Lilian Mulwa | Studio Nairobi
Reportage

Ernährungssicherheit Wie kommt Afrika von Lebensmittelimporten los?

Stand: 31.05.2022 16:50 Uhr

Millionen Menschen in Afrika sind vom Hunger bedroht. Russlands Krieg in der Ukraine verschärft die Situation - denn viele Staaten sind abhängig von Importen. Wie kann der Kontinent sich besser selbst versorgen?

Von Caroline Hoffmann, ARD-Studio Nairobi

Auf ihrem Rücken schleppt Lilian Mulwa einen großen Sack Sorghumhirse durch Kanthonzweni, ein kleines Dorf im Osten Kenias. Die Landwirtin bringt ihr Getreide zum Händler. Erst seit ein paar Jahren baut sie keinen Mais mehr an, sondern Sorghumhirse, eine alte einheimische Nutzpflanze. "Sorghum kann schneller geerntet werden und ich muss nicht so viele Pestizide verwenden", erklärt sie. "Ich habe mich für die Hirse entschieden, damit ich meine Kinder ernähren kann." In den vergangenen Jahren regnete es immer weniger, der Maisanbau wurde schwieriger. "Mais ist sehr empfindlich gegenüber Krankheiten", sagt sie. "Wenn es nicht genug regnet, kann er nicht überleben."

Caroline Hoffmann ARD-Studio Nairobi

Beim Händler trifft die Landwirtin Geoffrey Mutai. Der Agrarberater vom Institut für Internationale Getreide-Forschung in den semi-ariden Tropen (ICRISAT) hat Lilian Mulwa vom Umstieg überzeugt. Sein Institut arbeitet mit daran, die Landwirtschaft umzustellen, auch mit Unterstützung des kenianischen Staates. Die Landwirtschaft soll resistenter werden - gegen den Klimawandel.

Lilian Mulwa verkauft ihre Hirse einem Händler. | Studio Nairobi

Lilian Mulwa verkauft ihre Hirse einem Händler. Bild: Studio Nairobi

Klimawandel und Importabhängigkeit

"Wegen des Klimawandels bringen wir andere Sorten zu den Landwirten", sagt Mutai. Er vermittelt den Anbau von Sorghum, Hirse, Fingerhirse, Straucherbsen, Kichererbsen und Erdnüssen und kümmert sich um ein besseres Management der vorhandenen Ressourcen: "Wir erklären den Bauern, wie sie Getreide und Gemüse zusammen anbauen, damit der Boden das Nitrat besser hält. Außerdem trainieren wir sie darin, wie sie die Ernte besser lagern können, wie sie mit Wetterinformationen umgehen und helfen ihnen, Händler für ihre Waren zu finden."

Mutai stellte Lilian Mulwa zertifiziertes Saatgut zur Verfügung und zeigte ihr, wie sie die Sorghumhirse anbauen kann. Dabei ist das Getreide auf dem Kontinent nicht unbekannt: Die Hirse wird in Westafrika und Äthiopien angebaut. Sie verbraucht nur ein Drittel der Wassermenge von Mais, außerdem kann sie mehrfach im Jahr geerntet werden. Weltweit ist sie bereits das fünfthäufigste Getreide - und kann auch Kenia helfen. Die Rückbesinnung auf solche alten einheimischen Nutzpflanzen ist ein Teil der langfristigen Lösung der Ernährungskrise auf dem afrikanischen Kontinent.

Eine Hirsepflanze ist auf einem Feld zu sehen. | Studio Nairobi

Sorghumhirse wird in Westafrika angebaut - sie braucht wenig Wasser und kann mehrmals pro Jahr geerntet werden. Bild: Studio Nairobi

Und die wird dringend gebraucht, denn schon jetzt spitzt sich die Ernährungslage zu. In West- und Ostafrika sind derzeit Millionen Menschen von Hunger bedroht. Die Ursachen sind vielfältig: Dürren, Überschwemmungen und bewaffnete Konflikte bedrohen die Menschen. Jetzt kommt Russlands Krieg in der Ukraine hinzu. Die Abhängigkeit von Weizen aus den beiden Ländern ist hoch, die steigenden Preise am Weltmarkt erhöhen den Druck.

"Zeit für mehr nationale Souveränität"

Im Alltag müssen die Menschen immer mehr Geld für ihre Lebensmittel ausgeben und die Nothilfe für diejenigen, die sich nicht mehr selbst ernähren können, wird teurer und schwieriger. "Die Ukrainekrise verschnellert das einfach", sagt Margaret Müller von Oxfam Deutschland. "Das ist wie ein Katalysator. Nicht nur dadurch, dass die Aufmerksamkeit fehlt, die Preise noch höher steigen und das Geld fehlt."

All diese Krisen zeigen: Afrika braucht dringend mehr Ernährungssicherheit - aus eigener Kraft. "Der Klimawandel wird bleiben. Auch Preisschocks werden wieder passieren. Deshalb müssen wir die Landwirtschaft anpassen", sagt Donal Brown vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung. "Afrika sollte nicht mehr von importiertem Weizen abhängig bleiben. Es ist Zeit für mehr nationale Souveränität."

Die soll in anderen Getreidesorten und Gemüse liegen. Neben einheimischen Arten geht es um die Einführung von Nutzpflanzen, die resistenter gegen Trockenheit sind. Ein Beispiel: Die Straucherbse. Das Gemüse ist ein Grundnahrungsmittel in Indien. Die Pflanze selbst verbraucht nur wenig Wasser. Mit ihren langen, tiefen Wurzeln lockert sie den Boden auf und unterstützt die Speicherung von Regenwasser.

Ein Sack voll mit Hirse. | Studio Nairobi

Neue Getreidesorten können sich nur durchsetzen, wenn sich auch die Essgewohnheiten verändern. Bild: Studio Nairobi

Auch Essgewohnheiten müssten sich ändern

"Wir wollen die Landwirte nicht aufhalten, Weizen und Mais anzubauen, aber wir müssen die Abhängigkeit dieser Region von diesen Nutzpflanzen reduzieren und Pflanzen anbauen, die besser hierher passen", sagt Eric Manyasa, Wissenschaftler bei ICRISAT in Nairobi. Seit den Zeiten des Kolonialismus seien die alten Nutzpflanzen mehr und mehr zur Seite gedrängt worden - mit Folgen bis heute: Mais und Weizen sind in Kenia Grundnahrungsmittel.

Genau hier müsse angesetzt werden, wenn die Ernährungssicherheit auf dem Kontinent steigen solle, meint Manyasa. Allein die anderen Sorten anbauen, reicht nicht aus - sie müssen von den Menschen auch gegessen werden. "Können wir die Entwicklung, den Wert und die Verbreitung dieser Getreide stärken?", fragt Manyasa. "Viele afrikanische Länder strengen sich an, investieren, um Wertschöpfungsketten auf diese Getreide auszurichten." Die Entwicklung von Produkten aus diesen Nutzpflanzen sei aber noch begrenzt - hier sieht Manyasa die Verantwortung bei den Regierungen der afrikanischen Länder, den Wandel vorwärts zu treiben.

Lilian Mulwa und ihre Familie haben mit dem neuen Anbau auch ihre Essensgewohnheiten verändert: Nun gibt es bei ihnen Mahlzeiten aus Hirse und Straucherbsen. "Früher gab es Maisbrei und viele Gerichte mit Bohnen", sagt die Landwirtin. "Dann mussten wir uns umstellen, aber wir mögen es jetzt gerne. Und unser Essen ist sehr nahrhaft."