Taliban in Kandahar | EPA

Arabische Welt nach Taliban-Triumph Bewunderung und Unbehagen

Stand: 23.08.2021 03:03 Uhr

In der arabischen Welt verlieren radikale Islamisten seit Jahren an Einfluss. Nun wächst die Sorge, der Taliban-Triumph könnte ihnen erneut Auftrieb verleihen und Extremisten stärken.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Die Terrororganisation Al-Qaida pries den Taliban-Sieg im Internet. Die Extremistenmiliz Ha'it Tahrir al-Sham im Nordwesten Syriens, die einst unter anderem von Al-Qaida-Kämpfern gebildet wurde, schwenkte sogar bei einem Autokorso in Idlib triumphierend die weißschwarze Fahne der Taliban. Und auch der Generalsekretär der libanesischen Hisbollah will seine Freude nicht verbergen. Nach der Niederlage der USA in Afghanistan mit ihren strategischen Lehren, so Hassan Nasrallah, werde man in den kommenden Monaten genau auf die Truppen der US-Armee im Irak und in Syrien schauen.

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Dagegen reagieren offizielle Stellen in der arabischen Welt, zum Beispiel Regierungen oder religiöse Institutionen, bislang merkwürdig zurückhaltend. Gelegentlich wird eine friedliche Lösung für Afghanistan angemahnt und darauf verwiesen, wie wichtig jetzt Stabilität und Sicherheit seien. Aber Kritik an den Taliban und an ihrer extremistischen Ideologie? Fehlanzeige. Als handele es sich um ein heikles Thema. Und als würde man befürchten, dass der Taliban-Triumph dem Islamismus auch in arabischen Ländern neuen Schwung verleiht.

Symbolträchtiger Sieg

Es gebe starke ideologische Unterschiede zwischen den islamistischen Strömungen, sagt Ahmed Sayyed Ahmed vom Ahram-Zentrum für strategische Studien in Kairo, trotzdem könne der symbolträchtige Sieg der Taliban, die jetzt ihr "islamisches Emirat" schaffen und ihre Auslegung der Scharia durchsetzen würden, auch Islamisten inspirieren und motivieren, die keine Gewalt anwenden, wie die Salafisten und die Muslimbruderschaft.

Genau das scheint zu passieren. Auch in der Salafistenszene herrscht Bewunderung für die Taliban. "Heute freut sich jeder Gläubige", schrieb der bekannte ägyptische Salafist Asem Abdel Maged auf Twitter. "Wenn die Muslimbrüder den Mut und die Stärke der Taliban besäßen und sich in Löwen verwandelt hätten, dann würden sie ohne den geringsten Widerstand die Macht übernehmen." Tarek al-Zomor, der als Führer der ägyptischen Terrorgruppe "Islamischer Jihad" bekannt wurde und später der Gewalt abschwor, pries in einem Tweet den Erfolg der Taliban als Sieg "gegen Ungerechtigkeit und Fremdherrschaft".

Zustimmung online

Trotz ihrer militärischen Unterlegenheit war es den Taliban gelungen, die USA und die NATO zu schlagen. Das erzeugt eine enorme Faszination. Die Niederlage der US-Amerikaner, so vermutet Ahmed Sayyed Ahmed, verstärke bei den islamistischen Bewegungen die Überzeugung, dass der Sieg den Taliban von Gott ermöglicht wurde, also dass es ihr fester Glaube gewesen sei, der ihnen Gotteskraft gegen den Feind verlieh, und dass man durch Glaubensstärke am Ende siegen würde.

Viele Menschen in der Region wissen wenig über die Taliban und über die Verhältnisse in Afghanistan. Für sie sind die Taliban nun vor allem die, "die Amerikaner besiegt haben". In den sozialen Medien kann man beobachten, wie sie deshalb bewundert und gefeiert werden.

Das ist zwar nicht repräsentativ - radikale Islamisten haben in der Region zuletzt an Einfluss verloren -, aber es ist auch keine Außenseiterhaltung, wie die offizielle Erklärung des Mufti vom Sultanat Oman zeigt. "Wir gratulieren zu dem Triumph", schreibt Scheich Ahmed al-Khalili, "und wir gratulieren der gesamten Gemeinschaft der Muslime dazu, dass Gott sein Versprechen erfüllt hat. Weitere Siege mögen folgen."

Auf Twitter ist die Erklärung 15.000 Mal geliked worden, von Usern aus vielen arabischen Ländern. Und sie wurde 1700 mal kommentiert, nicht immer zustimmend, aber sehr oft.

Taliban nicht erwähnt

Für etliche arabische Regime und Regierungen ist dies eine heikle Entwicklung. Sie haben es mit vielen, vor allem jungen frustrierten Menschen zu tun, die unter den Verhältnissen leiden. Mit Menschen, denen politische, gewaltfreie Instrumente verwehrt sind, weil bei jeder Kritik an den Machtverhältnissen Repressalien drohen, und die das Vertrauen in Demokratie und Wahlen verloren haben.

Die Regime können es also überhaupt nicht gebrauchen, dass der bewaffnete Islamismus der Taliban plötzlich im Glanz des Erfolges erstrahlt. Das könnte den radikalen Islamisten wieder Zulauf verschaffen. Vielleicht hat sich deshalb eine knappe Woche nach dem Fall Kabuls das ägyptische Ministerium für islamische Stiftungen, eine Art islamisches Religionsministerium, zu Wort gemeldet. In der "Wichtigen Mitteilung" heißt es warnend: "Angesichts der regionalen und internationalen Herausforderungen dürfen extremistische Gruppierungen keine Gelegenheit erhalten, sich in irgendeiner Weise neu zu bilden oder zu reorganisieren … Unter der Asche lodert das Feuer."

Das Wort "Taliban" wird in der Erklärung nicht erwähnt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. August 2021 um 08:00 Uhr.