Afghanen vor dem Flughafen in Kabul | EPA

Afghanistan Taliban feuern Warnschüsse am Flughafen ab

Stand: 19.08.2021 14:51 Uhr

Am Flughafen von Kabul herrscht weiterhin Chaos. Taliban-Kämpfer feuerten Warnschüsse ab, um die vielen Menschen zurückzudrängen, die auf das Flughafengelände gelangen wollten. Die Bundeswehr setzte die Evakuierungsflüge aus Kabul fort.

In der afghanischen Hauptstadt Kabul spielen sich am Flughafen weiterhin chaotische Szenen ab. Taliban-Kämpfer feuerten Warnschüsse ab, um die Menschenmenge zurückzudrängen, die auf das Gelände des Flughafens gelangen wollte. Viele der Menschen liefen daraufhin in Panik davon, wie Augenzeugen berichteten.

Zahlreiche Afghanen versuchen verzweifelt, über einen der Evakuierungsflüge westlicher Staaten, vor allem der USA, ins Ausland zu gelangen. Rund um den Flughafen haben die Taliban Kontrollposten errichtet. Für viele, auch Bürger westlicher Staaten, gibt es dort kaum ein Durchkommen. Auch die US-Soldaten auf dem Flughafen wollen verhindern, dass Menschenmassen unkontrolliert aufs Flugfeld strömen, wie es am Montag passierte. Mindestens sieben Menschen kamen dabei ums Leben.

Taliban: zwölf Menschen seit Sonntag gestorben

Die Taliban forderten alle Menschen ohne Reisegenehmigung auf, den Flughafen zu verlassen. Ein Vertreter der Islamisten erklärte zudem, seit Sonntag seien zwölf Menschen bei Massenpaniken gestorben oder erschossen worden.

Bundeswehrgeneral: "Dramatische Szenen"

Auch nach Angaben des Bundeswehrgenerals Jens Arlt, der den deutschen Evakuierungseinsatz vor Ort führt, ist die Lage am Flughafen von Kabul "angespannt". Es spielten sich "dramatische Szenen ab", sagte er. Arlt war in einer Online-Pressekonferenz des Bundesverteidigungsministeriums telefonisch aus Kabul zugeschaltet. "Es ist sehr, sehr turbulent alles", sagte Arlt. "Sie werden vielleicht den einen oder anderen Schuss im Hintergrund hören. Sie sehen die verzweifelten Augen der Afghanen und auch der Staatsbürger unterschiedlicher Nationen, die einfach versuchen, in den inneren Bereich des Kabul International Airports zu gelangen, das ist schon dramatisch, was wir sehen."

Der General berichtete von äußeren Kontrollringen der Taliban rund um den Flughafen und Zugängen, die von den USA und andere Nationen besetzt seien. Die Menschen müssten zunächst den Außenbereich erreichen. Es gebe Ausgangssperren in der Stadt, Straßen seien zudem verstopft. Menschen, die in Innenbereich des Flughafens wollten, hätten das Gefühl, dass ihnen die Zeit davonlaufe.

Nach Arlts Angaben versuchen "unterschiedliche Vertreter" der deutschen Seite, in den Außenbereichen "unsere Leute" zu finden. "Dann müssen sie wie die Nadel im Heuhaufen versuchen, dort jemanden herauszupicken. Der muss dann auch eine Chance haben, durch diese Massen nach vorne zu kommen, dass sie ihn dann in den inneren Bereich bringen. Das ist die große Herausforderung."

Bundeswehr flog bislang mehr als 900 Menschen aus

Die Bundeswehr hat bislang mehr als 900 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Gegen drei Uhr nachts sei ein A400M mit 211 Personen an Bord in der usbekischen Hauptstadt Taschkent gelandet, teilte das Einsatzführungskommando der Bundeswehr auf Twitter mit. Von dort sollen sie weiter nach Deutschland gebracht werden. Im Laufe des Tages werde die Evakuierung mit weiteren Flügen fortgesetzt

In Frankfurt am Main landeten am frühen Morgen zwei Maschinen aus Taschkent mit Hunderten Menschen an Bord, die zuvor aus Afghanistan in Sicherheit gebracht worden waren. Insgesamt beförderten die beiden Flieger von Lufthansa und Uzbekistan Airways rund 500 Menschen.

"Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Chaos"

Nach ihrer Landung berichteten Passagiere von schlimmen Erlebnissen und chaotischen Verhältnissen am Flughafen in Kabul. Ein Mann sagte, er habe Tote gesehen und Schüsse gehört. "Es ist schrecklich. Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Nur Chaos." Am Flughafen müsse man auch durch eine Barriere der Taliban durchgehen. Afghanische Sicherheitskräfte hätten geschossen. Er habe mitbekommen, wie Menschen gestorben seien.

Dem ARD-Studio Neu-Delhi gegenüber berichteten Ortskräfte, die eigentlich ausgeflogen werden sollten, dass sie nicht zu den Bundeswehrflugzeugen kämen. Vor dem Eingang des Flughafens herrsche Chaos, auch in der Nacht. Es gebe immer wieder Warnschüsse, Tränengas werde eingesetzt.

"So viele Menschen wie möglich ausfliegen"

Nach den ersten Rettungsflügen hatte Bundesaußenminister Heiko Maas gestern gesagt, dies könne nur der Anfang sein. Deutschland wolle so viele Menschen wie möglich ausfliegen. Laut Auswärtigem Amt waren unter den Passagieren der ersten vier deutschen Flüge 189 Deutsche sowie 202 afghanische Staatsangehörige - beispielsweise Familienangehörige von deutschen Staatsbürgern und Ortskräfte deutscher Organisationen.

Die sogenannte Luftbrücke soll, solange es die Sicherheitslage zulässt, fortgesetzt werden. Die Flugzeuge würden so gut es geht ausgelastet. "Wir müssen davon ausgehen, dass das Zeitfenster begrenzt ist", sagte Maas vor der Presse. Die Beteiligten bemühten sich, den Zeitraum voll auszuschöpfen.

Der deutsche Botschafter Markus Potzel soll inzwischen in Doha eingetroffen sein, wo er erste Gespräche mit Vertretern der Taliban geführt hat. Diese blieben jedoch bislang ohne Ergebnisse. "Wir haben bisher keine belastbaren Sicherheitszusagen, dass die Taliban afghanische Staatsangehörige frei zum Flughafen passieren lassen", so Maas. Die Gespräche würden heute fortgesetzt. Der Diplomat wolle darauf hinwirken, "dass auch Ortskräfte sich an den Flughafen begeben können und auch ausgeflogen werden können". Bisher gelingt dies offenbar nur wenigen Ortskräften.

Bundeswehrverband: "Politisches Desaster"

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, André Wüstner, sprach im ARD-Morgenmagazin angesichts der Situation und dem späten Start der Evakuierungen von einem "politischen Desaster". Der Generalinspekteur der Bundeswehr habe schon vor Monaten Evakuierungspläne ausarbeiten lassen. Man sei rund um die Uhr vorbereitet. "Aber es ist immer eine Frage der politischen Lagebewertung, der politischen Entscheidung. Und die ist sehr spät gefallen."

Viele Bundeswehrsoldaten treibe die Frage um, ob der Verlust an Menschenleben, gescheiterte Ehen und Traumatisierungen den Einsatz in Afghanistan wert waren. Es gehe Vertrauen verloren in die Politik. "Über das Thema Verantwortung muss noch gesprochen werden."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. August 2021 um 14:00 Uhr.