Flüchtlinge aus der Region Tigray sitzen in einem Bus nahe der Grenze von Äthiopien zum Sudan | AP

Konflikt in Tigray Atmosphäre "völliger Rachsucht"

Stand: 09.02.2021 13:30 Uhr

Nur wenig dringt aus der äthiopischen Krisenregion Tigray nach außen, und die kargen Informationen lassen Schlimmes erahnen. Hilfsorganisationen berichten von Not und anhaltender Gewalt. Kann internationaler Druck helfen?

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es ist ein Krieg, den es gar nicht mehr geben dürfte. Am 29. November war Mekelle, die wichtigste Stadt der äthiopischen Region Tigray, eingenommen worden. Für die Zentralregierung in Addis Abeba war die Militäraktion gegen die Volksbefreiungsfront TPLF, die die Region regierte und die sich gegen die Zentralregierung gestellt hatte, damit offiziell beendet.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Überprüfen ließ sich das nicht: Das Internet war gekappt, humanitäre Helfer durften nicht ins vermeintlich befreite Gebiet - und Journalisten schon gar nicht. Seitdem ist es jedenfalls nicht wirklich besser geworden: Der Krieg ist weitergegangen, die humanitäre Lage hat sich massiv verschlechtert und das Wissen um das Leiden der Bevölkerung bleibt weiter im Ungefähren.

Anfang Januar wurde ein vertrauliches Papier der UN und verschiedener Hilfsorganisationen öffentlich, in dem die Sorge formuliert wurde, mehr als 60 Prozent von Tigrays Bevölkerung könnten bereits auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein - etwa 4,5 Millionen Menschen. Hunderttausende stünden womöglich bald vor dem Hungertod. Die äthiopische Regierung hält das für übertrieben. Nur 2,5 Millionen seien in Not und die Regierung habe das im Griff. Was stimmt?

Die Berichte der Helfer

"Langsam schicken Hilfsorganisationen ihre Mitarbeiter zurück und das, was sie beschreiben, ist verstörend", fasst Alex de Waal von der "World Peace Foundation" die Lage zusammen. "Geplünderte Hospitäler, verängstigte Menschen ohne Essen und Geld, Tote durch Hunger und eigentlich heilbare Krankheiten. Tigrayer, die telefonieren können, sprechen von massiven Plünderungen, Vernichtung der Ernte und Millionen Menschen ohne Zugang zu Hilfe."

Mehr noch: Die UN-Sonderberichterstatterin zu sexueller Gewalt in Konflikten, Pramila Patten, klagt über eine "hohe Zahl" von Vergewaltigungen. Insbesondere gebe es verstörende Berichte, nach denen Menschen gezwungen würden, eigene Verwandte zu vergewaltigen oder Sex gegen Essen zu tauschen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von Hinweisen auf Missbrauch durch äthiopische oder eritreische Soldaten - amtliche Stellen hätten zunächst keine Stellung bezogen, heißt es.

Flüchtende mit ihren Habseligkeiten in der äthiopischen Region Tigray an der Grenze zum Sudan. | AP

Mitnehmen, was irgendwie geht: Nach dem Ausbruch der Kämpfe floh diese Familie mit ihren Habseligkeiten an die Grenze zum Sudan. Bild: AP

Spannungen auch nach offizieller Aussöhnung

Der Friedensschluss mit Eritrea hatte dem äthiopischen Ministerpräsidenten Abiy Ahmed 2019 den Nobelpreis eingebracht. Äthiopien hatte nun angeblich einen neuen Freund, doch Menschen und Regime im äthiopischen Tigray und in Eritrea, dem Nachbarland, blieben Feinde - ein Erbe des langen Einflusses der TPLF auf frühere äthiopische Regierungen und des dreißigjährigen Unabhängigkeitskrieges Eritreas von Äthiopien.

