Al-Sawahiri posiert mit Gewehr | via REUTERS

Al-Kaida-Führer al-Sawahiri Der "Terror-Doktor"

Stand: 03.08.2022 12:21 Uhr

Sein Spitzname "Terror-Doktor" stand für beide Seiten der Persönlichkeit von Al-Kaida-Führer al-Sawahiri: Er war Mediziner und leitete schon als Arzt in Ägypten Terrorzellen. Doch stand er stets im Schatten von bin Laden.

Von Anna Osius, ARD-Studio Kairo

Aiman al-Sawahiri galt als hochintelligent, stammte aus einer angesehen ägyptischen Familie aus dem Nildelta und hätte, der Familientradition folgend, eine Arzt-Karriere einschlagen können; eine, die darauf ausgelegt gewesen wäre, Leben zu retten und zu heilen. Wäre da nicht die Ideologie gewesen.

Anna Osius ARD-Studio Kairo

Al-Sawahiri galt schon als junger Mann als extrem gläubig. Medienberichten zufolge soll er schon während der Schulzeit als 15-jähriger eine geheime Gruppe gegründet haben, die das Ziel hatte, die ägyptische Regierung zu stürzen und die Herrschaft des Islam durchzusetzen. Die Ausbreitung des Dschihad weltweit blieb lebenslang sein erklärtes Ziel.

Zwei Leben

Nach einem Medizinstudium arbeitete al-Sawahiri zunächst als Chirurg in einem Krankenhaus und bei der Armee. Doch schon als junger Arzt führte er in den 1970er-Jahren eine Zelle mit 40 Mitgliedern. Daraus entstand später die Gruppe al-Dschihad. Diese plante Anfang der 1980er-Jahre einen Staatsstreich in Ägypten - viele Mitglieder wurden festgenommen. Auch al-Sawahiri kam 1981 in Ägypten für drei Jahre in Haft , wurde schwer gefoltert und radikalisierte sich im Gefängnis weiter.

Danach war er endgültig ein gewaltbereiter Extremist. Er reiste nach Saudi-Arabien, Pakistan und Afghanistan und lernte dort Osama bin Laden kennen. Beide wurden Teil der Gründungsgeneration von Al-Kaida, formten ab 1988 das Terrornetzwerk, führten aber zunächst ihre eignen Gruppen weiter.

Bin Laden und al-Sawahiri blieben ihr Leben lang zusammen, zogen in den 1990er-Jahren in den Sudan und errichten dort ein Trainingslager für gewaltbereite Islamisten. Als sie 1996 aus dem Sudan ausgewiesen wurden, tingelte al-Sawahiri um die Welt, um Geld für den Kampf zu sammeln. Es gab erste Sprengstoffanschläge auf US-Botschaften und im Juni 2001, also nur wenige Monate vor dem 11.September, den finalen Zusammenschluss der Gruppen von al-Sawahiri und bin Laden zu Al Kaida. Kurz darauf die Anschläge vom 11.September 2001.

Al-Kaida-Chef bin Laden und sein Stellvertreter Sawahiri (rechts) gemeinsam an einem unbekannten Ort in Afghanistan. Aufgenommen am 08.11.2001. | dpa

Schon einmal hielt sich al-Sawahiri in Afghanistan auf - hier im Jahr 2001 mit Osama bin Laden. Bild: dpa

Im Schatten bin Ladens

Al-Sawahiri blieb lange die Nummer 2 hinter Osama bin Laden, bis dieser 2011 bei einem aufsehenerregenden Einsatz von einer US-Spezialeinheit in Pakistan getötet wurde. Seitdem führte der al-Sawahiri, der da schon längst den Spitznamen "Terror-Doktor" trug, Al Kaida an, auch wenn es ihm nicht gelang, das ikonenhafte Ansehen seines Vorgängers zu erreichen.

Greg Barton, Islam-Politikwissenschaftler von der US-amerikanischen Deakin Universität sagte im Sender ABC: "Al-Sawahiri war nicht sehr charismatisch, nicht sehr inspirierend. Und er war ein alter Mann. Jetzt wird eine junge, neue Generation von Al-Kaida-Anführern nachrücken."

Tod per Fernsteuerung

Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte al-Sawahiri im vergangenen September, genau 20 Jahre nach den Terroranschlägen vom 11.September. In einer Videobotschaft rief er seine Anhänger zum Kampf gegen den Westen auf.

Die USA hatten ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar auf ihn ausgesetzt, immer wieder gab es in den vergangenen Monaten unbestätigte Gerüchte über seinen Tod.

Am Ende war dieser wohl sehr geräuschlos: Als al-Sawahiri am Wochenende morgen früh aus seinem Versteck in Kabul auf den Balkon trat, tötete ihn eine Drohne der Amerikaner. Tod per Fernsteuerung sozusagen - das Ende eines langjährigen Extremisten. Wie er seinen Lebensweg mit seinem ursprünglichen Beruf als Arzt vereinbar sah – diese Frage hätte ihm wohl so mancher gerne gestellt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 02. August 2022 um 18:00 Uhr.