Kämpfer einer amharischen Miliz | AFP

Kämpfe an vielen Fronten Zerfällt der Staat Äthiopien?

Stand: 25.08.2021 04:18 Uhr

Die aufständische Region Tigray zwingt Äthiopiens Armee zum Rückzug. In Oromia, der größten Region des Landes, kämpft ebenfalls eine eigene Armee gegen den Zentralstaat. Dessen Bestand ist inzwischen gefährdet.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Olive Jacke, ein grün-rotes Tuch um den Kopf, im Hintergrund die "Commercial Bank of Ethiopia": Mit skeptischen Blick schaut ein junger Mann in die Kamera, er soll ein Kämpfer aus der Region Tigray sein. Nun steht er mitten in der Region Amhara, in der Kleinstadt Nefas Mewcha, in Feindesland.

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Das ist über eine Woche her. Inzwischen gibt es neue Fotos in den sozialen Medien: mit drei Kämpfern, angeblich Angehörige der nationalen Streitkräfte Äthiopiens, der ENDF. Vor der gleichen Bank, mit dem gleichen entschlossenen Blick.

Angeblicher Kämpfer aus Tigray in Nefas Mewcha (Äthiopien) | Ethiopia Map

Das Bild zeigt einen Kämpfer aus Tigray, offenbar in Nefas Mewcha ... Bild: Ethiopia Map

Angeblich Angehörige der nationalen Streitkräfte Äthiopiens, der ENDF, in Nefas Mewcha. | Ethiopia Map

... wo später offenbar Angehörige der Regierungsarmee posieren. Bild: Ethiopia Map

Die Bilder sind ein Sinnbild dafür, was gerade in Äthiopien passiert. Die "Tigray Defence Forces" (TDF), der militärische Arm der bis November dort regierenden Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), hat den größten Teil ihrer Heimat-Region zurückerobert.

Lange war die TPLF die bestimmende politische Kraft im gesamten Äthiopien gewesen - längst nicht zur Freude aller Äthiopier. Mit dem Regierungsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed änderte sich das 2018. Als die Spannungen zwischen Abiy und der TPLF stiegen, rückten im November vergangenen Jahres Abiys Truppen in Tigray ein, gemeinsam mit Milizen der Nachbarregion Amhara und Armeeverbänden des diktatorisch regierten Nachbarlandes Eritrea.

Ein Krieg voller Grausamkeiten

Es war ein schmutziger Krieg, in dem beiden Seiten - vor allem aber den Besatzern - Menschenrechtsverstöße zur Last gelegt wurden. Inzwischen hat die TDF einen Großteil der Region zurückerobert, hat Vorstöße in die östliche Nachbarprovinz Afar gemacht und rückt nun von Norden und Nordosten in die Provinz Amhara ein, das historische Kernland Äthiopiens.

Die TDF-Truppen bewegen sich vor allem über die zentrale Verbindungsstraße B22, an der auch Nefas Mewcha liegt, voran. Dass der Ort und einige andere, wie der nahe Verkehrsknoten Gashena, in den vergangenen Tagen zurückerobert wurden, ist die erste wirkliche Erfolgsmeldung für die äthiopischen Truppen seit Wochen.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass Abiy Ahmed in der Lage ist, den Nationalstaat Äthiopien - so wie wir ihn kennen - zu erhalten, schwindet von Tag zu Tag", sagt Hudson Cunningham vom Institut für Strategische Studien in Nairobi.

Kämpfer einer amharischen Miliz in der Ortschaft Adi Akay (Äthiopien) | AFP

Kämpfer einer amharischen Miliz, die sich gegen die Kämpfer aus Tigray stellt. Doch die sind in der Offensive, zusammen mit Einheiten aus anderen Regionen Äthiopiens. Bild: AFP

Aufbegehren auch in Oromia

Dazu kommt, dass Äthiopien zumindest noch an einer anderen Ecke bröckelt: In Oromia, der größten äthiopischen Region, macht die sogenannte "Befreiungsarmee der Oromo" (OLF) Front gegen die zentrale Staatsmacht - und ist inzwischen in einer losen Allianz mit der TDF. Auch die OLF verzeichnet mehr und mehr Erfolge und drohte zuletzt sogar damit, die wichtige Straßenverbindung ins Nachbarland Kenia zu unterbrechen.

Die Armee ist stark geschwächt, die Bevölkerung zur Generalmobilmachung aufgerufen, die Lage ernst. "Wenn sich die Lage verschlimmert, wird die ganze Region betroffen sein", räumte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beim Staatsbesuch Abiys vergangene Woche mit Blick auf das Horn von Afrika ein.

Erdogan bot Vermittlerdienste für Äthiopiens Probleme mit dem Nachbarn Sudan an - und unterzeichnete Militärhilfe-Abkommen. Militär-Experten gehen schon jetzt davon aus, dass die Türkei ihrem Partner aushilft, unter anderem mit Drohnen.

Neue Vorwürfe

Unterdessen fordert der Konflikt immer neue Opfer, mit immer neuen Verstößen gegen humanitäres Völkerrecht. So soll die TDF wahllos Siedlungen in Amhara beschossen, Häuser niedergebrannt und Zivilisten getötet haben, berichtet der britische "Telegraph" unter Berufung auf Augenzeugen und Satellitenbilder. Und: Über den Fluss Tekeze waren in den vergangenen Wochen Dutzende Leichen aus Tigray über die Grenze nach Sudan geschwemmt worden. Die Kriegsparteien schieben sich gegenseitig die Schuld zu.

Wegen der prekären Ernährungslage in Tigray hat Samantha Power, Leiterin der US-Behörde USAID, die äthiopische Regierung am Wochenende scharf angegriffen. Weil Äthiopien Hilfe in die aufständische Region blockiere, könne es zu einer der größten Hungerkrisen weltweit seit einem Jahrzehnt kommen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres hatte die humanitäre Lage in Tigray zuvor "höllisch" genannt. Die Regierung in Addis Abeba bestreitet alle Vorwürfe.

"Die Zukunft Äthiopiens ist bestenfalls ungewiss, im schlimmsten Fall in Auflösung. Und so verhält es sich mit dem Horn von Afrika insgesamt", mein Analyst Hudson Cunningham. Es gehe in der Folge auch um den Sudan, Süd-Sudan und Somalia. Seine Befürchtung: "Es könnte katastrophal werden, mit Millionen von Flüchtlingen, nicht nur in Richtung Mittlerer Osten, sondern auch Richtung Europa."

Die Karte zeigt Äthiopien mit den Regionen Tigray Oromia Amphara und Afar.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. August 2021 um 12:00 Uhr.