Afghanische Flüchtlinge an der Grenze zu Pakistan | dpa

Afghanistan UN warnen vor wirtschaftlichem Kollaps

Stand: 11.09.2021 11:10 Uhr

Seit der Machtübernahme der Taliban ist die Wirtschaft Afghanistans zusammengebrochen. Viele Menschen sind auf der Flucht im eigenen Land. Die UN fürchten eine humanitäre Krise.

Von Bernd Musch-Borowska, NDR

Afghanische Flüchtlinge in einem Lager auf der pakistanischen Seite der Grenze. Immer wieder schaffen es ganze Gruppen und Familien, das Land auf dem Landweg zu verlassen, obwohl es auf der Straße von der südafghanischen Stadt Kandahar nach Pakistan gefährlich ist. Und längst nicht jeder wird durchgelassen.

Ihr Sohn sei noch drüben, sagte eine afghanische Frau in Chaman gleich an der pakistanischen Grenze einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Dabei brauche sie seine Unterstützung, denn sie habe kein Geld und bekomme keine Hilfe.

Viele Flüchtlinge im eigenen Land

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen gibt es aber noch keine großen Flüchtlingsströme in die Nachbarländer. "Was wir aber feststellen, sind immer mehr Flüchtlinge im eigenen Land", sagte der Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, Filippo Grandi, bei einer Pressekonferenz in der Türkei. Mindestens dreieinhalb Millionen Menschen seien innerhalb Afghanistans auf der Flucht, davon etwa eine halbe Million, die in jüngster Zeit hinzugekommen seien, so Grandi. "Wir sind sehr besorgt, dass die grundlegende Versorgung, das Gesundheitswesen, der Bildungsbereich zusammenbrechen könnte. Denn dann bekommen wir eine massive humanitäre Krise und noch viel mehr Flüchtlinge."

Gerade in den Flüchtlingslagern in Afghanistan sei die Versorgungslage dramatisch, sagte die Direktorin des UN-Welternährungsprogramms, Anthea Webb. Neun von zehn Afghanen hätten nicht mehr genug zu essen. "Die Zahl der Familien, die zu extremen Maßnahmen greifen müssen, um zu überleben, hat sich verdoppelt. Dazu gehört, dass ganze Mahlzeiten ausfallen müssen oder nur die Kinder etwas zu essen bekommen und die Erwachsenen verzichten", sagte Webb. "Oder dass nur noch sehr kleine Portionen gegessen werden, damit die geringen Vorräte möglichst lange halten." In drei von vier Familien müssten solche Maßnahmen angewandt werden.

Weit verbreitete Armut droht

Nach Einschätzung der Vereinten Nationen droht Afghanistan in den kommenden Monaten eine weit verbreitete Armut. Fast die gesamte Bevölkerung werde davon betroffen sein, hieß es. Seit der Machtübernahme der Taliban sei die Wirtschaft des Landes weitgehend zusammengebrochen, viele Afghanen hätten ihre Jobs verloren und nun kaum noch Geld.

UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnte vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch des Landes. Um das zu verhindern, sei auch ein Dialog mit den Taliban nötig, sagte Guterres bei einer Pressekonferenz in New York. "Wir sind in ständigem Kontakt mit den Taliban und ich glaube, dieser Dialog ist dringend notwendig im Moment. Das bedeutet keine Anerkennung des Islamischen Emirates, aber wir müssen alles tun, damit die Wirtschaft des Landes nicht vollends zusammenbricht", sagte der UN-Generalsekretär.

Im Moment könnten sogar die UN-Institutionen in Afghanistan ihre Leute nicht mehr bezahlen. "So eine instabile Situation ist geradezu ein Geschenk für alle Terrorgruppen, die dort noch aktiv sind", sagte Guterres.

In der kommenden Woche findet in Genf eine UN-Geberkonferenz für Afghanistan statt. Auch Bundesaußenminister Heiko Maas wird erwartet. Die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen brauchen dringend Geld: mehr als 600 Millionen US-Dollar allein für die kommenden vier Monate.

Über dieses Thema berichteten am 11. September 2021 Deutschlandfunk um 06:48 Uhr und BR24 um 11:36 Uhr.