Männer in der afghanischen Hauptstadt Kabul halten Panzerfäuste und Kalaschnikows in die Höhe. | AP

Widerstand gegen die Taliban "Die Menschen sind bereit zu kämpfen"

Stand: 23.06.2021 17:38 Uhr

Während die Taliban in Afghanistan ständig neue militärische Erfolge verkünden, formiert sich offenbar Widerstand im Land. Zivilisten bewaffnen sich, um gegen die radikalen Islamisten zu kämpfen.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu Delhi

Manche tragen Kalaschnikows, Flinten und Panzerfäuste. Viele sind aber auch unbewaffnet und recken einfach nur ihre Fäuste in die Luft. Sie sind Freiwillige, die bereit sind, ihre Provinz gegen die Taliban zu verteidigen.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

"10.000 freiwillige und einsatzbereite Männer"

Noor Habib Gul Bahahri gehört zu ihnen. Er ist ein ehemaliger Mudschaheddin-Führer und hat in den 1980er-Jahren gegen die sowjetische Besatzung gekämpft. Er lebt in der Provinz Parwan, etwas nördlich der Hauptstadt Kabul. "In Parwan bereiten sich etwa 10.000 freiwillige und einsatzbereite, bewaffnete Männer vor, um die Provinz zu verteidigen", sagt er.

Der afghanische Nachrichtensender Tolonews berichtet über den Widerstand, der sich in Parwan und an zahlreichen weiteren Orten in Afghanistan nun formiert: das erste Mal seit dem Beginn der verstärkten Angriffe der Taliban. Organisiert wird der Widerstand von Mudschaheddin-Führern, aber auch von lokalen Politikern.

Bereit zum Kampf gegen die Taliban

Die Menschen seien bereit, an die Front zu gehen, und gegen den internationalen Terrorismus zu kämpfen, sagt der Chef eines Provinzrates in Zentral-Afghanistan, Mohammad Hussain Sanaji. Sprich: gegen die Taliban kämpfen.

Im Norden des Landes, in Masar-i-Scharif, sind nach Angaben einer örtlichen Abgeordneten etwa 2000 Zivilisten bewaffnet. Tausende weitere junge Männer und Frauen stünden in der Region bereit - zur Abwehr der Taliban. Es fehle ihnen aber an Waffen und Verpflegung.

Zuvor waren die Taliban bis nach Masar-i-Scharif vorgedrungen. Dorthin, wo die Bundeswehr gerade ihren Abzug vorbereitet. Taliban posierten mit Kalaschnikows vor dem westlichen Stadttor und prahlten damit bei Twitter.

Eine Spezialeinheit der afghanischen Armee konnte die Angreifer zurückschlagen. Die Bundeswehr sei auf alles vorbereitet, so ein Bundeswehrsprecher, Gefahr bestehe derzeit aber nicht.

Militärische Erfolge für die Taliban

Militärisch können die Taliban immer mehr Erfolge vorweisen - und sie gingen dabei strategisch vor, sagt Deborah Lyons, UN-Sonderbeauftragte für Afghanistan:

Mehr als 50 der 370 Bezirke Afghanistans sind seit Anfang Mai gefallen. Die meisten Distrikte, die eingenommen wurden, sind um Provinzhauptstädte herum. Das deutet darauf hin, dass die Taliban sich in Position bringen, um zu versuchen, diese Hauptstädte einzunehmen, sobald die ausländischen Truppen vollständig abgezogen sind.

Kämpfe gibt es derzeit offenbar vor allem um Kundus im Nordosten. Dort waren die letzten Bundeswehrsoldaten im April abgezogen. Die Stadt ist mehr oder weniger umzingelt. Die Taliban konnten einen strategisch wichtigen Grenzübergang zu Tadschikistan einnehmen. Afghanische Regierungssoldaten seien ins Nachbarland geflohen.

Beratungen in Washington

Der Regierung in Kabul wirkt angesichts der Angriffe hilflos. Sie wirft den Taliban vor, das Land zu terrorisieren. "Ein Talib, das ist derjenige, der Journalisten und Geistliche getötet hat", sagt Wahid Omar, Berater von Präsident Ashraf Ghani. "Ein Talib, das ist derjenige, der Brücken, Schulen und Kliniken zerstört, und diese Zerstörungen sind die Botschaft für die Menschen."

Der afghanische Präsident Ghani selbst fliegt noch in dieser Woche nach Washington, zusammen mit dem Verhandlungsführer der Kabuler Regierung im inner-afghanischen Friedensprozess, Abdullah Abdullah. Sie sollen US-Präsident Joe Biden treffen. Man wolle nach Lösungen suchen, heißt es. Doch ohne die Taliban wird das sehr schwer werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Juni 2021 um 10:29 Uhr.