifelhaft. Doch eben darauf hoffen viele in Alexandria. Cafébesitzer Tamer Himeda würde am liebsten die Zeit zurückdrehen: "Ich wünsche mir, dass die Küste wieder so wie früher wird." Ein Wunsch, der nie Realität werden kann.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie am Sonntag, 4.9. um 18.30 Uhr im "Weltspiegel".

Alexandria Ägypten

Über dieses Thema berichtete das Erste am 04. September 2022 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".