Eine Frau vor den Einschusslöchern an einer Hauswand in Wukro, nördlich von Mekele in Tigray.

Konflikt um Tigray Äthiopiens Kollateralschäden

Stand: 29.03.2021 14:28 Uhr

Eritrea will seine Truppen aus Äthiopiens Kriegsregion Tigray abziehen. Brechen dort jetzt friedliche Zeiten an? Und im gesamten Staat Äthiopien auch? Die Wahrheit ist wohl komplizierter.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es war schon eine Überraschung: Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmad hat versprochen, Truppen aus dem Nachbarland Eritrea würden aus der immer noch umkämpften, äthiopischen Provinz Tigray abziehen. Die Erklärungen Abiys aus der vergangenen Woche waren allerdings auch die ersten seit Kriegsbeginn im November, in dem er die Beteiligung Eritreas zugab.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Die neue Offenheit folgt dem internationalen Druck - vor allem der USA - und humanitärer Organisationen, aber auch Medienberichten. Sie alle machen vor allem Äthiopiens Bündnispartner Eritrea für massenhafte, brutale Menschenrechtsverletzungen verantwortlich - für systematische Vergewaltigungen, für willkürliche Hinrichtungen.

"Menschen wurden von Kugeln getötet, mit schweren Waffen und Panzern wurden Häuser in Brand geschossen. Da sind die Menschen geflohen. Hat man sie aufgegriffen, wurden sie ermordet. Das hat die eritreische Armee getan", erzählt ein Flüchtling in einem zerstörten Lager in Tigray einem britischen Fernsehreporter auf "Sky". Auch das geschah in der vergangenen Woche. Die anderen Bilder des "Sky"-Reporters: Trecks mit Flüchtlingen nahe der Stadt Shire, Menschen, die ihr weniges Hab und Gut auf Eseln und Kamelen davonzutragen - in eine Sicherheit, von der sie überhaupt nicht wissen, ob es sie gibt.

Binnenflüchtlinge stellen sich in einem Lager in Shire an der Wasserausgabe an (Archivbild vom 23.02.2021). | AP

Auf der Flucht im eigenen Land: Äthiopier aus der Region Tigray stellen sich in einem Lager in Shire an der Wasserausgabe an (Archivbild vom 23.02.2021). Bild: AP

"Im Krieg immer Kollateralschäden"

Das klingt nicht so, als ändere sich die Lage in Tigray schon grundlegend. Wie auch? Immer wieder wird klar, dass in der Rebellen-Region noch gekämpft wird und die äthiopische Armee längst nicht alles in der Hand hat. Selten sind unabhängige Augenzeugen zur Stelle, wenn Kampfhandlungen stattfinden oder Soldaten Verbrechen begehen - wie etwa vor einigen Tagen, als ein Team von "Ärzte ohne Grenzen" Augenzeuge der Erschießung von vier Männern aus einem Mini-Bus wurden.

"Zivilisten können in solchen Situation sehr betroffen sein. Am besten fängt man einen Krieg erst gar nicht an", ermahnte Premier Abiy nun seine Kriegsgegner, die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Dann fügte der Friedensnobelpreisträger hinzu: "In einem Krieg gibt es eben immer Kollateralschäden."

Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed (links) beim Treffen mit Eritreas Präsident Isaias Afwerki. | AFP

Eine Beratung und ein Eingeständnis: Äthiopiens Premierminister Abiy Ahmed (links) und Eritreas Präsident Isaias Afwerki bei einem Treffen am 26. März. Bild: AFP

Fronten in Oromia und an der Grenze zum Sudan

Und weil Äthiopien an vielen Fronten derzeit kämpft, gibt es auch viele Kollateralschaden - nicht nur in Tigray. Ein weiteres Beispiel ist die westliche Region Oromia: Hier lebt die größte Volksgruppe der Oromo, die sich teilweise von der äthiopischen Regierung unterdrückt fühlt. Gewaltsam kämpft die "Oromo-Befreiungsfront" (OLF) - für die Regierung eine Terroristen-Truppe, für eine Unabhängigkeit der Region.

Überfälle auf die Armee häufen sich, auch Zivilisten - zuletzt der Volksgruppe der Amharen - werden brutal ermordet. Oft schlagen Amhara-Milizen aber auch brutal zurück, so der Vorwurf. Experten meinen, der Krieg im Norden schaffe ein Machtvakuum, und das mache alles noch schlimmer. Die Armee könne eben nicht überall sein. 

Derzeit ist die Armee zudem noch an einem anderen Schauplatz gefordert: an der Grenze zum Sudan. Bislang hat sich die Regierung in Addis Abeba mit dem Nachbarn im Nordwesten vor allem um den neuen äthiopischen Staudamm gestritten. Äthiopien will ihn schnell befüllen, der Sudan fürchtet, ihm könne auf den Feldern Wasser fehlen. Nun kommt noch ein Konflikt um die Grenzregion al-Fashaqa hinzu. Beide Länder beanspruchen die fruchtbare Region für sich. Längst wurde geschossen - und gestorben, auf beiden Seiten.

Eritreas Soldaten auch gegen den Sudan im Einsatz?

"Der Konflikt an der Grenze zwischen Sudan und Äthiopien schwelt weiter. Beteiligt sind die sudanesische Armee und die äthiopische - mit Amhara-Milizen - sowie eritreische Streitkräfte", schreiben die Vereinten Nationen in ihrem neuesten Äthiopien-Bericht. Werden die Soldaten Eritreas nun bei einem Mehr-Fronten-Krieg nicht mehr gegen die TPLF, sondern gegen den Sudan eingesetzt?

Immerhin eines weiß Abiy mit Blick auf den Sudan: Ein Krieg "ist unnötig für uns beide", sagte er. "Wir sollten lieber einen friedlichen Dialog führen. Der ist auf dem Weg und ich hoffe, er bringt die Lösung." Das wäre immerhin schon mal eine. Äthiopien aber braucht längst mehr.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. März 2021 um 05:12Uhr.