Äthiopische Regierungssoldaten fahren im Mai 2021 auf der Ladefläche eines Militär-Lastwagens auf einer Straße in der Nähe von Agula in der Region Tigray | dpa

Äthiopien Der Krieg ist zurück in Tigray

Stand: 01.09.2022 02:45 Uhr

Seit Tagen wird an den Grenzen der abtrünnigen Region Tigray in Äthiopien wieder gekämpft. Angriffe der äthiopischen Luftwaffe treffen die Regionalhauptstadt Mekele. Die kurze Hoffnung auf Friedensverhandlungen scheint verflogen.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Es war mitten in der Nacht auf Mittwoch, als der ärztliche Leiter des Ayder Referral Hospital in Mekele, Kibrom Gebreselassie, twitterte: "Die Gegend um das Krankenhaus wurde bombardiert. Opfer werden im Ayder Hospital eingeliefert."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Bereits am Freitag war Mekele, das politische Zentrum im Widerstand gegen die Zentralregierung, durch die äthiopische Luftwaffe bombardiert worden. Nur "militärische Ziele" seien im Visier, erklärte die Regierung in Addis Abeba - die spärlichen Bilder des Einschlagsortes zeigten die Verwüstung eines Kindergartens.

Es ist zu befürchten, dass Gebreselassies Krankenhaus noch mehr Opfer eines neu entflammten Krieges sehen wird, der für Tigray und die ganze Region schon längst zu einem humanitären Drama geworden ist.

Ein Streit schlägt in Kämpfe um

November 2020: Im Streit um Regionalwahlen und mehr politische Unabhängigkeit in Tigray kommt es zu Kämpfen und später der Besetzung der Region durch Truppen der Zentralregierung. Beteiligt sind auch mit ihr verbündete Milizen aus anderen Landesteilen sowie aus dem nördlichen Nachbarland Eritrea.

Später schütteln die Truppen der Tigrayer, die TDF, die Besatzung ab, rücken bis fast zur Hauptstadt Addis Abeba vor. Am Ende ziehen sie sich auch unter dem Druck der Regierungstruppen wieder nach Tigray zurück. Im März dieses Jahres folgt dann ein Waffenstillstand, der die ersten Hilfslieferungen seit langem erlaubt.

Die Not wird noch größer

Ungezählte Tote und Verletzte auf beiden Seiten sowie Hunderttausende, die vertrieben oder abhängig von humanitärer Hilfe wurden, blieben zurück. Vor dem Waffenstillstand waren durch eine Nahrungsmittelblockade der Zentralregierung nach UN-Angaben bereits 83 Prozent der Tigrayer auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Obwohl die Lieferungen im April wieder möglich waren, wuchs die Zahl der Bedürftigen weiter auf 89 Prozent, auch durch fehlenden Treibstoff für die Lebensmitteltransporte, so die UN.

Die Karte zeigt die Region Tigray in Äthiopien.

Vergebliche Friedensbemühungen

Erste Kontakte zwischen den Konfliktparteien in Addis Abeba und Mekelle gab es. Friedensverhandlungen scheiterten aber bereits an der Frage, welcher internationale Vermittler bestellt werden sollte oder ob es Bedingungen für die Gespräche darf.

Wer den Waffenstillstand nun zuerst gebrochen hat, ist unklar: Die Nachrichten kommen spärlich, Vor-Ort-Berichterstattung unabhängiger Medien - auch der ARD - wird meist verhindert.

Nach allem, was bekannt ist, haben die Kämpfer der TDF vom Süden Tigrays aus die Linien der Truppen der Zentralregierung durchbrochen und Geländegewinne gemacht.

Eine neue Front

Anscheinend hat sich am Mittwoch auch in Äthiopiens Nordwesten, nahe der Grenze zum Sudan, eine neue Front aufgetan, an der sich Tigrayer und Regierungstruppen gegenüberstehen. Zudem waren bereits vor Tagen Meldungen aufgetaucht, nach denen im autoritär regierten Eritrea massiv neue Rekruten eingezogen werden - bestätigt ist das nicht.

Es gab aber Gerüchten neue Nahrung, Eritrea könnte erneut auf Seiten der Zentralregierung in Kämpfe eingreifen und den Konflikt weiter internationalisieren.

Im Hafen von Dschibuti kommt ein Schiff mit ukrainischem Weizen für Äthiopien an. | AFP

Der ukrainische Weizen, der nun in Dschibuti angekommen ist, wurde dringend erwartet - gerade in Tigray. Nun ist ungewiss, ob er die Region erreichen kann. Bild: AFP

Im Schatten des Ukraine-Krieges

Klar ist nur: Im Schatten des Ukraine-Krieges gerät der blutige Konflikt im Norden Äthiopiens weiter aus dem Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit - und mit ihm die katastrophale humanitäre Situation in Tigray und den Nachbarregionen.

Weitgehend abgeschnitten von Überweisungen aus dem Ausland, Treibstoff und Telefonverbindungen sinken durch den Krieg nun auch die Hoffnungen, Tigray könnte wenigstens von den Getreidelieferungen etwas abbekommen, die ein aus der Ukraine kommendes Schiff gerade im nahen Dschibuti löscht. Das Leiden in Nordäthiopien geht in die nächste Runde - so, wie der Krieg.

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. August 2022 um 19:00 Uhr.