Anhänger der äthiopischen Regierung demonstrieren im November 2021 in der Hauptstadt Addis Abeba | AFP

Äthiopien Der Facebook-Faktor im Bürgerkrieg

Stand: 22.11.2021 16:27 Uhr

Der Bürgerkrieg in Äthiopien wird auch in den sozialen Netzwerken ausgetragen: Über Facebook hetzen die Kriegsparteien die Menschen gegeneinander auf. Kritiker sagen, der Konzern tue zu wenig dagegen - und sei schlicht überfordert.

Von Antje Diekhans, ARD-Studio Nairobi

Als sich Anfang des Monats der Kriegsbeginn in Äthiopien zum ersten Mal jährt, wehen Nationalflaggen in der Hauptstadt Addis Abeba, das Militär präsentiert seine Stärke und Ministerpräsident Abiy Ahmed hält eine Rede. Er tönt, man habe eine Grube gegraben, in der der Feind beerdigt werde - und nicht Äthiopien: "Wir werden ihn mit all unserer Kraft und unserem Blut schlagen, damit Äthiopien wieder ruhmreich aufsteigen kann."

Antje Diekhans ARD-Studio Nairobi

Ähnlich war es auch in einem Eintrag auf der Facebook-Seite des Regierungschefs formuliert. Facebook löschte den Post, weil er als Aufruf zur Gewalt gewertet wurde - damit ging der Konzern zum ersten Mal gegen einen Eintrag des Ministerpräsidenten vor.

Der nutze das soziale Netzwerk ganz massiv für seine Verlautbarungen, sagt der äthiopische Journalist Zecharias Zelalem: Abiy habe auf Facebook die äthiopische Bevölkerung über den Einmarsch in Tigray informiert. Erst danach habe er eine Fernsehansprache gehalten.

Hetzkampagnen von Influencern

Seit einem Jahr tobt ein blutiger Bürgerkrieg in Äthiopien, der als Konflikt zwischen der Regierung und der so genannten Volksbefreiungsfront von Tigray begonnen hatte. Die Auseinandersetzungen werden in den sozialen Medien angefacht.

Facebook wird in Äthiopien von etwa sechs Millionen Menschen genutzt. Vor allem in den vergangenen Wochen hätten Aktivisten, die der Regierung nahestehen, hasserfüllte Botschaften auf ihren Seiten gepostet, sagt Zelalem: Er nennt Aufrufe, Zivilisten aus Tigray zu töten, Appelle, sie in Konzentrationslager zu stecken. Die Aktivisten hätten Hunderttausende Follower: "Sie scheinen ihre Aktionen zu koordinieren, um Menschen aus Tigray zur Zielscheibe zu machen", beobachtet er.

Der Reporter vergleicht die Hetze mit den Botschaften, die vor dem Völkermord in Ruanda über einen Radiosender ausgestrahlt wurden: Nur das Medium habe sich geändert.

Facebook fehlen Experten

Facebook ist die eigene Rolle in dem Konflikt durchaus bewusst: Die Whistleblowerin Frances Haugen hatte öffentlich gemacht, dass es für Länder wie Äthiopien bei Facebook zu wenig Mitarbeiter gibt, um Posts auf Amharisch oder anderen Landessprachen zu überprüfen. In einer Anhörung vor dem US-Senat sagte sie, der Konzern stehe in dem Konflikt, die Plattform sicherer zu machen oder die Einnahmen zu maximieren: Der eigene Profit sei Facebook stets wichtiger, warf sie dem Konzern vor.

In manchen Fällen hätten gefährliche Online-Auseinandersetzungen zu tatsächlicher Gewalt geführt, die Menschen verletzt und sogar tötet. Speziell bezog Haugen sich dabei auf die Situation in Myanmar und Äthiopien.

Ein Versprechen - und was daraus wurde

Schon vor mehr als einem Jahr hatte Facebook Besserung gelobt. Doch das Prüfen von Seiten aus Äthiopien überfordert den Konzern weiter. Mit der Löschung von Abiys Post habe ein Zeichen gesetzt werden sollen, meint Zelalem.

Doch kurz danach seien die Inhalte schon wieder im Netz gewesen: Knapp einen Tag später habe die Bürgermeisterin von Addis Abeba, Adanech Abebe, eine ähnliche Äußerung auf ihrer Facebook-Seite verbreitet. Auch sie habe die Massen dazu aufgerufen, den Feind zu beerdigen. Dieser Post sei nicht gelöscht worden.

Facebook, glaubt Zelalem, wolle sein Image wieder aufpolieren - "aber es gibt kein konkretes Konzept, wie mit den Problemen in Äthiopien umgegangen werden soll".

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. November 2021 um 05:45 Uhr.