Soldaten halten in der Nähe der Front der einander gegenüberstehenden Taliban und der afghanischen Sicherheitskräften an einer Straße. | dpa

Taliban-Vormarsch in Afghanistan Tadschikistan in Alarmbereitschaft

Stand: 10.07.2021 11:41 Uhr

Tadschikistan blickt mit Sorge auf das Vorrücken der Taliban in Afghanistan. Zehntausende Reservisten sollen nun die eigene Grenze schützen. Mehr als 1000 afghanische Soldaten flüchteten bereits in das Nachbarland.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Auf einem kargen, steinigen Feld in Berg Badachschan reiht sich Zelt an Zelt. Männer unterschiedlichsten Alters hocken auf Matten und Decken. Viel haben sie offensichtlich nicht bei ihrer Flucht aus Afghanistan mitnehmen können. Dort sind die Taliban weiter auf dem Vormarsch.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Wo genau die Bilder des afghanischen Botschafters in Tadschikistan, die die Nachrichtenagentur Asia Plus jetzt veröffentlichte, entstanden sind, wird offen gelassen - aus Sicherheitsgründen.

Mehr als 1000 Flüchtlinge sollen inzwischen in dem Lager leben. Unter ihnen viele afghanische Soldaten, die sich vor den radikal-islamischen Taliban in Sicherheit gebracht haben.

Karte: Tadschikistan mit Duschanbe und Afghanistan mit Kundus

Die ehemalige Sowjetrepublik Tadschikistan grenzt im Süden an Afghanistan.

"Wir hatte keine andere Wahl"

Es sei um ihr Leben gegangen, sagt ein junger Mann in einem Video, das von der Regionalverwaltung Berg Badachschans veröffentlicht wurde:

Wir hatten keine andere Wahl, als uns ins benachbarte Tadschikistan zurückzuziehen, als die Taliban weiter Richtung Grenze vorrückten. Wir wurden gerettet, weil Tadschikistan die Grenze geöffnet hat. Wir werden jetzt an einen sicheren Ort gebracht. Der Feind ist auf der anderen Seite - in Afghanistan. Aber er ist sehr, sehr nah.

Bewohner des tadschikischen Grenzortes Chorug filmten, wie die radikal-islamischen Taliban die afghanische Flagge wegwarfen und am Grenzposten ihre eigene hissten.

20.000 Reservisten mobilisieren

Der Chef des Vereinigten Stabs der OVKS, des östlichen Verteidigungsbündnisses, Anatoli Sidorow, geht davon aus, dass die Taliban inzwischen weite Teile der afghanisch-tadschikischen Grenze unter ihre Kontrolle gebracht haben. "Tadschikistan hat angekündigt, bis zu 20.000 Reservisten mobilisieren zu wollen, um im Ernstfall die Grenze verteidigen zu können", so Sidorow. Entsprechende Vorbereitungen liefen bereits. Auch eine russische Militärbasis in Tadschikistan habe Gefechtsbereitschaft geprobt.

"Falls erforderlich, werden sehr entschlossen zusätzliche Maßnahmen im Sinne der russisch-tadschikischen Allianz ergriffen, um keine Aggressionen oder territorialen Provokationen zuzulassen", erklärte Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa.

Taliban-Vertreter sehen Sorge unbegründet

Vertreter der Taliban, die in Moskau mit dem Afghanistan-Beauftragten des russischen Präsidenten zusammengekommen waren, versicherten, Sorgen dieser Art seien unbegründet. "Unser Territorium wird niemals gegen unsere Nachbarn und befreundete Länder benutzt werden", erklärte der Leiter der Delegation, Schahabuddin Delawar, auf einer Pressekonferenz in Moskau.

Kreml nimmt Lage ernst

Dass die Taliban-Vertreter hier überhaupt empfangen wurden, zeigt, wie ernst der Kreml die Lage nimmt. Denn die Taliban sind in Russland als extremistische Organisation eingestuft und somit verboten. Die Kontakte seien wichtig, erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Vor dem Hintergrund der angespannten Lage in Afghanistan und mit Blick auf die Entwicklung an der Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan seien diese Verhandlungen notwendig.

Eine Haltung, die auch der Afghanistan-Experte Wassilij Krawzow teilt, der eine Organisation von KGB-Veteranen leitet. "Allerdings entwickelt sich die militärisch-politische Lage vor Ort so schnell, dass es kaum Hoffnung gibt, dass solche Bemühungen erfolgversprechend sind." Gehe die Staatlichkeit Afghanistans aber verloren, sei die Gefahr groß, dass sich das Land erneut in ein Sammelbecken des internationalen Terrorismus verwandle.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 10. Juli 2021 um 11:36 Uhr.