Auf dem Satellitenbild einer privaten Firma sind Militärfahrzeuge in der Stadt Scheraro zu sehen (Bild von September 2022). | AP

Krieg in Äthiopien Sterben unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Stand: 15.10.2022 16:53 Uhr

Um Äthiopiens Provinz Tigray tobt einer der weltweit blutigsten Konflikte. Beobachter ziehen Vergleiche zum Ersten Weltkrieg. Doch die weltweite Aufmerksamkeit bleibt gering - was sich auch auf den Verlauf auswirkt.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es geht um Äthiopiens nördliche Region Tigray und, kurz gesagt, um die Frage, wer dort das Sagen hat: Die Zentralregierung in Addis Abeba oder die in der Region verwurzelte Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF). Im Streit um Regionalwahlen und mehr politische Unabhängigkeit hatten ab November 2020 die nationalen äthiopischen Streitkräfte und die mit ihr verbündeten Truppen aus dem Nachbarland Eritrea die Region besetzt, wurden dann aber zurückgedrängt. Im März dieses Jahres gab es einen Waffenstillstand, der bis zu August hielt. Seitdem tobt der Krieg erneut - anscheinend noch erbitterter als in der ersten Phase. Die Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Soldaten steigt rapide. 

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

"Es wird mittlerweile mit Verlusten im sechsstelligen Bereich gerechnet", sagt Äthiopien-Experte Ulf Terlinden von der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi. Der Konflikt werde mit Methoden ausgetragen, die man vor allem aus dem Ersten Weltkrieg kenne: Bei manchen Operationen stürmten Tausende Kämpfer in Wellen aufeinander los. Die Verlustquote liege laut Militärexperten bei etwa 40 Prozent, schätzt Terlinden: "Und da haben wir noch gar nicht über die zivilen Opfer des Konflikts gesprochen."

Die Karte zeigt die Region Tigray in Äthiopien.

Expertenberichte über schwere Verbrechen

Auch da zeichnet der erste ausführliche Bericht der "UN-Kommission der Menschenrechtsexperten zu Äthiopien" nun ein Bild des Grauens. Hinrichtungen, Vergewaltigung, sexuelle Gewalt und Aushungern der Zivilbevölkerung seien von Beginn an ein Mittel der Kriegführung gewesen, heißt es darin.

Es gäbe gute Gründe für die Annahme, dass "Töten von Vieh, Zerstörung von Nahrungsmittellagern und Niedermachen von Getreide sowie die Beschränkung von humanitärem Zugang nach Tigray" bislang zur Taktik der Zentralregierung und ihrer Alliierten gehört hätten, erklärte die Kommission-Vorsitzende, Kaari Betty Murungi. Sechs Millionen Menschen sei der Zugang zu Elektrizität, Internet, Telekommunikation und Bankwesen verwehrt. Nun soll die Kommission untersuchen, ob "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" vorliegen. Die Regierung in Addis Abeba nennt den Bericht unfair und einseitig.

Allerdings wirft der Report auch den Kampfeinheiten der TPLF, die Tigray Defense Forces (TDF), mögliche Kriegsverbrechen vor - etwa Vergewaltigung, Plünderung und Zerstörung im Gebiet der angrenzenden Region Amhara. Tatsache ist: Die Zahl der getöteten und verletzten Zivilisten ist kaum zu schätzen, die der intern Vertriebenen liegt im Norden des Landes nach UN-Angaben bei 2,6 Millionen Menschen. Weiteren 9,4 Millionen mangelt es an Nahrung, vielen an einer Unterkunft.

Neuer Waffenstillstand scheint fern

Dabei ist ein Ende nicht in Sicht. In der neuen Phase des Krieges ist Tigray vor allem durch den neuen, massiven Kriegseintritt von Eritrea unter Druck, das mit Äthiopiens Ministerpräsident, dem Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed, eine Allianz eingegangen ist.

Eritreas Despot Isayas Afewerki, dessen Land oft schlicht "Nordkorea Afrikas" genannt wird, hat mobil gemacht. "Giffa" nennt man die Aktionen, in denen Frauen, Männer, sogar Minderjährige in die Armee gepresst würden, so der zuständige UN-Berichterstatter. Inzwischen würden alle Reservisten im wehrfähigen Alter eingezogen - wer sich weigert, lande in einem der berüchtigten Gefängnisse des Regimes, beklagen Menschenrechtsexperten.

Beide Seiten - die TDF ebenso wie die Regierungsallianz - traf der Waffengang nicht unvorbereitet. Die TDF hatte dem Waffenstillstand immer misstraut, zudem stand sie durch die Versorgungsblockade gegen die Bevölkerung unter Druck. Die Regierungstruppen mussten nach dem letzten verheerenden Waffengang neu zusammengestellt werden, im Schulterschluss mit den Eritreern.

Nun scheinen Abiy und Afewerki alles auf eine Karte zu setzen: Tigray soll anscheinend komplett unterworfen werden. Selbst wenn die Allianz mehr Fortschritte auf dem Schlachtfeld machen sollte, als das anscheinend bisher der Fall ist, würde das aber nicht einfach: Die Tigrayer haben schmerzlich erfahren, was Besatzung heißt, und sich weitgehend hinter ihrer Führung versammelt - auch diejenigen, die keine erklärten TPLF-Anhänger sind.

"Medieninteresse wird aufgesaugt"

Deshalb wird die Frage nach einem Waffenstillstand oder gar einem Frieden wohl noch länger unbeantwortet bleiben. Für Abiy und die Tigrayer geht es um Überlebensfragen, die Beteiligung des in Tigray verhassten Diktators aus der Nachbarschaft macht es nicht leichter. Allein die Frage, wer an einem Verhandlungstisch Platz nehmen könnte und wer nicht, ist schwierig. Und wer soll vermitteln?

Ohnehin sei das Interesse der Weltöffentlichkeit an den kritischen Fragen gering, befürchtet William Davison, Experte bei International Crisis Group. "Das internationale Medieninteresse wird vom Ukraine-Russland-Krieg aufgesaugt. Genauso ist es mit den diplomatischen und teilweise auch den humanitären Bemühungen", sagt er. "Das ist ein schwerer Rückschlag in einer Lage, in der es ohnehin schon nicht genug Aufmerksamkeit und Mittel für den Konflikt gab."