Archivbild: Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan | dpa
Analyse

Konflikt am Hindukusch Afghanistan nicht im Stich lassen

Stand: 18.02.2021 04:22 Uhr

Die NATO-Staaten ringen mit der Frage, wie schnell sie Truppen aus Afghanistan abziehen können. Der Westen und auch die Deutschen haben so viele Fehler begangen, dass sie das Land im Chaos zurücklassen würden.

Eine Analyse von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Satz, der schon in den Jahren ab 2006 in Afghanistan kursierte. In jenen Jahren also, als sich die Lage am Hindukusch dramatisch verschlechterte, aber niemand das so richtig wahrhaben wollte, schon gar nicht in Deutschland. "Ihr habt die Uhren - wir haben Zeit", so lautete dieser Satz.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Die Extremisten richteten ihn an die Adresse des Westens. Ausdrücken sollte er: "Wir müssen doch nur abwarten. Ihr seid irgendwann wieder weg und wir dann zurück." Nun, ganz weg aus Afghanistan sind NATO und Bundeswehr noch nicht. Aber die Taliban sind stark wie nie, seit der US-Einsatz ihr islamistisches Horrorregime nach dem 11. September 2001 hinwegfegte. 

Nichts regt sich bei den Verhandlungen

Jedenfalls hat sich deutlich gezeigt, was passiert, wenn man von Seiten des Westens mit einem Countdown versehene Uhren stellt und geplante Abzüge an feste Daten knüpft. Genau das hatte US-Präsident Trump getan, als er mit den Extremisten das Abzugsdatum 30. April aushandeln ließ.

Die Folge: Nichts regt sich derzeit bei den Verhandlungen zwischen Taliban und afghanischer Regierung in Doha, die Gewalt im Land eskaliert, afghanische Polizisten, Soldaten, Zivilisten müssen mehr denn je um ihr Leben fürchten.

Mitten in dieser Lage nun so zu tun, als sei die Arbeit erledigt und die Truppen - auch die deutschen - endgültig abzuziehen, wäre verheerend: Sämtlicher Druck, sich am Verhandlungstisch noch irgendwie zu bewegen, würde von den Taliban abfallen. Denn sie hätten ja ihr Ziel erreicht: Die feindlichen Soldaten inklusive der Bundeswehr aus dem Land zu jagen. Sie könnten umso unbehelligter ihr Ansinnen fortsetzen, Afghanistan wieder in ein islamistisches Emirat zu verwandeln. Das Land würde dann wohl endgültig wieder in Chaos und Bürgerkrieg versinken.

Bevölkerung traute man Wahrheit nicht zu

Nun ist die Frage nicht ganz unberechtigt, ob das nicht ohnehin passieren wird. Die Gefahr besteht in der Tat. Nur hieße eben ein Blitzabzug der westlichen Truppen und der Bundeswehr auch, das letzte Hoffnungspflänzchen "Friedensverhandlungen" sofort wieder zu zertrampeln. Insofern ist der Ansatz von Bundesregierung und NATO, sich eher wieder an den Bedingungen vor Ort zu orientieren und weniger an tickenden Uhren, grundsätzlich richtig.

Was allerdings auch passieren muss, ist, die zum Teil haarsträubenden und auch von deutscher Seite gemachten Fehler der nunmehr fast 20 Jahre am Hindukusch aufzuarbeiten. Die Liste ist lang. Herausgegriffen sei an dieser Stelle nur die Unaufrichtigkeit, mit der Politik und Streitkräfte diesen Einsatz spätestens seit den gefährlichen Jahren 2005/2006 begleitet haben.

Auch als sich deutsche Soldaten im Staub von Nordafghanistan schon fast täglich Gefechte mit den Taliban lieferten, versuchten Kanzlerin und Co noch, den Deutschen hierzulande Sand in die Augen zu streuen. Weil man der Bevölkerung nicht zutraute, die Wahrheit ertragen zu können.

Verdruckster Umgang mit Auslandseinsätzen

Auch wenn sich die Politik im Jahr 2010 endlich dazu durchrang, von "Krieg" am Hindukusch zu sprechen - dieser verdruckste Umgang mit fast sämtlichen Auslandseinsätzen der Bundeswehr hält bis heute an. Misstrauen aber lässt sich durch Schweigsamkeit nicht wirksam begegnen. 

Zur Wahrheit gehört auch, offen einzugestehen: Wenn die Bundeswehr länger in Afghanistan bleibt, wird das keine "Hexerei am Hindukusch" bewirken, in deren Folge sich morgen die Taliban ergeben. Doch gerade jetzt nur auf Zeitpläne und die eigene innere Sanduhr zu schauen und überstürzt abzuziehen, hieße, die afghanische Bevölkerung im Stich zu lassen. Das haben die Menschen in dem geschundenen Land nicht verdient.