Ein Transportflugzeug vom Typ Airbus A400M der Luftwaffe startet auf dem Fliegerhorst Wunstorf. | dpa

Afghanistan Deutscher Evakuierungseinsatz verzögert sich

Stand: 16.08.2021 20:25 Uhr

Mehrere Maschinen der Bundeswehr sind Richtung Afghanistan gestartet, um deutsche Staatsbürger und Ortskräfte auszufliegen. Derzeit können aber keine Flugzeuge in Kabul landen.

Der Einsatz der Bundeswehr zur Rettung deutscher Staatsbürger und Ortskräfte aus Afghanistan verzögert sich.

Eine A400M Transportmaschine war am Nachmittag Richtung Kabul gestartet, zog dann Warteschleifen in der Luft und musste schließlich zum Nachtanken in ein Drittland umgeleitet werden. Zivilisten auf dem Flugfeld verhinderten die Landung der Maschine, hieß es aus Militärkreisen. Demnach soll sie im Kabuler Luftraum durch eine andere Maschine ersetzt werden. Auf diese Weise bleibe die Luftwaffe in der Lage, jede Gelegenheit zur Landung zu nutzen, hieß es.

Eine oder zwei A400M warten aufgetankt im aserbaidschanischen Baku. Ein A400M, der für medizinische Transporte ausgerüstet ist, sowie ein Airbus A310 starteten vom niedersächsischen Wunstorf nach Taschkent. Die usbekische Hauptstadt soll Drehscheibe für den Evakuierungseinsatz werden.

Angriff der Taliban Grund für Verzögerung?

Das Magazin "Business Insider" berichtete unter Berufung auf ein Kanzleramt-Protokoll, dass ein Angriff der radikalislamischen Taliban auf den Flughafen von Kabul der Grund für die Verzögerung sei. Am späten Sonntagnachmittag hätten Kämpfer der Miliz den militärischen Teil des Flughafens in einem Bereich angegriffen, der für den Zugang zum Airport eine Schlüsselrolle habe.

Während der Angriff lief, hätten sich demnach etwa 70 Deutsche, darunter zwölf Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, von Sicherheitsdiensten und der Bundespolizei, im militärischen Teil des Flughafens aufgehalten und auf Rettung gehofft, schrieb das Magazin. Knapp 40 Deutsche sollten mithilfe der USA nach Doha ausgeflogen werden. Wegen des Angriffs sei dies aber offenbar über Stunden bis in die Nacht hinein verschoben worden. Letztlich hätten Soldaten der USA und der Türkei den Taliban-Angriff abgewehrt.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amts hatte am Vormittag gesagt: "Wir haben Meldungen gesehen (...), dass dort derzeit keine Flugbewegungen stattfinden können, weil sich dort eine große Zahl verzweifelter Menschen auf dem Rollfeld aufhält." Auch das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass die US-Truppen am Flughafen Kabul zunächst wieder Ordnung und Sicherheit herstellen müssen, bevor es voraussichtlich ab Dienstag erneut Evakuierungsflüge geben könne.

Fallschirmjäger sichern Einsatz ab

Spezielle für einen solchen Einsatz ausgebildet sind die Fallschirmjäger der Division Schnelle Kräfte. Zudem sind deutsche Militärpolizisten ("Feldjäger") und Bundeswehrsanitäter beteiligt. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sind zudem zwei sogenannte Krisenunterstützungsteams aus Experten verschiedener Ministerien gebildet worden: Eines ist auf dem Weg nach Kabul, das andere soll den Rettungseinsatz von Taschkent aus organisieren.

Nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas wird ein "operatives Kernteam" der Botschaft in Kabul am militärisch gesicherten Teil des Flughafens bleiben, um die Arbeitsfähigkeit der Botschaft zu erhalten und um die weiteren Evakuierungsmaßnahmen begleiten zu können. Gestern waren alle Mitarbeiter der deutschen Botschaft und anderer Landesvertretungen zum Flughafen gebracht worden, der von Tausenden US-Soldaten abgesichert wird.

Es ist der bislang wohl größte Evakuierungseinsatz der Bundeswehr - und ein besonders brisanter. "Fest steht: Es ist ein gefährlicher Einsatz für unsere Soldatinnen und Soldaten", schrieb das Verteidigungsministerium auf Twitter.

Mehrere hundert deutsche Soldaten eingeplant

Für den Evakuierungseinsatz der Bundeswehr plant die Bundesregierung ein Parlamentsmandat für "einige hundert Soldaten". Dies teilte die Regierung am Sonntagabend bei einer Unterrichtung von Bundeskanzlerin Merkel für die Spitzen der Bundestagsfraktionen mit, wie das ARD-Hauptstadtstudio aus Teilnehmerkreisen erfuhr.

Am Mittwoch solle das Kabinett die Vorlage verabschieden, in der kommenden Woche dann der Bundestag in einer Sondersitzung abstimmen. Nach Konsultation mit den USA gehe die Bundesregierung von einem "Operationsfenster bis zum 31. August" aus, hieß es weiter. Die Regierung wollte aber nicht ausschließen, dass sich dieses Fenster für die Evakuierungseinsätze der Bundeswehr früher schließt.

Noch diese Woche am Mittwoch will sich der Verteidigungsausschuss des Bundestags zu einer Sondersitzung treffen. Ebenfalls für Mittwoch ist nach dpa-Informationen bereits am Vormittag eine Sitzung des Auswärtigen Ausschusses geplant.

Scharfe Kritik am Ablauf

Am Tempo der Evakuierungsaktion gibt es indes massive Kritik aus der Opposition. Der FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff sagte der "Welt", Bundesaußenminister Heiko Maas, Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer und Innenminister Horst Seehofer hätten "auf ganzer Linie versagt".

Auch für Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter ist die Aktion zu spät angelaufen. "Man muss sich fragen, warum die Bundesregierung so überrascht wirkt vom schnellen Vorstoß der Taliban", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Der außenpolitische Sprecher der Grünen, Omid Nouripour, sagte im ARD-Morgenmagazin: "Die Bundesregierung hat jahrelang Zeit gehabt, einen Plan zu machen für diesen Augenblick. Und dieser Plan ist ausgeblieben. Damit hat die Bundesregierung versagt."

Der Fraktionsgeschäftsführer der Linkspartei im Bundestag, Jan Korte, nannte das Agieren vor allem von Maas "skandalös". Korte warf dem Außenminister vor, damit Menschenleben zu gefährden.

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland kritisierte in der "Welt", die Bundesregierung habe den richtigen Zeitpunkt für die Evakuierung "verschlafen".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 17:00 Uhr.