Sabiullah Mudschahid, Sprecher der Taliban | dpa

Drohende Wirtschaftskrise Taliban bitten Deutschland um Hilfe

Stand: 19.09.2021 20:21 Uhr

Die Taliban haben Deutschland und andere Staaten um humanitäre Hilfe gebeten. Nach Ansicht von Experten steht Afghanistan vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Zudem verschärfen Bombenanschläge die Lage im Land.

Angesichts einer sich zuspitzenden Wirtschaftskrise haben die militant-islamistischen Taliban Deutschland und andere Staaten um humanitäre Unterstützung gebeten. Dabei könne es sich um Investitionen, Wiederaufbauprojekte oder "jede Art von humanitärer Unterstützung" handeln, sagte ihr Sprecher Matiullah Ruhani am früheren Bundeswehr-Standort Kundus.

Ruhani warf der internationalen Gemeinschaft vor, 20 Jahre lang eine "korrupte Regierung" unterstützt, dann aber mit der Machtübernahme der Taliban ihre Hilfe eingestellt zu haben. Die Taliban hätten Frieden nach Afghanistan gebracht, betonte der Sprecher. "Wir sind keine Terroristen."

Zugleich warnten die Taliban wegen der Blockade finanzieller Mittel des afghanischen Staates mit internationalen Konsequenzen. "Wir versuchen auf allen Wegen, mit den Regierungen der USA und Europas, der Weltbank zu verhandeln, unsere Guthaben freizubekommen", sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid in einem vom "Spiegel" veröffentlichten Interview. "Das ist unser Geld." Afghanistan brauche die Mittel für den Wiederaufbau. "Wenn die Weltgemeinschaft unsere Guthaben blockiert, ihre Hilfen einfriert oder die Kommunikation verweigert, wird es fatal für uns sein, aber auch ein großes Problem für die Welt."

Röttgen befürwortet humanitäre Hilfe

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen sprach sich für die Leistung humanitärer Hilfe an Afghanistan aus. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages sagte im Bericht aus Berlin: "Humanitäre Hilfe ist nicht Entwicklungshilfe. Das zielt direkt auf Menschen, die hungern, die in Not sind." Das gelte für Deutschland immer unabhängig vom politischen System.

Derzeit können Afghanen pro Kontoinhaber nur einmal in der Woche Geld bei der Bank abheben, und zwar den Gegenwert von 200 Dollar (170 Euro) in Afghani, der Landeswährung, die für Importe aus dem Ausland unbrauchbar ist. Für eine Großfamilie reicht der Betrag kaum zum Überleben. Mitarbeiter der Regierung haben in Kundus seit zwei Monaten kein Gehalt mehr bekommen. Gleichzeitig explodieren die Lebenshaltungskosten, die Armut nimmt zu.

Es droht ein wirtschaftlicher Zusammenbruch

Ein Finanzexperte in Kundus, der schon für die alte Regierung tätig war und auch für die neue arbeitet, warnt, dem Land drohe schon bald der wirtschaftliche Zusammenbruch, sollten die Taliban keine Hilfe aus dem Ausland bekommen. Den Menschen in Kundus sei das nur noch nicht bewusst.

Hinzu kommt, dass Afghanistan angesichts mehrerer Anschläge auch mehr als einen Monat nach der Machtübernahme der Islamisten nicht zur Ruhe kommt. Erst heute wurden in der afghanischen Stadt Dschalalabad mehrere Menschen bei einem Bombenanschlag auf ein Fahrzeug mit Taliban-Kämpfern verletzt. Zudem wurden am Samstag mindestens zwei Menschen bei einem Anschlag auf ein Polizeifahrzeug der Taliban in der Hauptstadt Kabul getötet und 19 weitere verwundet.

Widerstand gegen Taliban-Herrschaft

In Teilen der Bevölkerung regt sich zudem Widerstand gegen die Herrschaft der Taliban. So appellierten mehr als 100 afghanische Journalisten an die internationale Gemeinschaft, in ihrer Heimat die Pressefreiheit zu schützen. Übergriffe auf Fotografen und Reporter ließen Schlimmstes befürchten, heißt es in einem Appell, den die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) veröffentlichte.

In Kabul forderten zwei Dutzend Frauen ein Recht auf Arbeit, Bildung und Freiheit. "Frauenrechte und Menschenrechte", riefen die Frauen, wie Aufnahmen örtlicher Medien zeigten. Die Taliban-Herrschaft zwischen 1996 und 2001 zeichnete sich insbesondere durch die Unterdrückung von Frauen aus. Viele fürchten, dass die Islamisten nun wieder ähnliche Regeln einführen. Bisher haben sie Mädchen den Besuch weiterführender Schulen untersagt und Universitäten angewiesen, nach Geschlechtern zu trennen.

Zweifelhafte Rolle der USA

"20 Jahre haben Frauen für ihre Rechte gekämpft", sagt die Radiomoderatorin Nadia Safi. Sie moderierte ihre letzte Sendung am 7. August, am Tag danach eroberten die Taliban Kundus. Seitdem ist Radio Zohra ein Frauensender ohne Frauenstimmen im Liveprogramm. Safi wolle die Hoffnung nicht aufgeben. "Aber natürlich war die erste Taliban-Regierung keine gute Erfahrung für uns. Und es sind dieselben Leute." Die junge Frau glaubt, die Bundeswehr sei zu früh abgezogen.

Auch der deutsche Ex-Diplomat Christoph Heusgen kritisiert das Vorgehen und nimmt dabei insbesondere die USA in den Blick. Hinsichtlich der Afghanistan-Politik des früheren US-Präsidenten Donald Trump sagte er dem "Spiegel": "Die Trump-Administration war ein diplomatischer Amateurhaufen." Es sei ein schwerer Fehler gewesen, ein Abkommen mit den Taliban zu schließen und die afghanische Regierung beiseitezulassen.

Die künftige Rolle der USA stellt auch CDU-Politiker Röttgen infrage. Europa müsse realisieren, dass die USA andere politische Prioritäten hätten, nämlich China und den Einfluss im Indopazifik. Dort spiele die EU keine relevante Rolle. Stattdessen müsse Europa ein großer Spieler sein, wo sich die USA sukzessive zurückziehen - an den östlichen und südlichen Rändern Europas und im Nahen und Mittleren Osten, so Röttgen. "Dort müssen wir mehr eigenen Willen und eigene Fähigkeiten haben, unsere Interessen zu vertreten."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. September 2021 um 08:23 Uhr.