Eine Mutter in einem medizinischen Zelt Tigray hält ihr schreiendes Baby auf dem Arm. | AP

Warnungen der UN In Äthiopien droht akute Hungersnot

Stand: 30.07.2021 15:21 Uhr

In der äthiopischen Konfliktregion Tigray kommen laut UN immer weniger Hilfslieferungen an. Mehr als 100.000 Kindern drohe eine lebensbedrohliche Mangelernährung. Die EU wirft Äthiopien vor, Hunger als Waffe einzusetzen.

In der äthiopischen Konfliktregion Tigray verschärft sich die humanitäre Lage nach UN-Einschätzung rapide. Die UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) berichtet über anhaltende Problemen für humanitäre Konvois, in die Region zu gelangen und dringend benötigte Hilfe für etwa 5,2 Millionen betroffene Menschen zu transportieren.

Der aus 50 Lastwagen bestehende letzte Konvoi habe die Stadt Mekelle am 12. Juli erreicht. Das sei bei Weitem zu wenig, so die Agentur: "Um den aktuellen Bedarf abzudecken, sind wöchentlich 500 bis 600 Lastwagenladungen nötig".

"Schlimmste Befürchtungen sind bestätigt worden"

Dem UN-Kinderhilfswerk UNICEF zufolge könnten in Tigray in den kommenden zwölf Monaten mehr als 100.000 Kinder von lebensbedrohlicher Mangelernährung betroffen sein, zehnmal so viel wie sonst.

"Unsere schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich Gesundheit und Wohlbefinden der Kinder in dieser umkämpften Region im Norden Äthiopiens sind bestätigt worden", sagte die UNICEF-Sprecherin Marixie Marcado nach der Rückkehr von einer Reise in das ostafrikanische Land.

Nach Gesundheitsdaten, die von verschiedenen Hilfsorganisationen zusammengetragen wurden, seien knapp 18 Prozent der Kinder mäßig bis schwer unterernährt, teilte UNICEF mit. Die Schwelle zu einem Notstand liege bei 15 Prozent.

Erhebungen legten zudem nahe, dass fast die Hälfte aller Schwangeren und stillenden Frauen an akuter Mangelernährung litten. Das lasse weitere Komplikationen befürchten.

Hohe Gefahr für den Ausbruch von Seuchen

Die Ernährungskrise ereigne sich vor dem Hintergrund einer "umfassenden und systematischen Beschädigung" des gesamten Versorgungssystems. Es bestehe hohe Gefahr für den Ausbruch von Seuchen, besonders in überfüllten Flüchtlingslagern ohne zureichende Sanitäreinrichtungen, erklärte die UN-Organisation.

Erschwerend hinzu komme ein Wiederaufflammen von Kämpfen in den benachbarten Verwaltungsregionen Afar und Amhara. Dort stünde bereits fast 1,5 Millionen Menschen akuter Hunger bevor. Ohne ausreichende humanitäre Hilfe werde die Mangelernährung bei Kindern noch über das schon alarmierende Niveau hinaus anwachsen.

Humanitäre Organisationen brauchten freien Zugang nach Tigray und in die anderen Konfliktregionen und müssten dort ungehindert arbeiten können, forderte die UNICEF-Sprecherin.

EU wirft Äthiopien politisches Kalkül vor

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell warf der äthiopischen Regierung vor, Hunger als Waffe gegen die Bevölkerung in Tigray einzusetzen. Lastwagen mit überlebenswichtigen Nahrungsmitteln würden offenbar gezielt an der Weiterfahrt in die Konfliktregion gehindert.

Man könne sich "immer weniger der Folgerung erwehren, dass der Zugang zu Nahrung als Kriegswaffe eingesetzt wird", schrieb Borrell auf Twitter. Die Verantwortung liege bei der äthiopischen Regierung.

Die Regierung des Landes hatte im November eine Militäroffensive gegen die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) begonnen, die bis dahin in der gleichnamigen Region an der Macht war. Hintergrund waren jahrelange Spannungen zwischen der TPLF und der Zentralregierung.

Menschen in Tigray fühlen sich nicht repräsentiert

Die TPLF dominierte Äthiopien mehr als 25 Jahre lang, bis Regierungschef Abiy Ahmed 2018 an die Macht kam und die TPLF hinausdrängte. Viele Menschen in Tigray fühlen sich von der Zentralregierung nicht vertreten und fordern mehr Autonomie.

Im Vielvölkerstaat Äthiopien mit seinen rund 112 Millionen Einwohnern gibt es etliche ethnische Spannungen, die unter Präsident Abiy gestiegen sind. Der gegenwärtige Konflikt hat bereits Hunderttausende Menschen in die Flucht getrieben und große Zerstörung angerichtet.

Als Hungersnot wird die schlimmste Form einer Hungerkrise bezeichnet, bei der viele Menschen an den Folgen von Mangelernährung sterben. In Afrika gilt nur noch die Dürre-bedingte Lage in Süd-Madagaskar als ähnlich schlimm.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Juli 2021 um 15:00 Uhr.