Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo im Februar 2011 | AFP
Weltspiegel

Zehn Jahre Revolution in Ägypten "Schlimmer als je zuvor"

Stand: 24.01.2021 07:59 Uhr

Zehn Jahre nach den Tahrir-Protesten in Ägypten ziehen viele damalige Aktivisten eine bittere Bilanz: Die meisten Ziele wurden nie erreicht, die Regierung greift härter durch denn je. Und doch gibt es Hoffnung.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Es sind deprimierende, dunkle Bilder, die Yassin Mohamed malt, um seine furchtbaren Erlebnisse zu verarbeiten. Dreieinhalb Jahre saß der 26-Jährige in ägyptischen Gefängnissen, weil er für seine Überzeugungen auf die Straße gegangen ist, wie er sagt.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Heute wäre das für ihn undenkbar: "Ich habe meinen Eltern schon genug Leid angetan. Auch meinen Freunden, die sich für mich eingesetzt haben, damit es mir besser geht. Sie haben meinetwegen viel durchstehen müssen", sagt er.

Am 25. Januar 2011 aber konnte ihn nichts und niemand aufhalten: Mit Hundertausenden anderen zog er auf den Tahir-Platz von Kairo für "Brot und Würde". Mohamed träumte von einem demokratischen, freien, gerechten Ägypten mit Chancen für junge Menschen: "Ich wollte meine Meinung zum Ausdruck bringen, meine Gedanken äußern, so lange ich damit niemandem schade."

Demokratie als kurze Episode

Die Sicherheitskräfte schlagen damals brutal zu, es wird scharf geschossen. Hunderte Demonstranten sterben, Rauchschwaden von Tränengas liegen über der Stadt. Doch letztlich muss der Staatsapparat vor den Massen kapitulieren: Am 11. Februar tritt Husni Mubarak nach 30 Jahren als Präsident zurück. Ein Etappensieg für die Protestbewegung.

Es folgen die ersten freien Parlaments- und Präsidentschaftswahlen, die mit dem Sieg der islamistischen Muslimbrüder enden. Mohamed Mursi wird neuer Präsident. Doch lange kann er sich nicht im Amt halten. Die Wirtschaft darbt, seine Verfassungsreform ist hoch umstritten.

Wieder flammen Proteste auf, die General Abdel Fatah al-Sisi 2013 zu einem Putsch nutzt. Seither regiert er mit eiserner Hand. Die Demokratie ist heute ausgehöhlt, ebenso die Presse- und Meinungsfreiheit, berichten Menschenrechtsorganisationen wie "Human Rights Watch". Von Zehntausenden politischen Gefangenen ist die Rede, willkürlichen Festnahmen, unfairen Prozessen und Folter.

Außenminister Sameh Shoukri hält das für Propaganda radikaler Organisationen, um ein falsches Bild Ägyptens zu erzeugen. Journalisten forderte er bei einer Pressekonferenz am 11. Januar auf, mit Ägyptern zu sprechen, um sich ein eigenes Bild zu machen.

"Ich wurde in eine Zelle eingesperrt, ohne etwas verbrochen zu haben", erzählt Yassin von den traumatischen Erlebnissen im Gefängnis. "Ich fing dort an zu grübeln, mich selbst zu hinterfragen. Das raubt viel Kraft und hinterlässt Spuren. Ich habe Probleme, mit Menschen umzugehen, zu kommunizieren."

 Yassin Mohamed am Schreibtisch vor einem Computer-Bildschirm |

Die Haft hat ihn verändert: Yassin Mohamed

"Wir haben Angst und Verzweiflung überwunden"

Bassem Kamel geht einen anderen Weg. Der Architekt stieg nach dem Sturz Mubaraks in die Politik ein, wird als Abgeordneter der Sozialdemokraten in das Parlament gewählt. Dort tritt er leidenschaftlich für die Ziele der Revolution ein, scheitert aber oft genug an der Mehrheit aus Muslimbrüdern und Salafisten.

"Wir sind für soziale Gerechtigkeit und Würde angetreten, für Freiheit und Demokratie", sagt er. "Diese Ziele wurden aber nie verwirklicht." Schon ein halbes Jahr später wird das Parlament aufgelöst. Mehrere Parteifreunde sitzen bis heute im Gefängnis. Dennoch hat er die politische Arbeit nie ganz aufgegeben. Denn eine Errungenschaft bleibe: "Wir haben Angst und Verzweiflung überwunden."

Heute liegt ihm besonders die Nachwuchsarbeit am Herzen. Junge Sozialdemokraten lädt er zu Vorträgen ein und bietet ihnen Rhetorikseminare an - sie sollen einmal besser gerüstet sein als seine Generation vor zehn Jahren. "Wir hatten große Ziele, waren wild entschlossen, Änderungen durchzusetzen. Aber die meisten von uns waren nicht gut ausgebildet, hatten keinen politischen Hintergrund, konnten keine Prioritäten setzen", räumt er ein. Er setzt heute auf Wandel statt auf Revolution, auch wenn er weiß, dass der Spielraum eng ist, da jedes falsche Wort ins Gefängnis führen kann.

Bassem Kamel |

Hofft weiter auf einen Wandel: Bassem Kamel

"Unterdrückung doppelt so schlimm"

Mohamed Zaree dagegen zieht eine bittere Bilanz nach zehn Jahren. Während der Proteste 2011 dokumentierte er Menschenrechtsverstöße, vermittelte Anwälte für verletzte Demonstranten. "Wir hatten die Diktatur, die miserable wirtschaftliche Lage satt. Wir waren voller Hoffnung", erzählt er. Als Direktor des "Kairo Instituts für Menschenrechtsstudien" mit 18 Mitarbeitern erhob er seine Stimme für Menschenrechte in Ägypten. Doch von 2014 an werden er und sein Institut mit Strafverfahren überzogen, die Konten eingefroren.

Heute ist der 40-Jährige Einzelkämpfer. Er darf das Land nicht mehr verlassen, wie er erzählt. "Die Regierung weiß, dass am 25. Januar 2011 etwas ganz Großes geschehen ist. Deshalb ist die Unterdrückung heute doppelt so schlimm, schlimmer als je zuvor - und kann mit nichts in der Vergangenheit verglichen werden", meint er. Aufgeben aber will er nicht: Die Menschen hätten gelernt, dass sie etwas bewegen können, den Lauf der Geschichte ändern können. Das bleibe.

Mohamed Zaree fährt Mountain-Bike | SWR

Aufgeben ist keine Alternative: Mohamed Zaree Bild: SWR

Zaree fährt seit einigen Monaten viel Rad, um sich zumindest für ein paar Stunden frei zu fühlen, auch wenn er das in Wahrheit nicht ist. Für ein freies Ägypten nach seiner Vorstellung wird er wohl noch einen langen Atem brauchen.

Mehr dazu sehen Sie heute im "Weltspiegel" ab 19.20 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 24. Januar 2021 um 19:20 Uhr.