Nach Spannungen und neuen Provokationen der tigrayischen Volksbefreiungsfront TPLF ließ Abiy Ahmed Tigray im November angreifen - unter maßgeblicher Beteiligung Eritreas. Äthiopien tut sich bis heute schwer, das zuzugeben. Kein Wunder.     

Ein ranghohes Mitglied der Übergangsregierung Tigrays, Mesfin Desalegn, sagte dem regierungsnahen Nachrichtenportal Abbay Media, eritreische Soldaten seien in den Konflikt eingetreten, um die TPLF-Truppen "zu zerstören". Der Militäreinsatz hätte aber kontrolliert werden sollen. Menschen seien in einer Atmosphäre "völliger Rachsucht" massakriert worden. Desalegn rief eritreische Soldaten in Tigray auf, "mit dem aufzuhören, was sie machen".

Flüchtlingslager bieten keinen Schutz

Waren sie es, die zwei Flüchtlingslager im Norden zerstört haben? Oder die äthiopische Armee selbst? "Es sieht tatsächlich so aus, als wenn es sich nicht um Kollateralschäden von den Konflikten handelt, sondern dass diese Camps weitgehend absichtlich zerstört wurden", sagt Chris Melzer vom UN-Flüchtlingshilfswerk. "Das wäre eine schwere Verletzung des internationalen Rechts." Satellitenbilder hatten die Zerstörung nun sichtbar gemacht - andere Quellen gibt es vor Ort ja nicht.

Das norwegische Flüchtlingswerk NRC klagte am Montag, neben eigenen Versorgungsgebäuden seien auch eine Schule und eine Klinik abgebrannt worden. Vor Vertreibung und Brandsätzen sollen allerdings auch Kämpfer der TPLF ihren Frust an den Vertriebenen ausgelassen haben - Menschen ohne Heimat, zwischen allen Fronten.

Chris Melzer | Norbert Hahn, ARD Nairobi

Chris Melzer vom UN-Flüchtlingshilfswerk: "Camps weitgehend absichtlich zerstört" Bild: Norbert Hahn, ARD Nairobi

Viele Probleme für Äthiopiens Regierung

Nach Ansicht von UN und anderen Experten geht der Krieg weiter, geführt von der TPLF als Guerillakrieg aus den Bergen gegen eine Allianz, deren Übermacht noch nicht den entscheidenden Erfolg gebracht hat. Keine guten Aussichten für Äthiopien und seinen Regierungschef.

Und das liegt nicht nur an Tigray - Äthiopiens Regierung sieht sich vielen Problemen und Konflikten gegenüber. Scharmützel mit dem Sudan mit Dutzenden Toten werden gemeldet. Da ist der Streit um den neuen äthiopischen Staudamm mit den Nachbarn Sudan und Ägypten. Und: Die Wirtschaft leidet unter Covid-19 und dem Krieg, finanziell wird es eng. Die Liste ist lang.

EU-Gesandter vor schwieriger Mission

Deshalb wird Finnlands Außenminister Pekka Haavisto als Gesandter der EU in Addis Abeba schnell zur Sache kommen müssen. Immerhin fordert inzwischen auch die die EU: eritreische Truppen raus, Helfer und Berichterstatter rein. Die Geduld mit der Regierung von Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed scheint zu Ende zu gehen, die EU-Hilfen für das äthiopische Staatsbudget liegen auf Eis.

Europa und die USA würden es gern anders machen: Äthiopien half mit, die Region zu stabilisieren, war selbst wirtschaftlich auf dem Weg nach oben. Alles vorbei? Vielleicht kann Haavisto am Ende sagen, wieviel Hoffnung die Weltgemeinschaft noch auf ein gutes Ende in Äthiopien haben kann.

Treffen | Norbert Hahn, ARD Nairobi

Finnlands Außenminister Pekka Haavisto (links) im Gespräch mit seinem sudanesischen Amtskollegen Omar Qamaruddin. Bild: Norbert Hahn, ARD Nairobi

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Januar 2021 um 18:40 Uhr.