Durch ein Einschussloch in einem Fenster des Ayder Referral-Krankenhauses ist die äthipopische Stadt Mekele zu sehen. | AP

Nach monatelanger Gewalt Äthiopien verkündet Waffenruhe in Tigray

Stand: 29.06.2021 10:57 Uhr

Äthiopiens Regierung hat nach monatelangen Kämpfen eine Waffenruhe in der umkämpften Region Tigray ausgerufen. Grund seien die katastrophalen humanitären Bedingungen im Land. Die UN wollen sich zeitnah mit der Situation beschäftigen.

Acht Monate nach dem Beginn der Kämpfe in der äthiopischen Krisenregion Tigray hat die Regierung überraschend eine einseitige Waffenruhe verkündet. Auf Ersuchen der lokalen Führung und aus humanitären Gründen seien mit sofortiger Wirkung die Kämpfe ausgesetzt worden, teilte das Außenministerium auf Twitter mit. Die Zentralregierung hatte gegen den Willen der TPLF eine regionale Übergangsregierung in Tigray eingesetzt, die der offiziellen Mitteilung zufolge am Montag um einen Waffenstillstand gebeten hatte.

UN-Generalsekretär António Guterres teilte auf Twitter mit, er habe mit dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed gesprochen und hoffe, dass ein tatsächliches Aussetzen der Kämpfe stattfinde. Wie lange die Waffenruhe gelten soll und ob sich auch die TPLF daran halten will, war zunächst unklar.

Feuerpause für die Ernte

Die Ankündigung kam für viele Beobachter überraschend. Nach nicht offiziell bestätigten Berichten auf Twitter sollen Repräsentanten der äthiopischen Zentralregierung überstürzt die Stadt verlassen haben. Berichten zufolge haben Rebellen der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) bereits Positionen in der Stadt eingenommen. Eine unabhängige Überprüfung der Berichte war zurzeit nicht möglich.

Die äthiopische Regierung gab an, die Feuerpause solle es Bauern in Tigray ermöglichen, ihre Felder zu bestellen, und humanitären Organisationen erlauben, ungehindert in Tigray zu arbeiten. Geplant ist, dass die Waffenruhe zunächst bis zum Ende der Erntesaison gelten soll.

Der UN-Sicherheitsrat soll sich mit dem Thema Tigray beschäftigen. Die USA, Großbritannien und Irland beantragten am Montag ein Treffen des mächtigsten UN-Gremiums. Ein Tag für die Sitzung stand Diplomaten zufolge noch nicht fest. UN-Generalsekretär António Guterres telefonierte nach Angaben der Vereinten Nationen mit Ministerpräsident Abiy Ahmed. Guterres ließ danach mitteilen, dass er auf ein Ende der Kämpfe hoffe. Die Situation in Tigray sei "äußerst besorgniserregend".

Humanitäre Katastrophe

Die Regierung in Addis Abeba hatte im November eine Militäroffensive gegen die TPLF begonnen, die bis dahin in der gleichnamigen Region im Norden Äthiopiens an der Macht war. Hintergrund waren jahrelange Spannungen zwischen der TPLF und der Zentralregierung. Inzwischen sind weitere Akteure beteiligt, darunter eritreische Truppen und Milizen.

UN-Schätzungen zufolge sind rund 350.000 Menschen in der Region von einer Hungersnot bedroht. Tausende Menschen wurden getötet, rund 1,6 Millionen vertrieben. Hilfsorganisationen hatten wegen der Sicherheitslage und bürokratischer Hürden lange keinen vollen Zugang zu allen Notleidenden.

Guterres erklärte, es sei entscheidend, dass die Zivilbevölkerung geschützt werde, humanitäre Hilfe die Menschen erreiche und eine politische Lösung gefunden werde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juni 2021 um 08:00 Uhr.