Eine verletzte Frau in Aksum | AP

Amnesty-Bericht Überlebende berichten von Massaker in Tigray

Stand: 26.02.2021 13:16 Uhr

Nur selten dringen Nachrichten vom Krieg in der äthiopischen Region Tigray nach außen. Amnesty International wirft nun Truppen aus Eritrea vor, dort ein Massaker mit Hunderten Toten begangen zu haben.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Im Krieg um die äthiopische Region Tigray sollen Truppen aus dem Nachbarland Eritrea Hunderte Zivilisten systematisch ermordet haben. Nach Erkenntnissen von Amnesty International soll das Massaker in der Stadt Aksum Ende November zwei Tage gedauert haben. Die äthiopische Menschenrechtskommission hat eine eigene Untersuchung angekündigt und angemahnt, den Amnesty-Bericht ernst zu nehmen.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

"Viele meiner Freunde wurden ermordet", zitiert Amnesty einen Augenzeugen. "Einer bat mich, zu helfen, aber ich tat nichts. Die eritreischen Soldaten lagen auf dem Boden und schossen aus der Entfernung. Fünf meiner Freunde waren tot, der sechste am Bauch verletzt (…). Er fragte: 'Kannst Du mich ins Krankenhaus bringen?' Ich habe es nicht getan, denn das war schon geplündert und sie waren dabei, dort Menschen zu ermorden." Viele Einwohner seien regelrecht hingerichtet worden, heißt es in dem Bericht. Am Ende seien die Straßen voll mit Toten gewesen.

Mit 41 Überlebenden hat Amnesty nach eigenen Angaben gesprochen, hinzu kommen 20 weitere Zeugen. "Wir haben viele glaubwürdige Beweise", sagt Fisseha Tekle, Amnestys Äthiopien-Experte in Nairobi. "Zusätzlich zu den Befragungen haben wir Satellitenbilder analysiert, die Massengräber an mehreren Kirchen Aksums zeigen. Aber auch die Zerstörung der Stadt, auch von Krankenhäusern."

Andauernder Schrecken

Viele der Befragen gaben nicht nur schreckliche Schilderungen zum Massaker selbst zu Protokoll, sondern auch zu den Tagen danach. Zunächst hätten die Menschen die Leichen ihrer Angehörigen nicht bergen dürfen. Anfangs sei sogar auf diejenigen geschossen worden, die es versucht hätten, heißt es. Später seien die Toten zum Teil in Massengräbern beigesetzt worden.

Amnesty schreibt, man habe die Namen von 240 Getöteten festgehalten. In Berichten der BBC und der Nachrichtenagentur AP ergibt sich ein ähnliches Muster der Abläufe. In beiden Berichten wird sogar eine geschätzte Opferzahl von etwa 800 Menschen genannt.

Die äthiopische Regierung habe auf eine Anfrage von Amnesty nicht reagiert, heißt es. "Die Erkenntnisse von Amnesty sollten sehr ernst genommen werden", glaubt die äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC). Demnach deuteten vorläufige Ergebnisse ihrer eigenen Untersuchungen darauf hin, dass eine noch unbekannte Anzahl Zivilisten in Aksum von eritreischen Soldaten getötet worden sei. Eritrea selbst hat bislang keine Beteiligung am Krieg in Tigray eingestanden, obwohl es inzwischen keinen Zweifel mehr daran gibt.

Eskalation im November

Der Konflikt zwischen der äthiopischen Zentralregierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) war am 4. November in einen Krieg eskaliert. Mit dem Angriff auf Aksum war nach Angaben von Bewohnern am 19. November vor allem von Truppen der äthiopischen Zentralregierung begonnen worden. Später seien dann eritreische Soldaten gekommen. Kurz vor dem Massaker sollen einige tigrayische Milizionäre und - zum Teil nur mit Knüppeln und Steinen - bewaffnete Männer aus der Stadt einen nahegelegenen eritreischen Militärposten angegriffen haben.

Der Amnesty-Bericht ist der erste zusammenhängende Report über die Vorgänge in Aksum im November, eine Region, aus der eine unabhängige Berichterstattung seit Kriegsbeginn praktisch kaum möglich war.

Die Stadt gilt in der äthiopisch-orthodoxen Kirche als heilige Stadt. In der Kirche der Heiligen Maria von Zion wird nach äthiopisch-orthodoxer Tradition die Bundeslade aufbewahrt. Sie enthielt nach biblischer Darstellung unter anderem die zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten, die Mose von Gott bekam.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Februar 2021 um 12:00 Uhr in den Nachrichten.